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Fokus
1/2.2010


 Wie klingen Bilder? Jenseits synästhetischer Erfahrungen, religiöser Visionen und Inspirationen durch den «sound of music» forscht die luxemburgische Künstlerin Su-Mei Tse zu jenen tonalen Qualitäten des Visuellen, die lauter, schmerzhafter tönen als von Bildern ausgelöste Stimmungen. Und bringt bisweilen Unerhörtes vor Augen.


Su-Mei Tse - Klang im Blick


von: J. Emil Sennewald

  
links: L'Echo, 2003, Video, Ton, 4'55', Courtesy Peter Blum Gallery, New York
rechts: Goldberg Variationen (1955/1981), 2009, in Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus, Nussbaum, 800 x 240 cm, Courtesy Serge Le Borgne, Paris.Foto: Jean-Lou Majerus


Wenn man sie sieht, die ruhigen Züge, die sanften Linien, könnte man vermuten, dass man es mit romantischen Kunstwerken zu tun hat. In «Mistelpartitur», 2006, grossformatigen Fotografien von Bäumen, nisten Misteln wie Noten, mit weissen und schwarzen Punkten markiert. Geschulte Betrachter können den Klang von Schostakowitschs «Cello Konzert Nr. 1 in E-Dur» sehen. Das Bild bezieht sich auf das Video «Mistelpartition», in dem die beliebten Parasiten durch Leuchtpunkte markiert sind. «Für mich sind die Fotos Skript zum Film», sagt Su-Mei Tse.
Ähnlich «Der Meister oder das Go-Turnier (nach Yasunari Kawabata)», 2006: Wir sehen vier grossformatige Close-ups von Spielsteinen des japanischen Brettspiels, die wie dreidimensionale Noten weich im Raum schweben. «Ein Bezug auf das Buch von Kawabata, auf die Dramatik, wenn der Meister bemerkt, dass er das Spiel verlieren wird. Aber ich wollte die Spielregeln entfernen, mir ging es um die Form der Figuren.» Ob Chiffrenschrift in der Natur oder Formensprache im Brettspiel: Su-Mei Tse übersetzt sie in visuelle Notationen.

Akustik des Visuellen
Fast an den Rand des Kitsches treibt sie diese bildliche Übertragung von Hörerfahrungen, wenn sie 1999, in Zusammenarbeit mit Jean-Lou Majerus, aus zwei Trompetenmuscheln einen Kopfhörer baut. «Sumy» hat sie eine Replik von 2001 genannt, mit Bezug auf Sony. Ihr Gesichtsausdruck, mit den zum stereophonen Massenprodukt transformierten Muscheln auf den Ohren, in denen man, wie jeder weiss, das Meer rauschen hört, wirkt fragend, fast zweifelnd, ernst, erwartungsvoll.
Der 36-jährigen Luxemburgerin, Tochter eines chinesischen Cellisten und Violonisten und einer englischen Pianistin, geht es nicht allein um Musik. Es geht ihr um die Akustik des Visuellen. Um die Frage: Wie klingen Bilder? Und darum, dass die Antwort immer etwas mit Enttäuschung, mit Schmerz zu tun hat. «Schmerzhafte Zwischentöne» nennt sie eine aktuelle Reihe von Zeichnungen, die Mauricio Kagels Partitionen schmerzhaft schräg aufnehmen.
«Manche Tat schreit ewig», schrieb einst Novalis in seinen romantischen Fragmenten. In Su-Mei Tses Werk sehen wir den Nachhall dieses Schreis, den die Bilder gefangen halten wollen. Das Foto «Pieds bandés, bound feet», 2000, zeigt in Frischhaltefolie eingebundene und zusammengezwängte Füsse. Mit Referenz an fernöstliche Kulturen der Frauenunterdrückung, erzählt das Bild von den Verformungen, die zur Schönheit und zur Perfektion führen sollen. Das verzerrte Foto «Der Specht» zeigt eine Hand, deren brutal zurückgekaute Fingernägel zuerst ins Gesicht schlagen. Und ihre «Chambre sourde» von 2003 gleicht eher einer Edgar Allan Poe'schen Folterkammer als einem Probenraum für Kammerorchester.
Su-Mei Tse muss gelitten haben unter der strengen Erziehung zur Musik, die aus ihr eine «wohltemperierte» klassische Cellistin machen sollte. Die vier Fotografien «Das wohltemperierte Klavier», 2001, zeigen brutal bandagierte Finger, die auf einer Klaviatur zu spielen versuchen. Als körperliche Umsetzung des mathematischen Genies Johann Sebastian Bachs, erzählen die Bilder auch von der Qual des Interpreten, der sich zur Grösse des Werks hinaufkrüppeln muss.

