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Besprechung
1/2.2010


Grit Weber :  «Geht es darum, ein Geheimnis zu enträtseln oder es zu bewahren?» Diese Frage stellt sich der Filmemacher in «Schnittstelle» im Jahr 1995. Da sie immer noch nicht abschliessend geklärt sein kann, widmet das Museum Ludwig dem Fragesteller Harun Farocki eine Schau mit umfangreichem Filmprogramm.


Köln : Harun Farocki


  
links: Harun Farocki · Deep Play, 2007, Videoinstallation, 12-Kanal, 12 Screens, Farbe, 98'
rechts: Harun Farocki · Schnittstelle, 1995, Videoinstallation, 2-Kanal, Schwarzweiss und Farbe, 23', Courtesy Generali Foundation Wien


In «Schnittstelle», Farockis erstem Werk im Kunstkontext, geht es um die bedeutungsbehafteten oder banalen Entscheidungsprozesse im Filmschnitt. Welche Bilder in welchem Ausschnitt werden für das filmische Ganze verwendet? Und warum? Wir sehen Farocki, wie er vor dem Monitor sitzt, Knöpfe drückt und Schalter betätigt. Eine andere Einstellung gibt die Nachbetrachtung des Autors wieder, seine Interpretationen dessen, was die Produktion und die Wahrnehmung von Filmen prägt. Wir sehen, wie haptisch die Beziehung des Filmemachers mit der Schnittmaschine ist und wie komplex dabei die Kombination und Rekombination, die Verschlüsselung und Dechiffrierung des fragmentarischen Bildes vonstatten geht.
Farocki liefert hier eine Art Kulturgeschichte des Bildausschnitts, die sich zwölf Jahre später in der Videoinstallation «Deep play», präsentiert an der documenta XII, in zugespitzter Form wiederfindet. «Deep play» zeigt auf zwölf verschiedenen Kanälen Bilder, die während des Endspiels der Fussball-Weltmeisterschaft 2006 von diversen Firmen und Fernsehanstalten produziert wurden: Wir sehen Computeranalysen, Expertenbeobachtungen, digitale Bewegungsinterpretationen, Bilder einer Überwachungskamera, den Trainer der französischen Mannschaft, aber auch die Regieanweisungen für die Direktübertragung. Dabei offenbart sich eine Fernsehindustrie von enormem Ausmass, die alles analysiert, interpretiert oder überwacht, nicht aber jene Bilder zeigt, die der Endverbraucher wahrnimmt. Wenn Farocki die wirklichkeitsfragmentierenden Abläufe (und demzufolge die Verfälschung) schon 1995 vorführt, so geht es 2006 um den Zerfall des Bildes an sich. Die Ausstellung konzentriert sich für diese Aussage auf insgesamt sieben Videos bzw. installationen und zeigt in dem gleichwertig neben der Schau stehenden Filmprogramm fünfzehn Werke aus dem mittlerweile mehr als vierzigjährigen Schaffen Harun Farockis.
Auf Einladung der Zürcher Hochschule der Künste entstand 2007 «Übertragungen», ein Werk für den öffentlichen Raum. Dieses entwickelte Farocki 2003, nach einem Besuch des Vietnam War Memorials in Washinton, wo er beobachtete, wie Besucher den Gedenkstein und die Namen der fast 50.000 Toten berührten. Dann sammelte er weitere Szenen, in denen der haptische Kontakt zu einem Gegenstand einen magischen Moment auslöst oder zum rituellen Gelöbnis des Erinnerns wird.

Bis: 07.03.2010


 Museum Ludwig, Köln, bis 7.3. Katalog. Filmprogramm, 29.1. und 5.2.
«Übertragung», 2007, dauerhafte Videoinstallation an der Tramhaltestelle Limmatplatz, Zürich



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Ausgabe 1/2  2010
Institutionen Museum Ludwig Köln [Köln/Deutschland]
Autor/in Grit Weber
Künstler/in Harun Farocki
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