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Fokus
1/2.2010


 Auf der französischen Seite des Röstigrabens weckt derzeit das ambitionierte Ausstellungsprojekt «Utopie et Quotidienneté. Entre Art et Pédagogies» im Centre d'Art Contemporain Genève die Neugierde. Das Künstlerduo microsillons fragt nach der Rolle von Kunstschaffenden in Bildungsprozessen in und ausserhalb von Institutionen. Kollaborative Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, Kollektiven und lokalen Akteuren schaffen Bezüge zu sozialen und gesellschaftspolitischen Themen. Das Porträt einer künstlerischen Vermittlungspraxis bildet zugleich den Auftakt einer übers Jahr verteilten thematischen Reihe im Kunstbulletin.


microsillons - Zwischen Kunst und Pädagogik


  
links: microsillons · Cabinet de curiosités extra-terrestre, 2005, Centre d'Art Contemporain, Genève
rechts: Ohne Titel, 2009, Ausstellungsansicht Centre d'Art Contemporain, Genève, Foto: David Gagnebin-de Bons


Die Kunstwissenschafterin Iris Rogoff hat 2008 den «Educational Turn in Curating» im zeitgenössischen Kunstbetrieb festgestellt. In der Schweiz findet die Bezeichnung «Kunstpädagogik» heute mehrheitlich als «Kunstvermittlung» im Rahmen von unterschiedlichen Bildungsprogrammen Verwendung. Dies ist nicht neu. Seit längerer Zeit bieten Museen Vermittlungs- und Bildungsangebote an. Dennoch hat sich die Berufspraxis in den vergangenen Jahren erweitert und es sind neue Ausbildungsgänge für Kunstvermittlung entstanden. 2008-2011 legt Pro Helvetia mit Blick auf das Neue Kulturfördergesetz einen Schwerpunkt auf die Vermittlung und jüngst ist ein Teamforschungsprojekt unter dem Titel «Kunstvermittlung in Transformation - Strategien und Perspektiven für die Erforschung und Entwicklung der Vermittlungsarbeit in Museen und Ausstellungen» von vier Kunsthochschulen in Kooperation mit sechs Museen in der Schweiz gestartet, unterstützt vom Schweizerischen Nationalfonds. All dies erfordert und ermöglicht das Erproben und Befragen zukunftsträchtiger Vermittlungsverfahren. Den Hintergrund bilden aktuell diskutierte Bildungskonzepte wie «Kulturelle Bildung» und «Lebenslanges Lernen», die sich in England und Deutschland seit den Siebzigerjahren bewähren.

Plattenrillen

Marianne Guarino-Huet und Olivier Desvoignes stehen für das Vermittlungs­kollektiv microsillons. Von Plattenrillen leitet sich der Name ab. Nach individuellen Kunstausbildungen sind sich die beiden im Studiengang Critical Curatorial
Cybermédia an der École Supérieure des Beaux-Arts in Genf begegnet. «Schwerpunkte bildeten dabei die kritische Reflexion über die Rolle der Kunstschaffenden in der Gesellschaft und der Transfer theoretischer Positionen in die künstlerische Praxis. Auch die geschichtlichen, ethnografischen und kuratorischen Exkurse prägen bis heute unsere Vermittlungsarbeit», erläutern microsillons in der Ausstellung «Utopie et Quotidienneté», 2009.
Gegründet wurde microsillons 2005. Teils arbeitet das Duo selbständig, teils zusammen mit Institutionen. Die Zielgruppe reicht von Kindern über Jugendliche bis zu Erwachsenen. Massgeschneidert und vielfältig sind die Methoden. Ebenfalls 2005 erarbeiteten microsillons im Centre d'Art Contemporain Genève (CAC) mit Kindern von fünf bis sieben Jahren Vorstellungen von Kunst und Museum im Zusammenhang mit der offiziellen Ausstellung der Sammlung von Julius Baer. Daraus resultierte ein «Cabinet de curiosités extra-terrestre» mit dem Ziel, Ausserirdischen die Erde vorzustellen. Gezeigt wurden nicht nur die Schöpfungen der Kinder, sondern auch ihre Ergebnisse aus der Beschäftigung mit dem Phänomen Sammeln.

