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Besprechung
3.2010


Alice Henkes : Com & Com :  Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger setzen sich seit 1997 unter dem Namen Com & Com ironisch mit Mythen, Medien und Massenkultur auseinander. Das Centre PasquArt in Biel zeigt mit «La réalité dépasse la fiction» die erste Retrospektive des Künstlerduos.


Biel : Com & Com, «La réalité dépasse la fiction»


  
links: Com & Com · Baum (Natural Ready Made), 2010, Rauminstallation
rechts: Com & Com · Side by Side, 2002, Filmstills und Making of, Fotoabzug auf Aluminium


Im Foyer des Centre PasquArt steht ein roter Ferrari, gerade so, als sei das Künstlerduo Com & Com mit Marcus Gossolt (*1969) und Johannes M. Hedinger (*1971) damit an die Vernissage gebraust. Das motorisierte Zubehör aus dem Video «Side by Side», 2002, gibt die Richtung der opulenten Ausstellung vor, die das ganze Haus mit Requisiten und Dokumentationen zu Filmen, Videos und Aktionen füllt. Mit den Mitteln der Persiflage, der Appropriation, und immer dicht am Zeitgeist, ironisieren Com & Com die Mediengesellschaft und die Mythen aus Volks-, Pop- und Hochkultur. Dabei bleiben die beiden St. Galler sehr dicht dran an der glatten, bunten, gleichsam wie mit Autolack präparierten Oberfläche der Medienwelt.
Ironie ist jedoch immer eine Frage der Perspektive. Der Blickwinkel einer Museumsschau verändert das ironische Objekt. Bekannt wurden Com & Com mit einer filmischen Parodie des Wilhelm-Tell-Mythos «C-Files: Tell Saga». Die von Harald Szeemann an der Biennale in Venedig 2001 präsentierte Arbeit kommt als Film-Thriller daher, in dem Tell von Ausserirdischen entführt und von coolen Agenten gerettet wird. Die retrospektive Inszenierung mit Filmstills und Kulissenfotos, Trailer und Making-of-Video umgibt die «C-Files: Tell Saga», die ästhetisch fast zu perfekt dem massenkompatiblen Hollywood-Look angepasst sind, mit eben jener Aura des emotionsgeladen Mythischen, welche die Arbeit eigentlich hinterfragen will. Der «Mocmoc», eine Polyesterfigur, welche die beiden 2003 im Zentrum von Romanshorn aufstellten, erinnert an grotesk-niedliche Sportmaskottchen. Das kitschige Untier, von Com & Com mit einem künstlichen Mythos ausgestattet, wurde zum diskursiven Zündstoff. Von den Aufregungen dieser Realsatire rund um die Frage «Was darf Kunst?» ist in der Ausstellung leider wenig spürbar. Hier dominieren Kinderbilder, die bei «Mocmoc»-Malwettbewerben entstanden.
Der Parcours, der mit einem Ferrari beginnt, endet symbolträchtig mit einem Apfelbaum, der, winterlich nackt, mitsamt den Wurzeln ausgegraben, als «Natural Ready Made» aufgebaut wurde. Die Internet-Generation entdeckt die Natur und Eva trifft Wilhelm Tell? Offiziell haben Com & Com mit ihrem 2009 verfassten Postironischen Manifest aller Ironie entsagt. Seither widmen sie sich der Wiederentdeckung der Natur. Frei von Ironie ist der Baum in der Salle Poma vielleicht nicht, dafür ganz nah dran am Zeitgeist.

Bis: 14.03.2010


Parallel zeigt Bischoff & Partner, Bern, neue Arbeiten, bis 27.2.



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Ausgabe 3  2010
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Institutionen Bernhard Bischoff & Partner [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Autor/in Com & Com
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