Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
3.2010


Gisela Kuoni :  Drei alte Künstlerfreunde - Jürg Moser, Albrecht Schnider, Gaudenz Signorell - bespielen für die Dauer eines Jahres das Nietzsche-Haus in Sils-Maria. Drei Interventionen fügen sich aneinander. Eine nimmt auf die vorangegangene Bezug und jede nimmt in ihrer Art den Dialog mit dem Haus auf.


Sils-Maria : Jürg Moser, Albrecht Schnider, Gaudenz Signorell, «Volume II»


  
Jürg Moser · The real time code, 2009, Fotografie auf Aluminium, 9-teilig, Format variabel © ProLitteris, Zürich


Der erste Dialog, «Volume l», war gescheitert, das war gut und nötig für den zweiten. Zu sehen ist von den ersten Eingriffen so gut wie nichts mehr, die gewonnene Erkenntnis jedoch wurde umgesetzt. Das Nietzsche-Haus ist kein gewöhnlicher Ausstellungsort. Es ist ein Haus der Forschung, dazu beladen mit seiner eigenen Geschichte und mit den Erwartungen der Besucher. Es ist eine Ikone seiner selbst. Herkömmliche Kunst muss darin untergehen - es sei denn, es gelingt ihr, durch ihr Eindringen in den geschlossenen Ort nicht nur Aufmerksamkeit zu erregen, sondern diesen auch kritisch infrage zu stellen. Gemeinsam mit den Künstlern hat die Kuratorin Susanne Bieri einfühlsam und ideenreich darum gerungen und dabei den Blick von aussen bewahrt und gewährleistet.
Nach «Volume l» war das Haus plötzlich zu eng. Gaudenz Signorell wich aus in die verlassene Trinkhalle der Paracelsusquelle in St. Moritz, fotografierte im alten Gemäuer, integrierte Historisches wie die Furnatsch-Brücke und dokumentiert in zwei Vitrinen im linken Erdgeschossraum seine Ansicht des Projekts. Einen kühnen, nicht humorlosen Verweis in die Gegenwart macht Albrecht Schnider: Am Eingang präsentiert er kleine, feine Skulpturen aus Holz, Metall und Acrylfarbe, eine noch mit einem vermeintlichen Preisschild versehen, dann zwei Zeichnungsserien und schliesslich, auf dem Gestell, eine Reihe Kataloge. Stehen wir in einem Museumsshop - im Philosophenhaus? Realität und Imagination driften hier gewaltig auseinander. Im Nietzsche-Zimmer im oberen Stock, welches durch eine dicke, ehrfurchtgebietende Kordel abgesperrt ist und in dem ausser der mit Glas bedeckten Tischdecke nichts mehr authentisch ist, projiziert Gaudenz Signorell - wie Nietzsche ein Suchender, ein Nomade - aus seinem reichen Fundus eine 80-teilige Bildreihe auf das angebliche Leinenhandtuch des Philosophen, das von einem Gestell herunterhängt.
Und Jürg Moser? Wie eine Art gerissener Film ist seine mehrteilige Arbeit angelegt, farbige Fotografien von Bauhaus-Lampen, aneinandergereiht, überlappend, Schatten werfend, die wie die Perforierung eines Films senkrechte Trennungen bilden. In der unteren Reihe scheint das warme Lampenlicht erloschen, die Farben verschwunden, der Film zu Ende.

Bis: 11.07.2010


Nietzsche-Haus, Sils-Maria, «Volume ll» bis 7.3.; anschliessend «Volume lll», vom 9.3.-11.7. Als integraler Teil des Ganzen erscheint ein bibliophiles Protokollheft mit Notizen, Interviews, Skizzen, Essays.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2010
Institutionen Nietzsche-Haus [Sils Maria/Schweiz]
Autor/in Gisela Kuoni
Künstler/in Jürg Moser
Künstler/in Gaudenz Signorell
Künstler/in Albrecht Schnider
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100226154745GH3-12
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.