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Fokus
3.2010




Karen Geyer - Alles verändert sich und nichts bleibt


von: Pablo Müller

  
links: Grauton, 2005/2006, Installationsansicht der Performance im Rahmen der Ausstellung «Bekannt­machungen - 20 Jahre Bildende Kunst SBK», Kunsthalle Zürich
rechts: Sound Objects, 2008, Installation, Ton, Artist in residence Jason Kahn lädt Karen Geyer ein, mit Dave Philips und Mark Zeier (Electronics), Moods Zürich


Musik? Was Karen Geyer auf die Tonspur ihrer Multimedia-Installationen zaubert, ist beinahe pure Willkür: eine dezent klickende, klappernde und schleifende Geräuschkulisse, erzeugt durch jede Menge klingenden Hausrats und manipulierter Plattenspieler, welche die 33-Jährige vor einer weissen Leinwand zu einem traumhaften Klang- und Schattenspiel arrangiert. Wollte man die Kunstgeschichte bemühen, so liessen sich diese installativen Ensembles beschreiben als Mischung der kinetischen Objekte von László Moholy-Nagy, der Readymade-Idee eines Marcel Duchamp und der Maschinenmusik des Futuristen Luigi Russolo, der mit seinem Manifest «L'arte dei rumori» Geräusche des Alltags in die Musik einführte.
Begonnen hat alles in Berlin. Karen Geyer studierte Kontrabass an der Jazzschule Kreuzberg. Anschliessend wollte sie am Konservatorium Komposition belegen, doch war ihr der dort gesteckte Rahmen zu eng und so kam sie nach Zürich in die Kunstklasse. An der Zürcher Hochschule der Künste begann sie dann mit selbst konstruierten Klangkörpern zu experimentieren und erweiterte diese sukzessiv zu komplexen audiovisuellen Installationen. Das Akustische blieb jedoch immer der wichtigste Bezugspunkt. So spielte Karen Geyer schon während des Studiums in einer Frauenpunkband und seit 2003 gestaltet sie alle zwei Monate auf Radio LoRa eine 45-minütige Sendung, in der sie ihre neuesten Klangexperimente live aufführt.

Der Klang der Dinge
Die Dinge, mit denen wir uns im Alltag umgeben, haben es ihr angetan. In «Sound cooking», 2004, erhitzt Karen Geyer mit Wasser gefüllte Kochtöpfe, Bratpfannen und anderes Küchengerät. Feinsensorische Tonabnehmer führen die dabei entstehenden Geräusche einem Verstärker zu. Je nach Eigenart des Behälters und des jeweiligen Zustandes des Wassers, ob als Flüssigkeit, siedend oder kochend, variieren die Töne. Die Künstlerin verknüpft hinter dem Mischpult die einzelnen akustischen Fäden zu einem sich langsam verändernden Klangteppich.
«Grauton» nennt Karen Geyer diese Geräuschmusik. Wie die Bezeichnung andeutet, geht es dabei nicht um bunte Knalleffekte oder scharfkantige Kontraste. Vielmehr handelt es sich um einen Prozess des Findens von feinen Nuancen und des Zeigens einer Vielzahl von Variationsmöglichkeiten. In diesem Prozess sieht sich Karen Geyer mehr als Initiatorin denn als Choreographin. «Ein Komponist schreibt ein Stück und möchte sich durch seine Musik vermitteln. Ich nehme mich als Person jedoch zurück und möchte nur etwas initiieren. Mit meinen Instrumenten versuche ich, Geräusche zu erzeugen, die sich durch äussere Einflüsse langsam weiterentwickeln und verändern. Es mag auf den ersten Blick wie eine langsame Wiederholung klingen, doch es ist eine fast unmerkliche Veränderung von einer Form zur nächsten.»

