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Fokus
1/2.2010


 Allenthalben rauscht es im Blätterwald. Allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen: Während viele Verleger besorgt auf den Buchmarkt blicken und Zeitungen ihre Auflagen kürzen, wird Papier in Kunst und Design zum wandelbaren Werkstoff der Stunde.


Werkstoff Papier - Rauschen im Blätterwald


von: Verena Kuni

  
links: Swoon, Zahra (Swimming Cities of Switchback Sea), 2008, Courtesy Deitch Projects, New York. Foto: Luna Park, www.flickr.com
rechts: Gabriele Basch · status, 2008, Lack auf Papierschnitt, 300 x 289 cm, Courtesy Galerie M+R Fricke, Berlin/ Museum Bellerive Zürich © ProLitteris Zürich.?Foto: Marcus Schneider


Kaum zu glauben, aber wahr: Ausgerechnet in einer Zeit, die in vielerlei Hinsicht von Digitalisierung geprägt ist, soll gerade das gute alte Papier wieder gross herauskommen? Auf den ersten Blick scheint es doch eher an Bedeutung zu verlieren: Wir lesen E-Mails an Stelle von Briefen, SMS statt zugesteckter Zettelchen, Handy-Codes ersetzen den Fahrschein und News-Feeds die Nachrichten in der Tageszeitung.
Doch vielleicht lässt grad dieser Wandel deutlich werden, welche vielfältigen Potentiale in den gepressten Pflanzenfasern stecken, die ja schon seit mehreren tausend Jahren unsere Kultur entscheidend mitgeprägt haben. Zudem haben wir längst bemerkt, dass wir am Laptop zwar leichter tragen als an Aktenstapeln, sich digitale Daten dafür aber auch als weniger haltbar erweisen. Und dass es Letzteren - was wiederum in Kunst und Kultur von entscheidender Bedeutung ist - an haptischer Sinnlichkeit fehlt. Das Auge will auch tasten können. Und das Hirn begreift mit der Hand. Kurzum: Es ist durchaus möglich, dass die digitale Konkurrenz entscheidend zur Wertschätzung beigetragen hat, die Papier aktuell erfährt.

Modellbau
Menschen, die nie etwas für Modellbau übrig hatten, stehen staunend vor den fotografierten Architekturen eines Thomas Demand, die doch ganz von Pappe sind. Und Kara Walkers Scherenschnitte schlagen eine Kunstszene in Bann, die diese Technik sonst eher im Sektor der Kindergarten-Bastelei angesiedelt hätte. Aber das sind auch nur zwei der bekanntesten, längst etablierten Namen. Inzwischen haben sie Gesellschaft bekommen. Allenthalben wird in den Ateliers der Künstler und Designer nach Papier und Schere gegriffen - bildhaft gesprochen. Denn ebenso vielfältig wie Material und die Techniken fallen auch die Gestaltungen der Arbeiten aus.
Schaut man sich auf diesem Feld um, dann gehören Künstler/innen wie Demand und Walker nicht nur zu den Etablierten, sondern auch zu den nachgerade klassisch orientierten Positionen: Obzwar primäres bildnerisches Material, tritt es gleichsam bescheiden hinter die Bilder zurück, deren Entstehung und Gehalt es doch entscheidend bestimmt. Andernorts bescheiden sich die Silhouetten-Schnitte längst nicht mehr auf die zweite Dimension, sondern erobern zunehmend offensiv den Raum: Sei es, dass sie sich bei dem Dänen Peter Callesen wie filigrane Pop-Ups aus der Fläche erheben oder von der New Yorker Street-Art-Künstlerin Swoon in verfallenden Stadthäusern und im öffentlichen Raum zu märchenhaften Szenen entfaltet werden, während ihre Kollegin Jen Stark aus unzähligen Schichten farbiger Papiere leuchtstarke Eruptionen schneidet.
Ähnlich selbstbewusst behauptet sich auch der Bastelkarton, aus dem Künstler wie Tommy Støckel Skulpturen und ganze Installationen bauen. Geschnittenes, Gefaltetes und Geklebtes aus Papier und Pappe wächst auf zu komplexen Bühnenbildern, in denen junge DesignerInnen wie die Gruppe Pixelgarten Modestrecken, Werbe- und Musikclips inszenieren; auch die Schauspielerin Isabella Rossellini taucht für ihre «Green Porn»-Aufklärungsvideos in eine zweite Natur aus Papier, in der sich klassisches Origami und fröhliche Kindergartenbastelei vermählen. Und wenn Künstler wie Tobias Rehberger oder Michael Beutler mit von der Partie sind, dürfen sogar bewusst krudes Do-It-Yourself-Design in Form von grob gerührtem Pappmaché, ungelenk gefertigten Basteleien oder auf rohe Drahtkörper gewickeltem Drachenpapier die Hauptrolle spielen. Gemeinsam ist diesen denkbar unterschiedlichen Zugängen eins: Sie alle erkunden auf kreative Weise das Potential des Papiers als eines Werkstoffs, der je nach Qualität, Fertigungstechnik und Verwendung ebenso fragil wie stabil, ephemer wie dauerhaft, flexibel oder widerständig sein kann.
Papier lässt sich falten, schneiden, reissen oder knüllen, zerkleinern und zusammenkleben, heften und nähen, wässern oder verbrennen. Vom zarten Zellstoff über die grobe Pappe bis zum metallverstärkten Industrieprodukt ist es in allen nur denkbaren Qualitäten zu haben. Schier unendlich viele Wege führen dabei von der Fläche in den Raum, vom Bild über das Relief zu Skulptur, Architektur - und nicht nur im Verbund mit Tricktechnik, Film und Video ist es ein Leichtes, das zarte Material in Bewegung zu bringen. Schliesslich genügt schon ein Lufthauch, damit ein Rauschen durch den Blätterwald geht.