Departement Vermittlung
2007 wurden microsillons verantwortlich für das Departement Vermittlung am CAC, welches parallel zu den Ausstellungen des Centre Vermittlungsprojekte realisiert. So machten sie beispielsweise anlässlich der Schau «Between Art and Life» den Ausstellungsraum zum Ort der Theaterimprovisation. Nach einem einführenden Teil über die Geschichte des szenischen Raums gaben die Schüler/innen das Thema, die Ausgestaltung und Austaffierung von Szenen vor. Professionelle Schauspieler/innen bespielten diese Szenarien. Eine dokumentarische Ausstellung begleitete die Aktion.
Der öffentliche Raum ist ein beliebtes Terrain von microsillons. Seit 2008 agieren sie mit dem preisgekrönten Projekt «Le Bureau Mobile». Es handelt sich um ein vielseitig verwendbares Büro, das überraschende Hilfsobjekte für Untersuchungen und Kreationen in Verbindung mit vorgefundenen örtlichen und sozialen Begebenheiten anbietet. «Bilden-Künste-Gesellschaft» - so nennt sich der seit Herbst 2009 laufende sechssemestrige MAS-Studiengang der Zürcher Hochschule der Künste, den microsillons leiten. Lokale wie internationale Dozierende sind als Gäste geladen. Der Name des Studiengangs formuliert auch bewusst eine Frage: Bilden Künste Gesellschaft? Damit rücken sie ihre politisch orientierte Kunstpraxis im gesellschaftlichen Bereich ins Zentrum ihrer Tätigkeit.

Utopie und Alltäglichkeit
Im Ausstellungsprojekt «Utopie et Quotidienneté» vergibt microsillons drei Cartes Blanches an Kunstschaffende oder Kollektive, um Projekte mit Gruppen zu realisieren. Diese werden in der Halle des Centre sichtbar gemacht. Ein dokumentarischer Rechercheteil ergänzt die Präsentation mit Projekten anderer Kunstchaffender seit den Fünfzigerjahren. Zudem liegt die von ihnen konzipierte Gazette auf mit Leitfragen zur Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden mittels künstlerischer Mittel und zum Potential künstlerisch-pädagogischer Aufgaben.
Den Raum durchzieht eine Reihe von Stützen. Darauf steht «How to talk about History, Feminism, the Institution, School, Breaking the rules, Anarchy?». Diese Fragen gehen aus dem Gemeinschaftsprojekt «Wild Translation» des Kollektivs trafo.K und der Architektin Gabu Heindl hervor, in welchem sie über ihre eigene Vermittlungspraxis nachdenken. Im Rahmen dieses Projektes leiteten das Kollektiv und die Architektin eine Gruppe der Deutschen Schule Genf zur Auseinandersetzung mit der zukünftigen Ausstellung an. Die 13-jährigen Schüler/innen haben sieben Kunstprojekte ausgewählt und interpretiert. Eine Runde kommentiert auf einem Foto das vom Künstler Thomas Hirschhorn in Einbezug von Arbeitslosen errichtete «Musée Précaire Albinet», 2004, mit «Nun wird sein Projekt erbaut». Schülerinnen halten das «Womanhouse», ein 1972 von Künstlerinnen eines ersten Studiengangs besetztes Haus in Los Angeles, in einer Bricolage fest. Bemerkungen sind angebracht wie «Wir sind auch noch da» oder «Warum verdienen Männer für die gleiche Arbeit mehr als Frauen?».
Die Künstler Nils Norman und Tilo Steireif zeigen eine hölzerne Konstruktion.
Sie lehnt sich an das Centre International de Recherches sur l'Anarchisme (CIRA) in Lausanne an. An der Rückseite kleben Ausschnitte von Studentenzeitungen, drinnen sind eine Bibliothek des CIRA sowie Dokumente und Filme zu bis heute gültigen alternativen Pädagogikkonzepten integriert. Die Künstler haben Kunstdozierende beauftragt, mit ihren zweihundert Schüler/innen zwischen 8 und 16 Jahren zum Begriff «Utopie» als Innovationsfaktor zu arbeiten. Originelle Grundrisspläne und Architekturmodelle von Schulen sind zu entdecken: ideal und durchaus umsetzbar.
Visionären Charakter besitzt auch der «Spielplatz für Erwachsene» der Künstler Damon Rich und Oskar Tuazon. Die Cité du Lignon, eine langgezogene Grosssiedlung im Westen des Kantons Genf, gab Anlass für eine Befragung von Menschen, die dort leben, arbeiten oder am Bau beteiligt waren. Die Antworten sind in einer «pädagogischen Landschaft» umgesetzt, die dem Situationsplan von Lignon entspricht und als nutzbarer Ort für die Beteiligten gedacht ist.
So ist denn auch am Eingang der Ausstellung das aus dem Jahr 1979 stammende Zitat des humanistischen Pädagogen Moacir Gadotti festgehalten «Die Berufung auf den Alltag bleibt der Horizont jeder pädagogischen Untersuchung».

