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Besprechung
3.2010


Patricia Grzonka :  Durch einfache Manipulation wird ein zufällig entdecktes Familienvideo zur fiktiven Dokumentation einer sozialen Grenzsituation. Aneta Grzeszykowskas Ausstellung «Birthday» in Wien handelt von der Verfremdung, vom Ausgesparten und dem Nichtsagbaren.


Wien : Aneta Grzeszykowska, «Birthday»


  
links: Aneta Grzeszykowska · Klara, 2009, Wolle, Holzkonstruktion, Kletten, Holzwolle, Holzpodest, 38 x 120 x 155 cm
rechts: Aneta Grzeszykowska · Birthday, 2010, Raumaufnahme mit Wandbehang «Gobelin» und Skulptürchen «Hundeherz»


«Birthday» lautet der Titel der jüngsten Arbeit der polnischen Künstlerin Aneta Grzeszykowska, die auf einem anonymen Familienfilm basiert, den sie in einer alten Videokamera entdeckt hat. Im Film wird der erste Geburtstag eines Kindes gefeiert, mit den üblichen Ritualen wie Kerze ausblasen und Kuchen essen. Diese Sequenzen hat die Künstlerin ummontiert und mit einem Ton unterlegt, der entfernt an Musik aus Horrorfilmen erinnert. Die Darstellung einer fröhlichen Alltagsszene kippt um in ein Szenario des Ungemütlichen oder gar des Bedrohlichen.
Mehrdeutigkeiten und Ambivalenzen interessieren Grzeszykowska auch in anderen Arbeiten. So spielt eine Serie von neuen Fotos und Objekten mit den verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten einer Pflanze wie der Klette, deren stachelige Samenkapseln zu kleinen Skulptürchen, «Hundeherz», zusammengefügt oder - in Simulation einer Webtechnik - zu einem grossen Wandbehang, «Gobelin», verarbeitet wurden. Sensuelle Umkodierungen können dabei ebenfalls angedeutet sein: In einigen Fotos wird die Klette in surrealistischer Manier zum Haarersatz für Achsel- und Schamhaare, wobei hier neben literarischen Vorlagen wie dem Fin de Siècle-Roman «Venus im Pelz» auch Themen der Psychoanalyse anklingen.
Aneta Grzeszykowska wurde durch ihre nachgestellten «Untitled Filmstills» von Cindy Sherman bekannt, die kürzlich auch in der Gruppenausstellung «Karaoke» im Fotomuseum Winterthur (jetzt in Salzburg) zu sehen waren. Wird hier zwar das Fehlen eines Bezugs thematisiert, indem auf die Absenz, das nicht vorhandene Original hingewiesen wird, so entsteht ein wesentlicher Teil ihrer Arbeiten doch auch aus einer strikt persönlichen Motivation heraus. Autobiographische Aspekte spielen eine Rolle bei der Gruppe von fast lebensgrossen, monochrom-schwarzen Wollpuppen, deren Kleider gehäkelte und gestrickte Nachahmungen von Kleidern ihrer eigenen Kindheit sind. Diesen Kinderskulpturen liegt ein traumatisches Ereignis zugrunde: Beim Nähen einer Puppe verletzte die Künstlerin, noch im Teenageralter, mit einer Nadel das Auge ihres damals dreijährigen Bruders. In diesem Fall dient der krude Realismus der Puppen, der in dieser speziellen Form des Re-Enactment liegt, auch zur Überbrückung einer Entfremdung von üblicherweise positiv konnotierten Erinnerungen an eine unbeschwerte Kindheit.

Bis: 06.03.2010


«Karaoke - Bildformen des Zitats», Fotohof Salzburg, 6.3.-17.4.



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Ausgabe 3  2010
Institutionen Nächst St. Stephan [Wien/Österreich]
Institutionen Galerie Fotohof [Salzburg/Österreich]
Autor/in Patricia Grzonka
Künstler/in Aneta Grzeszykowska
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