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Besprechung
1/2.2010


Claudia Jolles :  Nach seinem Auftritt an der letzten Biennale Venedig werden Pavel Peppersteins schwungvolle Tuschzeichnungen nun an verschiedenen Orten gezeigt. Die Galerie Schau Ort in Zürich lädt zu einer dicht gehängten Retrospektive ein, während ­Monica de Cardenas in Zuoz eine neue Serie präsentiert.


Zuoz : Pavel Pepperstein, «Flowers in the Mirror»


  
Pavel Pepperstein · The Monastery Flower on the Oval Mirror, 2009, Tusche und Wasserfarbe auf Transparentpapier, 41 x 29 cm


Mal sind es gedrungene Alpenpflanzen, die ihre Köpfe einem ovalen Spiegel entgegenneigen. Mal spiegelt sich eine «Kometenblume» in einer Scherbe, dann wirbeln Blüten in Kreisformation vor einem Wandspiegel durch die Luft. Die Blumen in Pavel Peppersteins Tuschserie «Flowers in the Mirror» wecken Bilder von Zwiebeltürmen orthodoxer Klöster, von einem posierenden revolutionären Gewächs vor einer suprematistischen Dreiecksfläche oder von einem narzisstischen Pflänzchen am Rand eines spiegelnden Swimmingpools.
Peppersteins Zeichnungen spielen mit unterschiedlichen Realitäten. Wir sehen, was wir sehen - doch gleichzeitig werden wir auf weitere Ebenen geführt. Unser Blick wird mit fiktiven Jahrzahlen in die Zukunft oder Vergangenheit geleitet und über literarische Anspielungen in andere Kulturzonen geführt. So weist der Titel «Flowers in the Mirror» auf den fantastischen Roman des chinesischen Schriftstellers Li Ju-Chen (oder Ruzhen), 1812-1827. Dieser spielt während der Tang-Dynastie und handelt von der in Ungnade gefallenen Fee der hundert Blumen und ihrem ebenfalls am Hof nicht mehr erwünschten Vater, der zu einer Reise aufbricht. Dabei kommt er in «das Land der Frauen», «das Land der Menschen ohne Eingeweide», «das Land der Menschen mit zwei Gesichtern ...» und lernt das Leben ausserhalb des Hofs sowie den Taoismus - den Weg zur Unsterblichkeit - kennen.
Pepperstein ist wohl der bekannteste unbekannte russische Künstler seiner Generation. Das Kunsthaus Zug widmete ihm mehrere Ausstellungen und an der letztjährigen Biennale Venedig war er zugleich im internationalen wie im russischen Pavillon zu Gast. In seiner Heimat wird er in erster Linie als Autor fantastischer Romane wahrgenommen. Pepperstein ist ein Meister des Sich-Entziehens. Er lebt zwischen der Krim, Moskau, St. Petersburg sowie Prag und reist seit einigen Jahren nur noch per Zug und Schiff durch die Welt. An der Biennale Venedig tauchte er zwar auf, doch bei der Eröffnung war er schon wieder weg. Dieses Pendeln zwischen unterschiedlichen Kulturen ist Teil seiner künstlerischen Identität. Er lotet die Spannung aus zwischen der westlichen Auffassung des Bildes als Spiegel einer fassbaren Realität und der östlichen Vorstellung eines Gemäldes als Ikone mit metaphysischer Kraft. Damit lässt er seine Werke zu interkulturellen Matrizen werden, die uns Einblick in ein fremdes geistiges Territorium gewähren, ohne dieses zu entzaubern.

Bis: 16.02.2010


Pavel Pepperstein, Galerie Monica de Cardenas, Zuoz, bis 16.2.; Schau Ort, Zürich, bis 13.2.



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Ausgabe 1/2  2010
Institutionen Monica De Cardenas [Zuoz/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Pavel Pepperstein
Link http://www.schauort.com
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