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Besprechung
3.2010


Isabel Friedli :  «Creep»: Ein vielsagender Begriff zwischen «kriechen» und «gruseln» mit einem semantischen Feld, das sich ausdehnt wie die Weite zwischen Feuer- und Grönland. Aus diesem assoziativen Boden spriessen die Ansätze für das Verständnis der Werke des Künstlerpaars Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger.


Basel : Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, «Creep-Show»


  
Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger · Creep-Show, 2010, Ausstellungsansicht, Courtesy Stampa Basel


Verstehen gründet auf der Ratio. Doch der Schlüssel zu der in jeglicher Hinsicht fabelhaften Welt von Gerda Steiner (*1967) und Jörg Lenzlinger (*1964) liegt gerade im Ausschluss jeder vernunftgeprägten Absicht. Hinschauen und verweilen genügt, um sich von der morbiden Schönheit und dem skurrilen Witz der Arbeiten mitreissen zu lassen. Dass die explosiv fantastische Kraft der Werke nicht nur von begehbaren Grotten, Zelten oder Kirchenräumen ausgeht, beweist die Ausstellung in der Galerie Stampa, die sowohl an eine Wunderkammer oder ein Raritätenkabinett erinnert wie auch an einen Wanderzirkus. Die betörend fertile Ausstrahlung eines Gewächshauses vermischt sich mit dem modrigen Anachronismus eines naturhistorischen Museums zu einer Stimmungslage, die blitzenden Schalk und leichten Schrecken verströmt.
Viele der kleinen Arbeiten sind «Überleber», gerettet oder übrig geblieben wie magische Findlinge aus den Bestandteilen vergangener Interventionen, wie etwa ein auf einem dürren Ast steckendes Puppenköpfchen, das einst in «Cómo llegó la morsa a Madrid?», 2003, dem Blick eines Walrosses standhielt. Dann gibt es die «Readymades», beispielsweise das deftige Stück Speck samt Schwarte, das vor seiner Metamorphose in einer Mikrowelle ein Kamm war, oder eine langsam austrocknende Lache aus Druckerfarbe, rot wie Blut und runzlig wie die Gesichtshaut eines hundertjährigen Grossmütterchens. Epochenüberdauerndes Wissen scheint in den wässrigen Kunstdüngerlösungen zu schlummern, die je nach Situation und Klima kristalline Gebilde hervorbringen: Eine Matrix, die einem inneren Wachstumsprinzip folgend bizarre Auswüchse in Form von stacheligen Verkrustungen oder pelzigen Schwellungen hervorbringt, die sich beim Eintauchen in Wasser wieder auflösen. In diesem faszinierenden Gleichgewicht zwischen Erstarrtem und Zerrinnendem scheinen die Erinnerungen an die Geschichten vergangener Gestaltwerdung eingelagert. Die an den Galeriewänden angebrachten Zeichnungen von Fadenwürmern geben Einblick in den Organismus dieser Spezies und wirken wie Bauanleitungen für die Prototypen, die in der Werkstatt von Steiner & Lenzlinger entwickelt werden. Zusammen mit der Ausstellung ist im Christoph Merian Verlag mit der Publikation «The Mystery Of Fertility» eine umfassend dokumentierte Bestandsaufnahme der künstlerischen Stationen der vergangenen Jahre erschienen.

Bis: 27.03.2010


Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger, «The Mystery Of Fertility», Christoph Merian Verlag, broschiert, 2010



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Ausgabe 3  2010
Institutionen Galerie Stampa [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Steiner/Lenzlinger
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