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Fokus
4.2010


 Der Orient und der Okzident, authentischer Bericht und mystifizierende Dichtung, die Befragung der Vergangenheit aus der Sicht der Gegenwart - Fiona Tans Werk verläuft entlang sich überkreuzender inhaltlicher Achsen, die sich in einem Punkt überschneiden: dem Bild, das wir uns vom Menschen machen. Dieses wiederkehrende Motiv gründet in der Herkunft der Künstlerin. Sie verkörpert den Zwiespalt zwischen fernöstlicher und westlicher Lebensweise in ihrer Person und macht diesen zum Antrieb ihrer künstlerischen Recherche, die unversehens zur Völkerkunde wird.


Fiona Tan - Eine Brückenbauerin zwischen Vergangenheit und Gegenwart


von: Isabel Friedli

  
links: Provenance, 2008, 6-teilige Videoinstallation, Sammlung des Rijksmuseum, Amsterdam, Courtesy Frith Street Gallery, London
rechts: Rise and Fall, 2009, 2-teilige Videoinstallation, Courtesy Frith Street Gallery, London


An der letztjährigen Biennale zog der holländische Pavillon viel Aufmerksamkeit auf sich. Mit der Filminstallation «Disorient», 2009, gelang es Fiona Tan auf meisterhafte Weise, das historische Gedächtnis von Venedig mit der Geschichte der Kolonialisierung sowie der schillernden Figur des in Venedig geborenen und gestorbenen Marco Polo zu verbinden. «Disorient» präsentierte sich als filmisches Bilderbuch der Stationen von Polos Reise in den Orient, überblendet mit gesprochenen Auszügen aus den Aufzeichnungen des Handelsreisenden, die zwischen Authentizität und Fiktion oszillieren - deren Wahrheitsgehalt wird von Forschern angezweifelt. Der Betrachter wurde somit auf eine Irrfahrt zwischen Heute und Gestern, zwischen Orient und Okzident geschickt. Das Aargauer Kunsthaus zeigt nun eine übersichtliche Standortbestimmung des Werks von Fiona Tan mit einem Fokus auf das Porträt.
Die titelgebende Arbeit der Ausstellung «Rise and Fall», 2008, ist ein auf zwei Screens projiziertes Doppelporträt einer alten und einer jungen Frau, welche dieselben Räume zu bewohnen scheinen, ohne dass sie sich jemals begegnen. Eindringliche Nahaufnahmen zeigen die Frauen gedankenverloren im Garten, beim Schminken oder im Bad. Die Sequenzen werden unterbrochen durch Bilder von Wasser, das ständig seine Dynamik ändert, mal fliesst es ruhig, dann stockt es, um schliesslich als tosender Wasserfall in die Tiefe zu stürzen. Vergangenheit und Zukunft scheinen an den Ufern dieses Stroms zu liegen.
Schnell dämmert dem Betrachter, dass es sich um ein und dieselbe Frau in verschiedenen Lebenszeitaltern handeln könnte. Die eine richtet den Blick zurück und scheint Erinnerungen an frühere Zeiten nachzugehen, die jedoch nicht übereinstimmen mit der gelebten Gegenwart der jüngeren Frau. Dass erinnern nicht wiederholen heisst, legt diese Inkongruenz der Bilder nahe. Die Klarheit und die meditative Besonnenheit zeugen von der künstlerischen Reife dieser Arbeit.