Vorsprung durch Technik
Eigentlich ist das gar nichts Neues, möchte man meinen. Schliesslich zählt Papier in der Kunst seit je zu den wichtigsten Medien, es hat als Bildträger ebenso wie als primäres bildnerisches Material eine lange Tradition. Insbesondere in der Zeit der Grossen Avantgarden, deren VertreterInnen es um Grundprinzipien des Bildnerischen und Konstruktiven ging, begegnen wir es an prominenter Stelle: Beispielsweise in Pablo Picassos aus Pappe gebauten Gitarren und seinen aus wenigen Faltungen und Schnitten entstandenen figurativen Plastiken, denen man den Ursprung im Papierbogen auch noch in der finalen Metallfassung ansehen kann. Lotte Reinigers Filme, in denen filigrane Scherenschnitte fantastische Geschichten erzählen. Oder die utopischen Architekturen, Flugobjekte und Raumkonstruktionen der russischen Kunst-Revolutionäre.
Ab den Sechzigerjahren treten zunehmend Architekten, Designer und Modezeichner auf den Plan und machen mit experimentellen Modellen aus Papier und Pappe auch in der Kunstszene Furore. Es ist sicher kein Zufall, dass auch die aktuelle Papiergestaltung entscheidende Impulse den angewandten Disziplinen verdankt: Während sich die Kunsthochschulen erst allmählich wieder auf das Modell der Bauhaus-Grundlehre besinnen, gehören händisches Lernen und Materialkunde in Verbindung mit Konstruieren und Entwerfen auf und mit Papier seit je zur Ausbildung dazu.
Natürlich fällt es nicht schwer, die neue Generation der Papier-Künstler/innen in die verschiedenen Fluchtlinien dieser Traditionen einzuordnen. Zugleich zeigt sich jedoch, wie innovativ an sie angeknüpft wird - und dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass einerseits traditionelle Techniken wiederentdeckt und weiterentwickelt werden, andererseits aber auch in Kombination mit diesen allenthalben neue Technologien zum Einsatz kommen.
Beobachten lässt sich dies schon im klassischen Metier der Papierkunst wie dem Scherenschnitt, dem derzeit das Zürcher Museum Bellerive eine Überblicksschau widmet, in der die Mitglieder des Schweizerischen Vereins der Freunde des Scherenschnitts gemeinsam mit internationalen KünstlerInnen aktuelle Arbeiten präsentieren. Natürlich finden sich hier nach wie vor jene Motive, die man mit dem Brauchtum der Volkskunst assoziiert, das im neunzehnten Jahrhundert von Papierschneidern wie Johann Jakob Hauswirth in der Schweiz etabliert wurde: Dörfliche Szenen und Alpauftriebe, gesäumt von floralen oder abstrakt-ornamentalen Mustern. Seite an Seite mit diesen Blättern belegen jedoch die sich in die dritte Dimension auffaltenden Schnitte des Dänen Callesen, Stefan Saffers farbige Reliefs und Gabriele Baschs mit Positiv- und Negativformen spielende Tableaus oder die aus Papiertüten und Pappkartons geschnittenen Raumbilder des Japaners Yuken Teruya, wie sich auch im figurativen und ornamentalen Scherenschnitt zu gänzlich zeitgenössischen Formationen gelangen lässt.