Vom Klang des Zwangs
Su-Mei Tse spricht nicht davon, doch in ihren Arbeiten wird der Schmerz sichtbar, den die Unterwerfung unter eine Technik bedeutet. Sie hat sich dagegen aufgelehnt, leise. E-Gitarren zerschmettern ist ihre Sache nicht. Lieber greift sie zum Cello, setzt sich vor einen Berg, in ein atemberaubend schönes Panorama, und spielt gegen den Raum an. Das Video «L'Echo», 2003, war auch im luxemburgischen Pavillon zu sehen, mit dem Su-Mei Tse 2003 den Goldenen Löwen der 50. Venedig-Biennale für den besten nationalen Beitrag erhielt. Alles ist da, in dem kurzen, intensiven Video: Landschaft, Erhabenheit, Verzweiflung, Schönheit und die erdrückende Grösse einer unerfüllbaren Aufgabe. Dasselbe Thema, etwas von ihrer Person abgerückt, deklinierte sie in dem Video «The Desert Sweepers», in dem Pariser Strassenkehrer erfolglos eine weite Sandwüste kehren.
«Aber es gibt auch einen Ausweg, eine Öffnung im Berg», betont sie, «etwas, in dem ein Nachhall entstehen kann, ein Raum, in dem es weitergeht.» Doch es zeichnet sich auch Hoffnung auf Zukunft ab - die fünf Sanduhren, die sie, wie viele ihrer Werke, gemeinsam mit Jean-Lou Majerus unter dem Titel «Personal times» von 2003 bis 2009 entwickelt hat, sind unterschiedlich gross, jede an eine bestimmte Person gebunden. An Motoren gekoppelt drehen sie sich wie ein Ballett der Zeit, abhängig von ihrer Grösse zu unterschiedlichen Momenten. Das Rieseln des Sandes gibt den Klang des sich unaufhaltsam neigenden Lebens, hält doch auch Gevatter Tod das Stundenglas in den knochigen Händen.

Schöne Schrecken
Drehung und Wendung sind wiederkehrende Motive im Werk, sie selbst findet «die Konstellation, die Komposition wichtig, den unendlichen Loop zwischen visuell und sonor, die Zeitlosigkeit - eine Ausstellung ist nur eine Momentaufnahme». Unübersehbar, wie sehr Su-Mei Tses Bildvokabular romantische Motive aufnimmt, wie ihr «Bird Cage» aus Neonröhren, 2007, oder ihr «Swing», eine Schaukel aus demselben Material, 2007. Doch zeigt sie die im 19. Jahrhundert noch so munter unternommene Suche nach der blauen Blume als erdrückendes Pflichtprogramm und ergründet subtil die Gewaltsamkeit dieses Erbes.
Langsam, bedrohlich fast drehte sich in 30 Metern Tiefe ein 9,5 Meter durchmessender Rotor im Halbdunkel der kilometerlangen Gänge der Champagnerkellerei Pommery in Reims. Das in die Horizontale gebrachte Windrad passte perfekt zu Ort und Ereignis. «Some airing», nach einer ersten Installation in einem taiwanesischen Bunker neu produziert für das experimentierfreudige Champagner-Kunstfestival «Expérience Pommery #5», 2008, erzeugte eine einzigartige Raumerfahrung. Der Rotor drehte genau auf Augenhöhe, durchschnitt den Blick des unterirdischen Besuchers. «Bilder verschmolzen vor meinem inneren Auge», beschrieb Enrico Lunghi, Direktor des Luxemburger Mudam, den Effekt des spiraligen Rotorsogs. Wieder spielte Su-Mei Tse gekonnt Schönheit gegen den von ihr maskierten Schrecken aus.
2009 erhielt sie für «some airing» den Preis für bildende Kunst der Fondation Prince Pierre de Monaco, dotiert mit 15'000 Euro plus derselben Summe für eine Neuproduktion. Tse überträgt ästhetische Erfahrung aus einem Raum in einen anderen. Wo passender wäre das möglich als in Monte Carlo? Die von Reichtum und Neigung zum Prunk geprägte Stadt erschien wie durch Schiessscharten im Ausstellungsraum der Fondation. Mangels Platz in der Ausstellung produzierte Tse ein Video des Windrads in den Kellern von Reims und liess das Geräusch als Sound-Teppich durch die ganze Ausstellung hallen. Blieb das Video hinter der physischen Erfahrung des Rotors zurück, so erzeugte der Klang eine Stimmung, die körperlich erfahrbar machte, was Nietzsche den Zwang des Rhythmus nannte: «Eine unüberwindliche Lust, nachzugeben, mit einzustimmen; nicht nur der Schritt der Füsse, auch die Seele selber geht dem Takte nach.»
«Bleeding Tools» nannte Tse die für die Fondation produzierte Installation. Eine Kammer, in der vergrösserte Tuschpinsel an Fleischerhaken von der Decke hängen. Die Pinsel sind mit Tusche getränkt, tropfen auf ein Blatt Papier und lassen so eine Partitur entstehen. Man muss unweigerlich an Rebecca Horns Installationen denken. «Ihr fühle ich mich nicht nahe», erläutert Tse, «Literatur und Sprache sind für mich wichtiges Bezugsfeld, Artaud, die Grenzüberschreitung, sowohl im physischen als auch im psychischen Sinne und die Assoziation zu totem Fleisch in dieser Arbeit.» Werkzeuge für höchst codierte Kunst - die asiatische Zeichnung - werden zu Metzgerware, das Produkt, die Zeichnung, erscheint als Blutlache. Krasser - und zugleich zurückhaltender, ästhetisch maskierter - kann man es kaum ausdrücken: Schönheit tötet. Wie Apoll den Marsyas.