Lebensgeschichte als Kartographie
Zu den Anfängen: Fiona Tan wurde in Indonesien als Tochter einer australischen Mutter und eines chinesischen Vaters geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Australien, wechselte dann aber nach Hamburg, um sich später in Amsterdam niederzulassen. Die Fäden, welche die driftenden Koordinaten dieser Lebensgeschichte zusammenhalten, sind weit versponnen und drohen zu reissen wie Erinnerungen, die sich nicht an die Logik der Aneinanderreihung halten.
Dieser latenten Zerrissenheit spürt die Künstlerin im Dokumentarfilm «May You Live in Interesting Times», 1997, nach. Wie eine Ethnologin verfolgt sie die Spuren ihrer Familiengeschichte auf den Schotterwegen der Geschichtsschreibung, indem sie archivierte Filmfragmente zur Entwicklung Chinas in kurzen Einspielungen aufscheinen lässt. Die Suche verzweigt sich und am Ende steht die Einsicht, eine «professionelle Fremde» zu sein. Die Unmöglichkeit einer kulturellen Verwurzelung erweist sich allerdings als geeigneter Standpunkt, um das Fremde in den Blick zu nehmen.Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken «die Anderen». Während frühere Filme wie «Tuareg» oder «Facing Forward», beide 1999, mit historischem Material aus dem ethnologischen Filmarchiv und dem stereotypisierten Blick auf das Exotische spielten, betreibt die Künstlerin in jüngster Zeit mit «Provenance», 2008, Feldforschung in der unmittelbaren Nachbarschaft.
Die Arbeit besteht aus sechs filmischen Porträts von Menschen aus ihrem nahen Umkreis: Der Gemüsehändler an der Ecke, die Schauspielerin von vis-à-vis, der ehemalige Filmlehrer, die fast erwachsene Tochter von Freunden, die Schwiegermutter und der Sohn. Der Raum um die Akteure herum erschliesst sich in mehreren Einstellungen. Tan spielt hier mit der Vermischung von fotografischen und filmischen Eigenschaften, indem sie Situationen aufzeichnet, die an Momentaufnahmen erinnern, deren Zeitlichkeit sich im Film aber in fortschreitende Dauer dehnt. Alle Porträtierten befinden sich in verwinkelten Innenräumen und verrichten minimale Handlungen in einer Versunkenheit, die an niederländische Genremalerei erinnert. Die kunstvoll aufgetürmten und glänzenden Auberginen in den Harrassen des Gemüsehändlers evozieren barocke Stillleben.
In jedem Filmporträt schwenkt die Kamera tastend weg von der Person zu Objekten und sprechenden Attributen: Zum schwertschwingenden Playmobil-Ritter im Kinderzimmer, dem chromblitzenden Rennrad neben dem Hollywoodspiegel, einer sorgfältig sortierten Bibliothek. Allgegenwärtig sind Fotografien von Freunden, die auf das weitere menschliche Umfeld des jeweiligen Protagonisten hinweisen. In jedem Film gibt es auch den Moment, in dem der Porträtierte direkt aus dem Bild schaut und den Blick des Betrachters erwidert. Subtil lässt sie so den distanzierten Beobachter zum direkten Adressaten dieser filmischen Botschaften werden.
Für die Recherche zu «Provenance» hatte sich die Künstlerin in das Depot des Amsterdamer Rijksmuseums begeben und dort die Bestände der Porträtmalerei des 17. Jahrhunderts durchkämmt. Zum Studienobjekt machte sie Werke, welche den Eindruck der Unmittelbarkeit einer direkten Begegnung wachriefen. Nicht dazu gehörten die weltberühmten Bildnisse etwa von Rembrandt, deren Wirkung heute durch Marketing und Reproduktion buchstäblich verbaut wurde.

Was wir sehen, blickt uns an
«Provenance» kommt zwar ohne Begleitkommentar aus, in einem Essay hält die Künstlerin jedoch die Ergebnisse ihrer Recherchen zum Thema Porträt fest. Diese sind von persönlichen Interessen und Zufällen entlang des wegweisenden Begriffs des Bildnisses gesteuert. Immer wieder abschweifend, ergeben sich Verbindungen mit dem eigenen Leben, etwa wenn die Künstlerin in Rembrandts Tochter Cornelia eine Art Alter Ego entdeckt, da diese einst ihre Heimat, die Niederlande, verliess, um nach Indonesien auszuwandern.
Die Sprache dient der Künstlerin meist als Instrument, um die Festlegung der Bilder auf eine einzige Deutung zu vermeiden. Deutlich wird dies in der filmischen Doppelprojektion «The Changeling», 2006. Bildquelle war hier eine historische Fotografie einer chinesischen Schulklasse. Sieht man auf einem Screen die abgefilmte Aufnahme eines Mädchens mit asiatischen Gesichtszügen als Standbild, zieht auf dem gegenüberliegenden Bildschirm ein scheinbar unendlicher Strom ähnlicher Porträtfotografien gleichaltriger Mädchen vorbei. Alle tragen dieselbe Schuluniform und einen identischen Haarschnitt, Einzigartigkeit steht im Widerstreit mit Konformität.
Im Voice-over ertönt die klangvolle Stimme von Hanna Schygulla, die, einem inneren Monolog gleich, aus stetig wechselnden Perspektiven über das Verhältnis zwischen Grossmutter, Mutter und Tochter räsoniert. Dies verleiht der Installation mit den Mädchenporträts, die uns so unvermittelt entgegenblicken, einen erweiterten gedanklichen Echoraum.

