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1/2.2010




Wien : Gender Check, Femininity and Masculinity in the Art of Eastern Europe


von: Maren Lübbke-Tidow

  
Kriszta Nagy (Ungarn) · 200.000 Ft, I-VI., 1997, Digitalprint, 80 x 50 cm. Courtesy Collection Zsolt Somlói; Spengler Katalin, Budapest


Auf die Frage, ob das Label «osteuropäisch» heute noch eine Berechtigung hat, antwortet Kuratorin Bojana Pejić, dass eine tschechische Kunsthistorikerin keine Ahnung hat, was eine bulgarische Theoretikerin schreibt. Gender Check widmet sich einem weitgehend unbekannten und vernachlässigten Terrain und zeigt mit 400 Arbeiten aus 24 Ländern, was sie gemeinsam haben. Die Ausstellung beschäf­tigt sich mit den mehrfach gewandelten geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen seit den Sechzigerjahren. In retrospektiver Lesart der damaligen offiziellen und inoffiziellen Kunst der sozialistischen Ära versucht Pejić eine integrative und korrektive Kunstgeschichtsschreibung voranzutreiben. So beispielsweise mit der These, dass in der Arbeitswelt die kollektive staatliche Utopie der Gleichbehandlung bzw. -stellung der Geschlechter nur vordergründig erreicht wurde - Heldentum der Arbeit und häusliche Reproduktionsarbeit blieben unvereinbar. Fällt es zu Beginn schwer, die gewichtige Staatskunst aus den Sechzigerjahren vor dem Hintergrund des konzeptionellen Grundgedankens der Ausstellung mit Pejićs Thesen gegenzulesen, so zeugen die Arbeiten aus den Siebzigerjahren deutlich von Aufbruchstimmung. In der Repräsentation von Frauen scheint ein «latenter Feminismus gegen die alten Stereotypen» auf, finden «Annäherungen von Künstlerinnen an die universelle Kunst» statt, werden in «Politiken der Selbst-Repräsentation» mit ersten homoerotischen Darstellungen Männlichkeitsideale hinterfragt. In «Performing Gender/Performing the Self» emanzipieren sich Künstlerinnen von tradierten Darstellungsweisen, erkunden Körper und Sexualität, insistieren auf Individualität. Komplex und mehrfach gebrochen zeigt sich dann die Kunst nach 1989. Denn die tiefgreifenden Transformationen haben keineswegs zwingend zu Demokratisierung geführt. «Sobald es Demokratie gibt, kann man auf die Strasse gehen und streiken, aber auch Prostitution und Menschenhandel organisieren» (Pejić). Viele Künstler/innen bearbeiten nun zwar Themen, die zuvor aufgrund von Zensur tabu waren, gleichzeitig aber muss man in allen Übergangsstaaten von einer Patriarchalisierung der Gesellschaft sprechen, die - wie die Künstlerin Sanja Iveković es beschreibt - eine «Emanzipation nach der Emanzipation» notwendig macht.

Bis: 14.02.2010



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Ausgabe 1/2  2010
Institutionen Museum Moderner Kunst [Wien/Österreich]
Autor/in Maren Lübbke-Tidow
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