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Besprechung
3.2010


Dominique von Burg :  Der Hamburger Filmemacher Jochen Kuhn ist Maler, Autor, Regisseur, Musiker und Kameramann. Seine vielfach preisgekrönten Kurzfilme sind Gesamtkunstwerke, die mit dem Auge eines Malers gefilmt und von einer traumartigen Atmosphäre durchwirkt sind. Zu sehen ist nun sein erst kürzlich fertiggestellter Film.


Zürich : Jochen Kuhn, «Prediger»


  
Jochen Kuhn · Prediger, 2009, Still aus Single Channel Video, 8 Min., Farbe mit Ton


Mal sehen wir einen Mann in einer kämpferischen Lenin-Pose, mal einen mit argumentativ erhobenem Mahnfinger, dann wieder einen Betenden mit gefalteten Händen. Dazwischen ist immer wieder eine Figur mit einem schreiend aufgerissenen Mund eingeblendet. In einer anderen Szene rennen Männer fluchtartig davon. Hin und wieder taucht eine hell erleuchtete Frauengestalt auf, die flehentlich ihre Arme gen Himmel streckt. Die einsam und haltlos wirkenden Figuren bewegen sich zwischen klassizistischen, renaissanceartigen Architekturen. Irgendwie ist uns diese Umgebung vertraut, würde da nicht eine gespenstische, melancholische Stimmung herrschen; eine fast apokalyptische Szenerie. Dazu tragen neben den Grisaille-Effekten die überwiegend graugelben Farbtöne der Filmsequenzen bei, die von bräunlich bis olivgrün reichen. Über allem hängt der kalte Hauch der Absurdität, eine Ambivalenz, die Aussenräume zu surrealen Innenräumen werden lässt.
Der Film wird akustisch mit Synthesizern und Violine untermalt. Gesprochener Text hingegen fehlt. Dies mutet angesichts der Tatsache, dass im Film Prediger gezeigt werden, merkwürdig an. Heisst dies, dass die Inhalte der Reden - seien sie von Priestern, Führungskräften oder Politikern - grundsätzlich austauschbar sind?
Jochen Kuhn (*1954) ist seit 1991 Leiter der Abteilung für Filmgestaltung an der Akademie in Ludwigsburg. Schon während seines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg beschäftigte er sich mit Film. Dennoch ist er auch der Ölmalerei stets treu geblieben, die er als Ausgangsmaterial seiner Filme benutzt. So schneidet er beispielsweise Figuren und Architekturen aus, übermalt sie, arbeitet mit Schablonen, Diaprojektionen und Überblendungen. Seine Arbeiten entstehen durch ständiges Verwischen und Neugestalten auf der Leinwand. Dabei bleibt das Fliessende des Malakts im Film sichtbar. Diese Prozesse produzieren Bewegung, eine Art von Animation. Als Beobachter wird man Zeuge einer metamorphotischen Entwicklung oder, wie es Kuhn formuliert, des allmählichen Verfertigens von Gedanken. Kuhn selber hält seine Filme nicht für animiert, vielmehr bevorzugt er den Begriff «Malerreise»: nämlich das Malen als Reise, welche zur schrittweisen Bildung eines malerischen Gedankens führt. Gleichzeitig reflektiert der Film mit den sich überlagernden Bildern unsere gegenwärtige, westliche Welt, die zahllose Optionen offen hält und es uns immer wieder so schwer macht, sich definitiv auf etwas Bestimmtes festzulegen.

Bis: 06.03.2010



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Ausgabe 3  2010
Institutionen Peter Kilchmann [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Jochen Kuhn
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