Laborcharakter

«Utopie et Quotidienneté» liegt ein Verständnis zugrunde von sozial engagierter, partizipatorischer und forschender Vermittlung der Kunstschaffenden. «Es basiert mehr auf der Vorstellung eines Experimentierlabors für gesellschaftspolitische und institutionelle Fragen, auf Begleitung von Wissens- und Erfahrungsprozessen, als auf der Übersetzungsleistung zwischen Kunstwerk und Öffentlichkeit», ergänzt microsillons. Diese Form von künstlerischer Vermittlungspraxis jenseits schulischer Kunstdidaktik und Bildungsstandards ist in den Ansätzen nicht neu, was auch das umfangreiche Archiv zeigt. Dennoch ist die Orientierung an «Alltäglichkeit» im kulturellen Feld immer wieder aktuell und öffnet neue Perspektiven.
Das Kunstmuseum Thun übernimmt ab Juli 2010 die Idee und Themenbereiche von «Utopie et Quotidienneté» und interpretiert sie mit anderen Kunstschaffenden und lokalen Gruppen neu. Es bietet nach dem hauseigenen, vielbesprochenen Vermittlungsprojekt «Blicke sammeln» diesen Fragen erneut eine Plattform. microsillons betonen: «Im Bereich der zeitgenössischen Kunst wird die Kunstvermittlung selten synergetisch zum bestehenden Ausstellungsprogramm genutzt und folgt erst an zweiter Stelle. «Utopie et Quotidienneté» hat deshalb auch zum Ziel, dieses Verhältnis zu überdenken».
Ursula Meier, Kulturjournalistin und Kunstvermittlerin, lebt in Zürich.

Bis: 21.03.2010


Marianne Guarino-Huet (*1976, Orléans) et Olivier Desvoignes (*1978, La Chaux-de-Fonds)
2004-2006 Diplôme d'études Critical Curatorial Cybermédia, École Supérieure des Beaux-Arts, Genève
2005 Gründung von microsillons Genf
Seit 2007 verantwortlich für die Vermittlungsprojekte, Centre d'Art Contemporain Genève
2008 Swiss Art Award, Kategorie «médiation d'art et d'architecture»
Seit 2009 Leitung MAS-Studiengang «Bilden-Künste-Gesellschaft», Zürcher Hochschule der Künste
Seit 2009 Doktoranden, Chelsea College of the Arts, London

Ausstellungen/Projekte
2005 «Cabinet de curiosités extra-terrestre», Centre d'Art Contemporain (CAC) Genève
2006 «Enquête autour d'une disparition», CAC Genève, Genf; Free art, Union Square, New York
2007 «Der Tanz der Doppelgänger» (Gruppenausstellung), Shark, Genève
2008 «Lieux communs» Centre d'Art Contemporain Genève, Genf; «Janus Bus», Eternal Tour, festival
artistique et scientifique, Institut suisse, Rom
2009 Un tour complet. Parcours de 24 heures, MAC 09, Fonds municipal d'art contemporain, Genève;
Teilnahme am Symposium «KUNST[auf]FÜHREN», Kunsthalle Fridericianum, Kassel; «Utopie et quotidi-
enneté», CAC Genève; «L'intermédiaire» (Gruppenausstellung), Live in Your Head, Genève



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Ausgabe 1/2  2010
Institutionen Centre d'Art Contemporain [Genève/Schweiz]
Künstler/in Marianne Guarino-Huet
Künstler/in Olivier Desvoignes
Link http://www.microsillons.org
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