Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Artists in Residence
1/2.2010


 Ivan Moudov (*1975 in Sofia, lebt und arbeitet in Sofia) ist der erste ausländische Künstler, der im Rahmen eines neu geschaffenen Gaststipendiums in den Ateliers der Stiftung Binz39 arbeitet. Moudov ist ein routinierter Artist in residence und verbringt seit seinem ersten Auslandaufenthalt in Lyon 2003 etwa die Hälfte seiner Zeit im Ausland. Im vergangenen Jahr war er auf Schloss Solitude, vorher in Wien und Paris. Anlässlich seines sechsmonatige Aufenthaltes in Zürich stellt ihn das Kunstbulletin in der Rubrik Gastlabor vor.


Ivan Moudov – Fensterputzen für Studierende


  
Ivan Moudov stellt eine seiner Arbeiten nach, Stiftung Binz39, Zürich, 2009. Foto: Cat Tuong Nguyen


Kielmayer: Dein lokaler Bezug ist offensichtlich: Du sammelst an den Orten, wo du dich aufhältst, Leitungswasser und entwirfst eine jeweils andere Flasche dafür.

Moudov: Eine Theorie besagt, dass Leitungswasser wie eine Harddisk funktioniert; es nimmt alle Information der Umgebung in sich auf und konserviert sie.

Kielmayer: Häufig werden die Gastskünstler vom jeweiligen Ort und seinen Eigenschaften beeinflusst. Gerade kulturelle Unterschiede treten für sie sehr viel stärker hervor und sie erkennen Eigenheiten, die den Leuten vor Ort gar nicht mehr auffallen. Ist dir etwas Typisches in der Schweiz aufgefallen?

Moudov: Das Schweizer Kreuz; es funktioniert geradezu als nationales Branding. Ausserdem bin ich fasziniert vom Schweizer Entsorgungssystem, ich finde Kehrichtsackgebühren toll! In Bulgarien gibt es nichts Vergleichbares und niemand kümmert sich darum, wie viel Abfall produziert wird.

Kielmayer: Ich bin mir nicht sicher, ob die Leute hier deshalb weniger Abfall produzieren. Hier stopfen wir die teuren Kehrichtsäcke einfach derart voll, dass sie beinahe platzen. Meine eigenen platzen eigentlich immer; allerdings vermute ich, dass die Hersteller die Säcke seit einiger Zeit absichtlich schwächer machen, damit wir aufhören, sie derart voll zu stopfen.

Moudov: Wegen den Gebühren gibt es sicherlich viele Leute, die ihren Abfall in öffentlichen Containern oder sonst wo wegwerfen. Im Rahmen eines Projekts hier gebe ich einer Auswahl Leuten normale Kehrichtsäcke; die gefüllten Säcke fahre ich anschliessend nach Deutschland und entsorge sie in öffentlichen Abfalleimern, beispielsweise auf Autobahnraststätten.

Kielmayer: Ist das legal?

Moudov: Jedenfalls gibt es nirgendwo einen Hinweis, dass es nicht legal wäre; viele meiner Projekte spielen mit der Grenze zwischen legal und illegal. Aber es geht auch um Fragen der Globalisierung und des internationalen (Abfall-)Handels, zudem erhalte ich für jeden entsorgten Abfallsack 10 Franken. Mit dem verdienten Geld wiederum werde ich ein Kunstwerk eines Schweizer Künstlers kaufen. Ich habe eine Arbeit von Roland Roos im Auge. Er repariert im öffentlichen Raum ungefragt verschiedene Dinge, mitunter auch vollkommen sinnlose.

Kielmayer: An welchen anderen Projekten arbeitest du gerade?

Moudov: Die Zürcher Hochschule der Künste lud mich als Dozent für einen Workshops ein. Da ich meiner Meinung nach nicht als Lehrer tauge, offerierte ich ihnen, Fenster zu putzen. Nun erhalte ich meinen Dozentenlohn und reinige die Fenster der Master-Klassen. Ich sorge dafür, dass die Studierenden mehr sehen, was meiner Meinung nach durchaus im Einklang mit einem Lehrauftrag steht.

