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Besprechung
3.2010


Isabel Friedli :  Das Heilige und das Profane liegen in der Inszenierung von De Gruyter & Thys für die Kunsthalle Basel dicht beieinander. Sie spielen die Aura des Erhabenen gegen das Phänomen von Kunst als Massenware aus und führen den Glauben an den Bedeutungsgehalt der künstlerischen Schöpfung ad absurdum.


Basel : Jos de Gruyter & Harald Thys, «Projekt 13»


  
links: De Gruyter & Thys · The three Wise Guys from Erembodegem, 2010, Skulpturen auf Sockel, Holz, Styropor, Gips, Courtesy Dépendance, Brüssel; Isabella Bortolozzi, Berlin © Kunsthalle Basel. Foto: Serge Hasenböhler
rechts: De Gruyter & Thys · Über das Verhältnis der wirklichen Welt zu der parallelen Welt, Video, s/w, Ton, 25 Min., Courtesy Dépendance, Brüssel; Isabella Bortolozzi, Berlin; Kunsthalle Basel. Foto: Serge Hasenböhler


In den Filmen der belgischen Künstler Jos de Gruyter (*1965) und Harald Thys (*1966) sind die Menschen als triebgesteuerte Marionetten dargestellt, während die Besucher zu Statisten in einem Gesellschaftsspiel werden, das sich eher auf ein technokratisch ausgetüfteltes Regelwerk als auf eingängige Spielregeln abstützt. Verloren und ein wenig fremd gesteuert fühlt sich der Besucher in den Räumen im Erdgeschoss der Kunsthalle, die von einer mehr totalitär als total wirkenden Installation beherrscht werden. Ein verwinkeltes System aus Stellwänden führt durch die Raumabfolge und versperrt die Blickachsen. In diesem Setting - es spielt auf die Kojen-Architektur einer Kunstmesse an - wird die Masse dessen feilgeboten, was der Bildgenerator Internet ausspuckt. Eine Schwemme von über 500 Zeichnungen ergiesst sich über die Ausstellungswände, die in ihrer handfest gezimmerten Bauweise den Geist einer kleinstädtischen Gewerbeausstellung atmen. Gleichzeitig wirken die Gänge durch ihre schiere Ausdehnung und das allgegenwärtige Weiss auf unheimliche Weise erhaben.
Die Bilder wurden von den Künstlern sorgfältig gesammelt und dann auf Papier übertragen. Dabei gingen sie akribisch wie Mönche in der Schreibstube vor und arbeiteten mit gleichbleibendem Duktus, der die Motive sowohl verflacht als auch einander annähert. Die Gegenstände unterschiedlichster Abstammung wirken eng gedrängt wie in einem überfüllten Bus, scheinen sich zu ignorieren und sind einander doch ausgeliefert in einem makabren Tanz, der den Unterschied zwischen Mensch, Tier und Objekt aufhebt. Früchtekörbe landen neben Sonnenbrillen, Flugzeuge neben Zootieren und Gesichtern. Hoch aufragend über diesem Bildermeer bewahren zweimal drei Gipsköpfe, «De Drie Wijsneuzen van Erembodegem», den Überblick in einer Saalabfolge, deren Bestimmung nicht näher definiert ist und deren Atmosphäre durch eine Lichtregelung geprägt wird, welche den Eindruck unveränderten Tageslichts vorspiegelt. Die suggestive Wirkung der Faktoren Gleichschaltung, Überwachung und Vereinzelung gipfelt in der Projektion eines Filmes im letzten Raum. Folgerichtig wie im Verlauf einer liturgischen Handlung erläutert eine Stimme in unbeirrbar didaktischem Tonfall anhand einfacher Schemata das Verhältnis der wirklichen zur parallelen Welt und deren gegenseitige Beeinflussung. Selig ist, wer an der Wirklichkeit zweifelt und sich doch ergötzt an dem dargebotenen Kult.

Bis: 14.03.2010



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Ausgabe 3  2010
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in De Gruyter/Thys
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