Im Lauf der Zeit
Die Tatsachen, dass sich im Leben alles verändert und nichts bleibt und uns der Zufall immer wieder einen Streich spielt, sind Karen Geyers Themen. Dabei geht es der Künstlerin nicht um die Lobpreisung eines kosmologischen Prinzips, sondern eher um die Beschäftigung mit einer anthropologischen Konstante. Für «Graufilter», das 2006 im Rahmen des Forschungsprojektes «Nachtschichten» der Zürcher Hochschule der Künste entstand, befragte Karen Geyer rund fünfzig Menschen aus Berlin, Wien und Zürich im Alter zwischen neunzig und hundert Jahren über Zufälle, welche ihr Leben nachhaltig prägten. Dabei wurde den Gesprächspartner/innen die Zeit eingeräumt, die sie brauchten, um sich angemessen auszudrücken. Die Passagen der Stille, des Zögerns und des Suchens nach den richtigen Worten werden bewusst als kompositorische Momente zugelassen. Wie in den Soundstücken werden so auch in diesen Gesprächen sich spontan ergebende Rhythmisierungen und Lücken eingebaut, die das Prozesshafte des Denkens und Formulierens als gestalterisches Moment deutlich werden lassen.
Oral History ist eine Form der Geschichtsschreibung, die all das zu Protokoll gibt, was quantitativ nicht erfassbar ist. Dabei geht es um Gefühle, Stimmungen und Erinnerungen. In «Versuch einer Übersicht über das letzte Jahrhundert des zweiten Jahrtausends», 2008, versammelt Geyer Erzählungen alter Menschen im deutschsprachigen Raum und jüdischer Emigranten in New York, die ihr Schicksal unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schildern. Geyer verquickte diese starken, unvermittelten Stimmen in einer räumlichen Umsetzung im Rahmen der Swiss Art Awards in Basel mit subtilen, sich selbst spielenden Instrumenten, die sie gleichzeitig als Schattentheater inszenierte. Dieses Licht-Schatten-Spiel wirkt wie das Echo einer verstreichenden Zeit, dem die Künstlerin in ihrer poetischen Arbeit über Geschichte und Erinnerung nachspürt. Warum sie gerade alte Menschen so faszinieren? «Mich interessiert, wie ein Mensch lebt, der einen retrospektiven Blick auf sein Leben hat. Er hat zwar noch Ideen und Wünsche, was er machen möchte, doch gleichzeitig reduzieren sich seine körperlichen und mentalen Fähigkeiten immer mehr. Was bleibt sind die Erinnerungen.»

Pablo Müller, Künstler und Kunstjournalist, lebt in Zürich.

Bis: 14.03.2010


Karen Geyer (*1976, Konstanz) lebt und arbeitet in Zürich und New York
1999-2003 Studium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

Einzelausstellungen/Performances
2010 Kunsthalle Palazzo, Liestal; Les Complices, «Die Aussenperspektive», Zürich
2009 «Geyer Philips Zeier», Moods, Zürich; «Caecilia Tripp and Friends», Elisabethstreet, New York; «A New York Portrait», Galerie S. Romer, Chur
2008 «Tasten, Saiten, Sounds», Museum Bellerive, Zürich; «Essen im virtuellen Raum», Kaskadenkondensator, Basel; Gesellschaft für neue Musik, Baden
2007 «Carola Giedion Welcker und die Moderne», Kunsthaus, Zürich
2005 «Sechs Soundobjekte im Raum», Künstlerhaus, Stuttgart
2004 «Sound Cooking», Kunsthof, Zürich

Performance von Karen Geyer an der Finissage Sonntag, 14.3., 17 Uhr.
An Stelle eines Katalogs erscheint eine Schallplatte mit Musik von Karen Geyer und der Covergestaltung von Renée Levi.
«Die Aussenperspektive», Les Complices Zürich, 26.5.-26.6.



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Ausgabe 3  2010
Institutionen Kunsthalle Palazzo [Liestal/Schweiz]
Institutionen Les Complices* [Zürich/Schweiz]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Karen Geyer
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