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Besprechung
3.2010


Yvonne Ziegler :  Bilder sind mehr als das, was man auf ihnen sieht. Sie weisen über sich hinaus. Die «Tableaux Vivants» der Schweizer Künstlerin Pascale Grau stellen eine besondere Verbindung von Bild, Video und Performance dar. Kulturelle Eigenarten, Traditionen und Bildikonografien werden sichtbar.


Muttenz : Pascale Grau, «Tableaux Vivants»


  
links: Pascale Grau · Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, 2010 © ProLitteris, Zürich.?Foto: Viktor Kolibàl
rechts: Pascale Grau · Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, 2010 © ProLitteris, Zürich.?Foto: Viktor Kolibàl


Die in Basel lebende Künstlerin Pascale Grau (*1960) schafft seit 2005 «Tableaux Vivants». Sie greift eine beliebte Gesellschaftspraxis aus dem 19. Jahrhundert auf und stellt Gemälde oder historische Ereignisse mit kostümierten Personen möglichst authentisch nach. Auf vier Kontinenten erarbeitete sie jeweils im Rahmen eines Performance-Workshops mit ortsansässigen Künstlerinnen und Künstlern ein «lebendes Bild», das vor Publikum dreissig Minuten lang aufgeführt und per Video aufgenommen wurde. Einmalige Aufführung und Aufnahme fallen zusammen, mehr noch, die Präsenz der Zuschauer steigert das Durchhaltevermögen der Darsteller. Das performativ lebendig gemachte Bild wird im zeitbasierten Medium aufgezeichnet statt fotografisch festgefroren. Zugrunde liegt immer ein gefundenes Bild aus dem visuellen Gedächtnis der jeweiligen Kultur: In Myanmar ist es ein Klosterritual, in Bolivien eine Abendmahlsszene, in der Schweiz Hodlers «Die Nacht», in Indien eine Götterhochzeit.
Im Kunsthaus Baselland sind alle bisher entstandenen «Tableaux Vivants» auf ebenerdig stehenden Projektionsschirmen zu sehen. Man erkennt erst beim zweiten Blick, anhand eines flackernden Kerzenscheins, sich bewegender Glieder oder eines sachten Atemholens, dass das vermeintliche Videostandbild lebt, es sich um eine Performance handelt, die aus dem Innehalten einer Position besteht. Dass dies einer extremen körperlichen Anstrengung bedarf, wird nicht zuletzt an der sichtlichen Erleichterung am Ende des Myanmar-Tableaux deutlich. Alle sechs Minuten löst sich nämlich eines der Tableaux in unterschiedlicher Weise auf: Begonnene Handlungen werden zu Ende geführt, man geht erleichtert auseinander, Bilder werden dekonstruiert oder theatralisch weitergespielt. Die komplizierten Entstehungshintergründe und kulturellen Codes der Tableaux verrät das Making-of der Künstlerin im Nebenraum: Die kritische Darstellung von Überfluss und Armut durch Plastikabfall wird von einer indischen Kritikerin beispielsweise als bissig erlebt. Ein bolivianischer Abendmahlsdarsteller kombiniert eine verpönte Karnevalsmaske mit einer kitschigen TV-Figur. Und in Myanmar hatte eine Performerin den Eindruck, das Ritual tatsächlich vollzogen zu haben. Die Performances aktualisieren demnach Bilder und Codes des kollektiven kulturellen Gedächtnisses. Sie sind herausfordernde Neuinterpretationen; atmosphärisch präsent, lesbar und doch rätselhaft.

Bis: 21.03.2010


Pascale Grau. Rollenwechsel. Hg. I. Müller, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg, 2009



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Ausgabe 3  2010
Institutionen Kunsthaus Baselland [Basel/Muttenz/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Pascale Grau
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