Dokumentarisches Aufzeichnen und fiktionalisierendes Ausmalen
Das Straucheln im Hier und Jetzt kennzeichnet auch «A Lapse of Memory», 2007, eine - so Fiona Tan - «erfundene suggestive Erzählung, die aus mehreren Strängen besteht». Handlungsort ist der Royal Pavilion in Brighton, der an der Wende zum 19. Jahrhundert für Georg IV erbaut wurde und die damaligen Vorstellungen vom Orient spiegelt, die mehr durch Gerüchte als durch direkte Anschauung genährt wurden. Die Inneneinrichtung des Palastes ist eine hypnotisierende Mischung aus Chinoiserien und verspiegelten Raumfluchten. Der Topos vom Gedächtnis als Haus scheint auf ein Gebäude, in dem man sich allerdings eher verlieren als orientieren kann.
Der fiktive Bewohner dieser Räumlichkeiten ist Henry, ein entrückt und verwahrlost wirkender alter Mann. Der Film zeigt ihn als rastlos durch den Palast wandelnden Nomaden, dem seine Vergangenheit entglitten ist und der geduldig «auf eine Geschichte wartet, die er zu seinem Zuhause machen kann». Begleitet wird er von einer Stimme aus dem Off, die «auf der Ebene der Sprache verschiedene Szenarien entwirft und die Aussage der Bilder in immer andere Richtungen stösst».
Ort und Zeit klaffen auseinander und eröffnen einen assoziationsreichen Raum. «Aber es gibt in diesem Film dennoch einen dokumentarischen Rahmen, denn das Gebäude selber ist real und war der eigentliche Ausgangspunkt für diese Arbeit. Wenn also meine Filme immer stärker Richtung Fiktion gehen, sind sie doch stets mit wirklichen Gegebenheiten verknüpft.» Der alte Mann verkörpert - so die Künstlerin - den Ort und einen Teil ihrer selbst, er lebt in der Erinnerung und verliert diese gleichzeitig. So spielt hier der Ort, in welchem sich ihre eigene und fremde Geschichten spiegeln, die Rolle des konstituierenden Bestandteils der Identitätsfindung.

Isabel Friedli ist Kunsthistorikerin und lebt in Basel und Strassburg


Bis: 18.04.2010


«Rise and Fall: Fiona Tan», hrsg. von Bruce Grenville, Vancouver Art Gallery; deutsche Textbeilage hrsg. von Madeleine Schuppli, Aargauer Kunsthaus, Aarau, 2009

Fiona Tan (*1966, Pekan Baru, Indonesien) lebt und arbeitet in Amsterdam
1988-92 Gerrit Rietveld Academie, Amsterdam
1996-97 Rijksakademie van Beeldende Kunsten, Amsterdam

Einzelausstellungen (Auswahl)
2009 «Disorient» - Fiona Tan, Dutch Pavilion, 53rd Venice Biennale
2008 «Provenance», Rijksmuseum, Amsterdam
2007 «A Lapse of Memory», Royal Institute of British Architects, London; «News from the Near Future»,
Wako Works of Art, Toyko; «Time and Again», Lund Konsthall, Lund
2006 «Mirror Maker», Kunsthallen Brandts, Klaedefabrik, Odense, Denmark
2005 «Fiona Tan», Saint Sebastian, Musée d'Art Contemporain, Montréal, Canada
2002 «Fiona Tan - akte 1», Villa Arson Nice, Centre National d'Art Contemporain, Nice



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Ausgabe 4  2010
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Fiona Tan
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