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1/2.2010




Paris : Christian Boltanski


von: J. Emil Sennewald

  
Christian Boltanski · Les archives du coeur, 2008, Ausstellungsansicht, Maison Rouge, Paris. Courtesy Christian Boltanski; Galerie Marian Goodman, Paris, New York © ProLitteris, Zürich.?Foto: Marc Domage


Was erwartet uns? Schatten, alte Bekannte, Nichts? Seit den Sechzigerjahren bearbeitet Boltanski (*1944, Paris) Erinnerung, Abwesendes, Verlust und Hoffnung. Jetzt geht es dem Meister des Morbiden ganz ums Danach. «Ab einem bestimmten Alter hat man das Gefühl, ein Minenfeld zu durchqueren. Immer mehr Leute sterben um einen herum, bis man selbst dran ist», sagt er mit dünnem Lächeln. Wollte er früher «die kleinen, flüchtigen Erinnerungen», die das Leben schreiben, «in kleinen Blechdosen» konservieren, so wurden in den letzten Jahren seine Werke ephemer. Oft nach ihrer Benutzung zerstört, waren sie Performance und Theater näher, als den Installationen aus Fotografien, Keksdosen, Kleidungsstücken. «Bei den «Suisses morts» war anfangs immer ein Lebender dabei. Sobald man das Leben festhält, geht es verloren. Die Kunst ist in diesem Sinne ein Scheitern, will das Leben festhalten, doch verliert es immerzu.» Für «Monumenta», auf 13500 Quadratmetern im Kuppelbau des Grand Palais, entschied er sich für radikalen Verlust: «Es wird alles zerstört werden, nichts übrig bleiben.» Ein Verlust auf Raten, die Arbeit reist, anders als Anselm Kiefer 2007 und Richard Serra 2008, voraussichtlich weiter zur Armory Show und nach Mailand (Hangar Bicocca). Mit Licht, Sound und Installation geraten die Besucher zwischen individuelle Erwartung und kollektive Erinnerung, werden «Personnes»: Personen ebenso, wie Niemande. Möglich wird das durch umfassende Nutzung der räumlichen Eigenschaften des Kuppelbaus. Nicht nur visuell, auch durch Handlung, Klima, historische Ladung wird der Besucher zum Flaneur durchs Vergehen. Als Souvenir kann er seinen Herzschlag hinterlassen. Die «Archives du coeur», bereits Ende 2008 in der Maison Rouge begonnen, sollen einst auf einer schwer erreichbaren japanischen Insel ein Mausoleum erhalten. «Personnes», zwischen Theaterstück und Ausstellung, wird ergänzt durch «Après», parallel im Vorortmuseum MAC/VAL. Vom Staunen in der Grossraumerfahrung wird der Besucher hier zum Schauern hintern dunklen Vorhang geführt. Für Boltanski gleicht die Arbeit des Künstlers «dem Warten vor einer dunklen Wand, in der sich einmal eine Tür auftun möge». Das kriegt der Besucher zu spüren. Fast nebenbei führt ihn Boltanski vor eine Grundfrage des Seins: Wohin gehen wir?

Bis: 21.02.2010


Personnes, Monumenta, Grand Palais, Paris, bis 21.2.
Après, MAC/VAL, Vitry-sur-Seine, bis 28.3.



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Ausgabe 1/2  2010
Institutionen MAC/VAL [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Christian Boltanski
Link http://www.monumenta.fr
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