Falten falten
Wieder- und zugleich neu entdeckt werden auch traditionelle Falttechniken. Das schliesst sogar die ursprünglich in der höfischen Tischkultur beheimatete Kunst des Servietten-Faltens ein, wie sie der in Freiburg/B lebende katalanische Künstler Joan Sallas seit langen Jahren erforscht und zu neuen Höhen führt. Vor allem aber hat die japanische Tradition des Origami auf breiter Basis die internationale Szene erobert. In dieser begegnen heute Künstler wie der Amerikaner Robert J. Lang, der - ohne Schnitte oder Klebungen zu benutzen - aus grossen Bögen sowohl figurative Plastiken als auch abstrakte Raum-Architekturen faltet. Die komplexen Konzepte für die Faltungen entstehen mit Hilfe eines Computerprogramms, das Lang selbst entwickelt hat. Und seit sich die auf mathematischen Formeln basierende Formensprache der Generativen Kunst auch auf Materialien übertragen und in die dritte Dimension bringen lässt, stehen geometrische Faltmodelle, die mancher noch aus dem Schulunterricht kennen mag, bei Künstlern und Designern hoch im Kurs. Auch hier können ähnliche Mittel zu denkbar unterschiedlichen Enden führen: Während Richard Sweeneys komplexe Polyeder die Schönheit der Geometrie zelebrieren, siedeln sie in Tommy Støckels Installationen wie parasitäre Geschwulste an aus Pappe gebauten Säulen und Quadern und werden zur Anti-These jener reinen Proportion, die sie doch selbst zugleich verkörpern.
Schliesslich ist auch ein genuines Gebiet der Kinder- und Hobbybastelei in jüngster Zeit zu neuen Ehren gelangt: Der Ausschneidebogen. Vermittelt über die Street Art und in direktem Schulterschluss mit den als «Urban Vinyl» firmierenden Designer-Toys, die als coole Variationen auf niedliche Comic-Figuren längst über die Szene hinaus zu begehrten Sammlerstücken avanciert sind und mit Künstlern wie Takashi Murakami auch die Kunstmuseen erobert haben, etablieren sich auch deren Pendants aus Papier als analoger Zeitvertreib für die Kinder der Techno-Kultur. Neben kultverdächtigen Repliken analoger Synthesizer, wie sie Dan McPharlin massstabsgetreu faltet, phantasievollen Variationen auf die Konsolen der frühen Computerspiele, mit denen der Niederländer Marshall Alexander bekannt geworden ist, bevölkern alle nur denkbaren Arten von Pappkameraden im Miniaturformat die Szene -
und kaum zufällig schauen die meisten von ihnen wie Kreuzungen aus Robotern und Tieren, Menschen und Maschinen aus. Die Bögen werden in Blogs und Foren publiziert und zu den meisten Editionen gibt es auch eine, die als unbedruckter Rohling erscheint: Selber Basteln und Mitgestalten steht hoch im Kurs.
Zeitgemässe Motive
Es müssen allerdings nicht immer niedliche Papierpüppchen und -tiere sein. Auch im Bereich der Architektur gesellen sich zu bewährten Modellen wie dem Eiffelturm oder Schloss Neuschwanstein zeitgemässe Motive wie die sozialistischen Wohnbauten des Kollektivs «Faltplatte». Und als der Volksentscheid Ende vergangenen Jahres gegen den Bau von Minaretten in der Schweiz votierte, konterten die Überstimmten mit einem kleinen Bastelbogen, den man auf zahlreichen Schweizer Blogs und Webseiten als pdf aus dem Netz herunterladen kann. Mindestens im Kleinformat für die Fensterbank lässt sich daher bundesweit Paroli bieten: Jedem sein eigenes Minarett! Keine grosse Kunst - aber ein konkreter und durchaus konstruktiver Beitrag zur Debatte, der möglicherweise eher begreifen hilft als das Rauschen im Zeitungs-Blätterwald.

Verena Kuni, Kunst-, Medien und Kulturwissenschaftlerin, lehrt Visuelle Kultur am Institut für Kunstpäda-
gogik der Goethe-Universität Frankfurt/M.


Bis: 04.04.2010


«Scherenschnitte - Kontur pur», Museum Bellerive, Zürich, Katalog: «Scherenschnitt 2009 - Papiers découpés 2009», Schweizerischer Verein Freunde des Scherenschnitts (Hg.), 2009
«Wenn Ost und West sich begegnen oder Der fremde Blick aufs Eigene», Scherenschnitte chinesischer Künstler/innen über das Appenzellerland und das Toggenburg, Haus Appenzell in Zürich, bis 30.1.

Publikationen : «papercraft. Design and Art with Paper», Robert Klanten, Sven Ehmann u. Birga Meyer (Hg.), Gestalten, Berlin, 2009
«un/folded. Papier in Design, Kunst, Architektur und Industrie», Petra Schmidt u. Nicola Stattmann, Birkhäuser, Basel 2009
«Paper. Tear Fold Rip Crease Cut». Richard Sweeney (Hg.), black dog publishing, London, 2009
«Green Porn», Isabella Rossellini, ein Bilderbuch und 18 Kurzfilme auf DVD, München, Schirmer und Mosel, 2009



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Ausgabe 1/2  2010
Institutionen Museum Bellerive [Zürich/Schweiz]
Institutionen Haus Appenzell [Zürich/Schweiz]
Autor/in Verena Kuni
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Origami zwischen Mathematik und Naturwissenschaften
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