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Fokus
3.2010


 Kann Kunst als Vermittlerin zwischen den Kulturen dienen? Für den weltweit wandernden Kurator Tirdad Zolghadr ist die Frage falsch gestellt. Der «Clash of civilisations» sei aus künstlerischer Perspektive nicht interessant, denn im Kunstbetrieb sind alle durch einen einheitlichen Jargon verbunden. Das Protokoll eines grossen Missverständnisses.


Tirdad Zolghadr - Bloss keine Brückenbauerei!


von: Daniel Morgenthaler

  
links: It's Not You - It's Me, Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate, Arsenale, Biennale Venedig, 2009
rechts: Gesprächssituation, Sommerakademie, 2009, Zentrum Paul Klee, Bern


Morgenthaler: Der von dir kuratierte Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate an der Biennale in Venedig hat mich auf dem falschen Fuss erwischt: Man erwartet ja bei einem Länderbeitrag keine Modelle der heimischen Mega-Museen, die erst noch gewisse Klischees bedienen, etwa betreffend der Bauwut Dubais. Richtest du hier einen ironischen Blick auf die unterschiedliche kulturelle Konditionierung des Publikums?

Zolghadr: Klischees anzugreifen, ironisch oder didaktisch, ist leider selten attraktiv. Und so multikulti ist die Biennale Venedig eh nicht wirklich. Das Kunstpublikum spricht eine relativ einheitliche professionelle Sprache. Die Touris sind entweder aus Europa oder aus privilegierten internationalen Schichten. So ging es uns nicht um Brückenbauerei. Es ging eher darum, die Produktionsmittel für Kunst in den Emiraten zu reflektieren und dadurch wiederum eine Art zeitgenössische Weltausstellung zu inszenieren - dies um die Biennale als Ausstellungskontext einer sanften Kritik zu unterziehen.

Morgenthaler: Eigentlich ist es ja auch ein Widerspruch: Immer mehr Nationen - mittlerweile über 70 - aus aller Welt präsentieren sich hier also primär einem gehobeneren europäischen Publikum. Du hast aber schon in vielerlei anderen Ländern Ausstellungen organisiert, im Iran, in der Schweiz, 2010 kuratierst du mit Hongjohn Lin die Taipeh Biennale: Inwiefern berücksichtigst du da die kulturelle Disposition eines Ausstellungsortes und des zu erwartenden Publikums?

Zolghadr: Eigentlich eher wenig, da das Publikum eines professionellen Kunstortes selten etwas anderes als einen international verankerten Diskurs erwartet, ob in Teheran oder in Taipeh. Das ist in anderen Berufsfeldern nicht viel anders, ob in den Geisteswissenschaften oder im Hip-Hop. Die Inhalte sind oft ortspezifisch - lokale Gegebenheiten, politische Ereignisse, wichtige Namen etc. - die Formen sind mittlerweile überall ziemlich gut lesbar.
Oft ist es allerdings geradezu die Hoffnung auf eine Kulturalisierung des jeweiligen Projektes, seitens der Medien oder der Institution, die das Gespräch tatsächlich verschachtelt. In Europa schlägt man sich oft mit der Erwartung herum, dass irgendeine kulturelle Disposition auf Teufel komm raus zur Sprache kommen müsse, beispielsweise die mittelöstliche Herkunft eines Künstlers.

Morgenthaler: Aber eine Arbeit wie Nedko Solakovs Videoinstallation zur Israel-Palästina-Frage an der von dir verantworteten Sharjah-Biennale 2005 provoziert doch bestimmt auch?

Zolghadr: Solche «Clash of civilizations»-Situationen, die du dir mit dieser Frage erhoffst, sind erstens die Ausnahme und zweitens selten aus einer künstlerischen Perspektive interessant. Als Kurator bin ich für Letztere zuständig. Für politkulturelle Zusammenstösse fragt man besser Politologen.

Morgenthaler: Ich denke da halt auch an so bekannte Beispiele wie Maurizio Cattelans erschlagenen Papst, der in Basel wenig ausgelöst hat, in Polen hingegen einen regelrechten Skandal. Oder Martin Kippenbergers Frosch am Kreuz, der in Bozen nicht akzeptiert wurde.