J. Emil Sennewald, Kunstkritiker in Paris, befasst sich mit Bildtheorie und Methoden der Kritik und unterhält
den Projektraum café au lit in Paris.

Bis: 24.05.2010



«elles@centrepompidou», Centre Pompidou, Paris, bis 24.5.
«Schöne Neue Welt (aus Sicht der Mudam-Sammlung)», Luxemburg, 28.1.-23.5.
«Diagonales son, vibration et musique dans la collection du Centre national des arts plastiques», Ausstellungsreihe in zahlreichen Häusern Frankreichs, ab 11.2.-Januar 2011
Im Sommer wird Su-Mei Tse an der Ausstellung «Lebenszeichen» im Kunstmuseum Luzern (13.8.-28.11.) teilnehmen.

Su-Mei Tse (*1973) lebt und arbeitet in Luxemburg und Berlin
2001 Kunstpreis Robert Schuman
2003 Goldener Löwe für den besten nationalen Beitrag (Luxemburg) auf der 50. Venedig-Biennale
2009 Internationaler Preis für zeitgenössische Kunst, Fondation Prince Pierre, Monaco

Einzelausstellungen (Auswahl):
2005 «The ICH-Manifestation», The Renaissance Society, Chicago; Museet for Samtidskunst, Roskilde, Dänemark
2006 «... ...», Casino, Forum d'Art Contemporain, Luxembourg
2007 «Duologue», Lee Mingwei & Su-Mei Tse, MOCA Taipei, Taiwan; «Media Test Wall: Su-Mei Tse», MIT List Visual Arts Center, Cambridge, USA
2008 «Some Magical Clangs», Su-Mei Tse & Virginie Yassef, im CRAC Alsace; «East Wind», Seattle Asian Art Museum, Seattle; «1000 words for snow», Beaumontpublic, Luxemburg
2009 «Words and Memories», Peter Blum Gallery Chelsea, New York; «Variationen», Galerie Serge Le Borgne, Paris; Prix Intl. d'Art Contemporain Fondation Prince Pierre, Monaco; Floating Memories, Isabella Stewart Gardner Museum, Boston; Art Tower Mito, Mito, Japan



Links

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Ausgabe 1/2  2010
Institutionen Centre Pompidou [Paris/Frankreich]
Institutionen Mudam/Musée d'Art Moderne Luxembourg [Luxembourg/Luxemburg]
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Su-Mei Tse
Link http://www.cnap.fr
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100112110956VJN-1
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