Kielmayer: Manche Gastkünstler möchten vor allem Galeristen, Kuratoren und Sammler kennenlernen. Betreibst du aktives Networking?

Moudov: Networking ist ein selbstverständlicher Bestandteil des Künstlerseins. Ich besuche Vernissagen, Ausstellungen und lerne Leute kennen, aber ich promote oder verkaufe mich keinesfalls selbst. Bei meinen ersten Auslandaufenthalten verteilte ich noch mein Portfolio, doch merkte ich bald, dass dies eher unerwünscht, wenn nicht gar peinlich war.

Kielmayer: Es muss in Bulgarien schwierig sein, als zeitgenössischer Künstler zu überleben; erst recht wenn man stark prozessorientiert und performativ arbeitet wie du.

Moudov: Das stimmt. Als Lehrer an einer Kunstschule kann man kaum überleben, höchstens mit Dekoration, Design oder Werbung. In den Neunzigerjahren gab es noch die Unterstützung von Pro Helvetia oder der Soros Foundation, doch als Bulgarien Mitglied der EU wurde, zogen diese in ärmere Entwicklungsländer weiter. Von der EU kommt allerdings kaum Geld und alles ist extrem bürokratisch und korrupt.

Kielmayer: Kennst du Künstlerkollegen, die vom Boom der grossen Balkan-Ausstellungen um die Jahrtausendwende profitierten? Das damalige Interesse liess wohl viele denken, nun Teil der globalen Kunstfamilie zu sein, ehe man feststellte, dass diese Familie schon wieder weitergereist war.

Moudov: Glücklicherweise war ich Teil des damaligen Hypes und in den grossen Ausstellungen vertreten. So konnte ich innerhalb der kurzen Euphorie ein bisschen Teil dieser Familie werden.

Kielmayer: In mitteleuropäischen Ländern gibt es für die Unterstützung von zeitgenössischer Kunst selbst auf lokaler Ebene eine Tradition.

Moudov: Die Schweiz hat vor allem einen hervorragenden Markt. In Bulgarien ist dies vollkommen anders, wir haben ja nicht einmal ein Museum für zeitgenössische Kunst. Eigentlich müssten die jungen Künstler eine nationale, funktionierende Kunstszene aufbauen, aber wie soll dies gehen, wenn es keinen Markt, keine Sammler und kein Museum gibt? Aus der Politik, die 2007 für meinen offiziellen Beitrag an der Biennale in Venedig gerade einmal 3000 ? zur Verfügung stellte, kann man jedenfalls keine Hilfe erwarten.

Kielmayer: Andererseits sind in der Schweiz gewisse Produktionsbedingungen sehr viel härter. Viele Gastkünstler, die hierher kommen, schätzen sie völlig falsch ein und sind oftmals enttäuscht, weil alles ein Vermögen kostet, niemand Zeit hat und gerade mal drei Leute zu ihrer Präsentation kommen.

Moudov: Bei meinem ersten Auslandaufenthalt schockierte mich dies auch, denn in ­Bulgarien geniessen Gäste einen ganz besonderen Stellen­wert und man kümmert sich liebevoll um sie. Dass dies in vielen Ländern anders ist, daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Gleichzeitig muss man zugeben, dass eine wirklich spannende Arbeit auch in der Schweiz für Aufmerksamkeit sorgt.


Ivan Moudov, in der Binz39, Zürich, 5.2.-6.3.2010

www.binz39.ch

Dieser Text erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, ­Schwerpunkt Übersetzungsförderung «Moving Words».

English Version



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2010
Autor/in Oliver Kielmayer
Künstler/in Ivan Moudov
Link http://www.binz39.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100112110956VJN-7
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.