Zolghadr: Es ist so: 98% der Zeit kommen diese Missverständnisse gar nicht zur Sprache. Ich kann aus journalistischer Perspektive heraus verstehen, dass die anderen 2% viel interessanter sind, aber das ergibt ein verzerrtes Bild von meinem Arbeitsalltag. Wenn man durch die Kunst bewusst auf Provokation aus ist, dann ist das von Fall zu Fall zu bewerten, pro und kontra, warum wieso etc. Grundsätzlich muss man aber sagen: Meist geht es hier um Konflikte, die mit der jeweiligen Kunst - ob nun Cattelans Arbeit oder Kippenbergers - wenig zu tun haben. Religiös-säkulare Konflikte sind natürlich faszinierend und für Sozialwissenschaftler hochinteressant, wie auch für die Feuilletonseiten, aber für eine kunstverortete Diskussion selten ergiebig. Zumal viele Vorfälle der letzten zehn Jahre geradezu darauf aus waren, einen spektakulären Clash zu erzielen, wie etwa Andres Serranos «Piss Christ». Grundsätzliche Empfindlichkeiten sind mit etwas gutem Willen sehr leicht zu klären und so kann man ihnen problemlos aus dem Weg gehen. Um sich dann auf Subtileres zu konzentrieren. Oft ist das leider für die Beteiligten uninteressant, die möchten sich lieber darüber aufregen, wie borniert die Polen doch sind oder wie böse die Mullahs.

Morgenthaler: Mein letzter Konterversuch, mit einer Episode, die Ende 2009 Aufsehen erregte: Als Parastou Forouhar den Iran nicht verlassen durfte, war das doch eine direkte Konsequenz ihrer künstlerischen Tätigkeit und entsprechend verurteilungswürdig?

Zolghadr: Wie gesagt, wichtig ist, diese Fälle einzeln und mit Vorsicht zu bewerten, wie was wann wozu woher. Als Ausstellungsmacher hatte ich persönlich in Teheran nie Probleme, zumindest nicht solche, die kurz als spannende Anekdote hier passen würden. Vor allem Parastous Fall ist zu kompliziert, um sie kurz als Beispiel abzuhaken. Manchmal ist der Appetit auf Gruselgeschichten und Künstlerhelden schlicht zu gross, um solche Dinge sachlich zu bewerten.
Anlässlich der von mir geleiteten Sommerakademie 2009 im Zentrum Paul Klee kamen Leute aus aller Herren Länder zusammen, und es ging um hundert theoretische und praktische Fragen, die hitzig debattiert wurden, ohne dass irgendjemand «kulturbedingte Missverständnisse» als wichtigen Punkt in seiner Praxis thematisiert hätte. Es ging um die internen Notwendigkeiten des Kunstfeldes: Was ist der gängige Arbeitsbegriff unter Künstlern, was ist eine gute Kunsthochschule, wie lässt sich die Ausstellung als Format neu denken?

Morgenthaler: Du würdest also argumentieren, dass Brückenbauerei in der Kunstwelt nicht mehr nötig ist, da ein einheitlicher Jargon entstanden ist, der Rezipienten in Teheran genauso geläufig ist wie solchen in Texas, und dass nur negative Instrumentalisierung zu Konflikten geführt hat. Wenn man die Kunst aber positiv instrumentalisieren würde, um Ereignisse wie die Annahme der Minarettinitiative zu verhindern? Um den von dir erwähnten guten Willen, den die Kunstrezipienten an den Tag legen, auch bei einer breiteren Allgemeinheit hervorzurufen?

Zolghadr: Instrumentalisierte Kunst ist eigentlich immer grottenschlecht, leider. Und schlechte Kunst taugt nicht. Weder zur Brückenbauerei noch anderweitig. Das Problem mit dem Brückenparadigma ist übrigens nicht das Modische/Unmodische daran, sondern dass es davon ausgeht, dass es zwei Konfliktpartner gibt: Minarettbauer versus Kirchturmkandidaten - und die müssen nun aufeinander zukommen wie auf einer Brücke. Schweizerische Minarettphobie ist aber ein schweizerisches Problem, das mit tief verankertem Empörungsgenuss zu tun hat. Da helfen weder Künstler noch Dokumentarfilme noch muslimische Brückengenossen. Da muss der Schweizer Mainstream schon selber wissen, was er will.

Daniel Morgenthaler (*1978), freischaffender Kunstjournalist, lebt in Zürich.


Bis: 14.11.2010


Tirdad Zolghadr (*1973, Kalifornien, Bürger des Iran, der Schweiz und der USA) lebt in Berlin und arbeitet als Kunstkritiker, Dozent und Kurator diverser Ausstellungen weltweit, u.a.:

2004 «Ethnic Marketing», Centre d'Art Contemporain, Genf
2005 Sharjah Biennale, Vereinigte Arabische Emirate
2009 Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate, Biennale Venedig
2009 Sommerakademie, Zentrum Paul Klee, Bern
2010 Taipei Biennale, Taiwan


Publikationen, Filme:
Seit 2000 diverse Artikel für Frieze, Parkett, NZZ etc.
2002 «Tehran 1380», Dokumentarfilm, mit Solmaz Shahbazi
2005 «Tropical Modernism», Video
2007 «Softcore», Roman, Kiepenheuer & Witsch, 2008



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Ausgabe 3  2010
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in T. Zolghadr
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