Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
1/2.2010


Anne-Kathrin Auel :  Navid Nuur lässt im Fridericianum 7000 Glasflaschen mit Wasser füllen. Mit dem Werk «Let us meet inside you» könnte somit jeder Beuys-Baum einzeln gegossen werden. Die Flaschen sind zum Verzehr durch die Kunsthallen-Besucher gedacht oder können für etwas Geld mit nach Hause genommen werden.


Kassel : Navid Nuur, «The Value of Void» und San Keller «Pre-, Pre-, ... Preview»


  
Navid Nuur · Another window in my studio,..., 2008-2009, Courtesy Martin van Zomeren, Amsterdam und Plan B, Cluj/Berlin


Das Werk veranschaulicht, in welche Richtung der 1976 in Teheran geborene, in Den Haag lebende Künstler mit seinem Ausstellungstitel «The Value of Void» geht. In den durchsichtigen Flaschen fällt das Wasser nicht auf und auch das silberne Etikett übt sich in Zurückhaltung. Das glänzende Oval wird vielmehr zur spiegelnden Oberfläche und reflektiert denjenigen unscharf, der nach der Flasche greift. Kein Logo ist zu entdecken, kein Laborauszug informiert über den Mineralstoffgehalt. Die Schlichtheit wird einzig auf der Rückseite des Etiketts unterbrochen, wo «Let us meet inside you» aufgestempelt ist. Obwohl die Flasche gefüllt ist, bleibt dies durch das klare Wasser lesbar. Der auffordernde Charakter des Titels führt zu einer geheimnisvollen Aura, denn es bleibt unkommentiert, ob das Wasser zuvor eine Aufladung erfahren hat und welche dies gewesen sein könnte. Wie vorauszusehen, verändert sich nach der Leerung der optische Eindruck der Flasche nicht. Die Aufforderung bleibt bestehen, kann nun aber nicht mehr erfüllt werden. Oder trifft sie jetzt auf die Luft zu, die nicht nur durchsichtig, sondern in unserem Empfinden immateriell ist?
Die Arbeit «Where you end and I begin» kommt ganz anders daher. Der Hintergrund des Werks lässt sich von Nuurs Aussage ableiten, dass er eine Hassliebe zur Sprache unterhält und sich selbst als Legastheniker bezeichnet. Die folgende Erklärung beinhaltet automatisch, dass die Leser dieses Artikels die Arbeit selber anfertigen können: Mit Hilfe von Bleistift und Lineal möchte Nuur alle Punkte dieses Textes mit dem Punkt des Werktitels verbinden, der am Ende der Besprechung abgedruckt wird. Ein poetischer Umgang mit einer Schwäche, beziehungsweise die Umkehrung derer in eine künstlerische Geste.
Der Schweizer Künstler San Keller bot im Rahmen seiner «Pre-, Pre-, Pre-, Pre-, Preview» einen so genannten Digestiv-Walk an, bei dem sich die Besucher mit ihm über die Ausstellungen der Kunsthalle unterhalten konnten. Keller ist grundsätzlich fasziniert von der trickreichen Art Nuurs. Doch das Werk mit den Flaschen sei, wenngleich einfach und schlüssig, dennoch zu konstruiert, es fehle ihm an Leichtigkeit. Weil sie vorausgreift und die Journalisten mit einbindet wertet er die erwähnte und hiermit in Existenz gerufene Textarbeit als die Beste der Schau «Where you end and I begin», 2009.

Bis: 14.02.2010


Nuur auch in: «Up to You» (Gruppenausstellung), Stroom, Den Haag, 31.1.-28.3.; «Navid Nuur», Museum De Hallen, Haarlem, 21.3.-6.6.?



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2010
Institutionen Kunsthalle Fridericianum [Kassel/Deutschland]
Autor/in Anne-Kathrin Auel
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100114092515D1A-11
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.