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Fokus
1/2.2010


 Die Künstlerin Parastou Forouhar ist eine wichtige Akteurin der iranischen Gegenwartskunst. Sie füllte im November in Teheran eine Galerie mit 300 Luftballons - wie für einen Kindergeburtstag - und organisierte eine Gedenkveranstaltung für ihre 1998 ermordeten Eltern. Kurz vor der Eröffnung entzog ihr das Informationsministerium den Pass.


Parastou Forouhar - Eine Strategie der Vieldeutigkeit


von: Susann Wintsch

  
Déjàvu. Auf der Suche nach der verlorenen Gegenwart», 2009, Wandbild, Gartenpavillon/Schloss­terrasse, Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil, Detail.Foto: Chantal Romani


Man konnte die Objekte an den Fäden hinunter ziehen und die Motive betrachten: Folterszenen, in denen Täter und Opfer nicht zu unterscheiden sind, wie anonyme Rädchen, die ein Ornament formen. Sie besitzen weder Geschichte noch Zukunft; ihre Taten und Leiden stellen nicht einmal Ereignisse dar, sondern beschreiben bloss den unveränderlichen Lauf der Dinge.
Der Ausstellungsort, die Azad Art Gallery in Teheran, ist die wichtigste Produktionsstätte experimenteller iranischer Kunst. Die Galeristin Rozita Sharafjahan, zugleich eine der interessantesten Videokünstlerinnen Irans, und ihr Mann, Mohsen Nabizade, arbeiten öfters entlang den Tabuzonen. Nachdem Mitte Juli die offiziellen Wahlresultate den bisherigen Präsidenten bestätigt hatten und die Fälschung offenbar wurde, kam es zu breiten Massenprotesten und Polizei und zivile Milizen reagierten mit Gewalt.
Im August 2009 organisierte die Galerie die Ausstellung «How Did You Spend Your Summer?» Der Künstler Hamid Sahihi malte Gemälde, in deren Mitte jeweils winzige Bilder von Personen platziert sind, die am Computer sitzen, rennen oder auf der Strasse liegen. Sie reproduzieren Fotografien, die während des Aufruhrs mit Mobil­telefonen gemacht und aufs Netz gestellt wurden. Die Motive wären harmlos, aber die aktuellen Ereignisse in Teheran machen sie eindeutig.
Es gibt im Iran eine politisch sehr aktive künstlerische Avantgarde. Ihre Vertreter/innen haben eine Strategie der Vieldeutigkeit entwickelt. Sie legen ihre Arbeiten so an, dass sie in eine, in eine zweite und möglichst noch eine dritte Richtung gelesen werden können. Diese differenzierte Uneindeutigkeit wirkt schützend und erweist sich gleichzeitig als sehr beredt. Vernissagen ziehen als Versammlungsorte ein breites Publikum an, deshalb werden die rund zweihundert Galerien in Teheran sorgfältig überwacht. Jedes auszustellende Werk muss einer Kommission von Experten vorgelegt werden. Bei Unklarheiten werden die Verantwortlichen verhört und mit Zensur belegt. Eine direkt formulierte Kritik am politischen System ist deshalb nur im Ausland möglich. Vor diesem Hintergrund bilden die Luftballons von Parastou Forouhar (*1962 in Teheran, lebt bei Frankfurt/M) ein bemerkenswertes Wagnis, auch für die Galeristen und Besucherinnen.
Einige Tage vor der Eröffnung ihrer Galerieausstellung entzog man Parastou Forouhar den Reisepass. Das Informationsministerium, das die Künstlerin seit Jahren beobachtet und bei ihren Aufenthalten in Teheran immer wieder verhört, informierte später, dass eine Anzeige des Revolutionsgerichtes vorliege. Grund waren Interviews von Forouhar, die seit der politisch motivierten Ermordung ihrer Eltern im Herbst 1998 jedes Jahr nach Teheran reist und dort eine Gedenkveranstaltung organisiert. In einer Anhörung zum Zwecke der Einschüchterung kündete das Ministerium eine Verschärfung der (nicht näher erläuterten) Massnahmen an, sollte die Künstlerin ihre politischen Aktivitäten fortsetzen. Ende Dezember erhielt Parastou Forouhar, die sich auf keinerlei Vereinbarungen einliess, ihren Pass zurück und reiste endlich nach Deutschland zurück.
Wie spiegeln ihre im Westen gezeigten Werke die politische Lebensrealität im Iran? Im Juli 2009 malte die Künstlerin im Arboretum Wädenswil ein Wandbild, das den Titel «Déjàvu. Auf der Suche nach der verlorenen Gegenwart» trägt. Das Fresko zeigt einen aus Schablonen gebildeten, sehr blassen und kargen Garten, der wie ein Trugbild aus dem Nebel auftaucht und auch sofort wieder verschwinden könnte. «We can't say anything», meinte kürzlich eine andere iranische Künstlerin zur politischen Situation.
Susann Wintsch, Kuratorin und Herausgeberin von Treibsand, DVD Magazine On Contemporary Art.


«Déjàvu» wurde für das Projekt «unter Bäumen» des Vereins Landart im Schlosspark Wädenswil realisiert.



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Ausgabe 1/2  2010
Institutionen Schlosspark [Wädenswil/Schweiz]
Autor/in Susann Wintsch
Link http://www.parastou-forouhar.de
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