Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
3.2010




Zürich : Karoline Schreiber


  
links: Karoline Schreiber · Lucies Auge, 2010, Öl auf Leinwand, 70 x 100 cm
rechts: Karoline Schreiber · Roter Vorhang, 2009, Öl auf Leinwand, 70 x 100 cm


So genau und sorgfältig die in Zürich lebende Malerin und Zeichnerin Karoline Schreiber (*1969) ihre Gemälde aufgrund von Zeichnungen und Fotografien plant und in teils monatelanger Arbeit entwickelt, so sehr bergen die hyperrealistischen Bilder paradoxerweise immer auch ein Rätsel, ein in der Schwebe gehaltenes Ungewisses, ein Kippen, das den Blick irritiert und mehr als einmal wieder hinschauen lässt.
Der fixierte Moment ist bei Schreiber stets ein Übergang - bis dorthin, wo das Unheimliche und gar der Tod aufscheinen. So etwa im Kinderporträt «Lucies Augen»: Die beiden Augen bannen das betrachtende Auge, indem sie dieses fixieren, aber da das eine Auge ganz offen nach aussen blickt, das andere jedoch wie verschleiert und abwesend nach innen geht, entsteht eine Spannung, die durch ihre gewollte Unlösbarkeit die Frage nach dem Sehen des Anderen und dem Wissen um den Anderen aufwirft. Der kindlich offene Blick verbindet sich mit einem nur ahnbaren Wissen des Kindes um Dinge, die nur es selbst weiss. Vielleicht hat das Kind einfach nur geweint oder es ist krank - das gehört ebenfalls zu dieser Schwebe, in welcher die Gemälde gehalten sind.
Die ausgefeilte Technik - sie ist nie Selbstzweck - zeigt es: Karoline Schreiber hat die alten Meister genau studiert, die Werke von Félix Vallotton und Otto Dix präzis angeschaut, daran gibt es keine Zweifel. Aber ebenso wenig daran, dass diese Malerei von heute ist, ganz gegenwärtig. Das zeigen allein die Porträts, bei denen unmittelbar klar ist, dass sie Menschen mit einem heutigen Blick zeigen. Die Gegenwärtigkeit dieser Kunst kommt vermutlich davon, dass die Künstlerin genau darüber reflektiert, wie das Verhältnis von Realität und gemalter Bildrealität ist.
Der Hyperrealismus der Bilder, der dabei entsteht, zeigt indessen eine Realität, die realer
ist als diejenige, die wir gemeinhin wahrnehmen. Wenn die Künstlerin ihrer Ausstellung in der Galerie Stephan Witschi den Titel «Attitüde» gegeben hat, dann ist damit nicht die äus­serliche Pose gemeint, sondern eine Etüde,
ein Studium von psychischen Situationen
und Reaktionen.

Bis: 10.04.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2010
Institutionen Stephan Witschi [Zürich/Schweiz]
Künstler/in Karoline Schreiber
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100226162208JE0-28
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.