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Fokus
4.2010


 Mediale Stars und Namenlose sind ihre Protagonisten. Mit aufwendigen Methoden der Montage und Collage von vorgefundenem oder selbst produziertem Filmmaterial durchleuchtet Candice Breitz Strukturen und Mechanismen der Persönlichkeitsbildung. Ihre Videoinstallationen fesseln durch heitere Leichtigkeit und führen das Publikum von einer konsumierenden zu einer aktiv reflektierenden Haltung. Die grosse Einzelausstellung «The Scripted Life» im Kunsthaus Bregenz zeigt den souveränen Umgang der Künstlerin mit dem komplexen Stoff des Lebens nach Drehbuch.


Candice Breitz - Wer bin ich und weshalb?


von: Ursula Badrutt Schoch

  
links: Double Oun, 2009, Zwillinge aus «Factum Tremblay», Mitglieder der Besetzung von «New York, New York», Chromogene Abzüge, je 90 x 90 cm
rechts: Die Besetzung von "New York, New York", 2009, Produktionspartner: Performa/The Power Plant, Toronto/Scott Macaulay, Courtesy Goodman Gallery. Foto: Jason Schmidt


Ein überwältigender A-Capella-Chorgesang füllt den Treppenaufgang im Kunsthaus Bregenz. Noch bevor wir die Personen sehen, spüren wir ihre Hingabe. Das mit allen Kräften heraus geschriene «Isolation» transportiert Unausweichlichkeit. Fünfundzwanzig Personen, vorwiegend Männer, singen das Album «Plastic Ono Band» von John Lennon. Es entstand 1970 während Lennons psychotherapeutischer Urschrei-Behandlung zur Verarbeitung von Kindheitstraumata. Der Star schreit seinen Schmerz, seine Wut, seine Verzweiflung heraus. Die über ein Inserat gefundenen Lennon-Fans tun es ihm gleich. Umrundet von hochkant gestellten Monitoren stellen wir uns der Situation. Fluchtwege gibt es keine. «Working Class Hero (A Portrait of John Lennon)» ist auch ein Porträt der Interpreten - und letztlich auch ein Porträt des Publikums. Denn die Prozesse des sich Identifizierens und Projizierens greifen weit.
«Ich möchte mit meiner Arbeit erreichen, dass das Publikum in die Arbeit verwickelt wird, dass es nicht ausserhalb der Arbeit stehen bleibt, dass es nicht passiv konsumiert wie vor dem Fernseher, sondern sich aktiv am Wahrnehmungsprozess beteiligt.» Die Fans behalten ihre Würde. Das erleichtert es, sich einzulassen.
Mit grosser Akribie betreibt Candice Breitz eine Anthropologie der Fan- und Idolkultur. Dabei geht es ihr vor allem um das Spannungsverhältnis zwischen einer kollektiven Kultur und ihren individuellen Ausprägungen. Die Arbeit zu John Lennon von 2006, welche den Fan-Porträts zu Bob Marley, Michael Jackson und Madonna folgt, zeigt mehr als ein simples Imitieren. Die Fans interpretieren das Album auf persönliche Art und integrieren ihre eigenen biografischen und sozialen Fakten.
««Working Class Hero (A Portrait of John Lennon)» untersucht das Verhältnis zwischen weltweit erhältlicher Musik und dem spezifischen Erlebnis der Fans, welche diese Musik konsumieren. Mich interessiert, inwieweit ein Stück Musik formativ für Subjektivität sein kann. Wie weit wird ein Leben lokal geprägt, wie weit durch massenkulturelle Sozialisierung geschrieben. Wann wirken externe Einflüsse befruchtend, wann lähmend. Solche Fragen können nie klar beantwortet werden, bleiben aber stets hochinteressant.»

Das Individuum zwischen Selbst- und Fremdbestimmung

Ebenso einnehmend wie «Working Class Hero» wirken die neuen und teilweise erstmals gezeigten Arbeiten mit eineiigen Zwillingen, «Factum» und «New York, New York». «Mir ist wichtig, dass nicht nur komplett neue Arbeiten in Bregenz zu sehen sind. Die Auswahl ist bestimmt von einem inneren Zusammenhalt der Werke untereinander, von einem roten Faden, der sich durch die Ausstellung zieht. In den letzten paar Jahren beschäftigte ich mich intensiv mit den subjektiven Erlebnissen von Zwillingen, denn Zwillinge ermöglichen, darüber nachzudenken, wie das Individuum sich bildet, wie es unterschiedliche Ausformungen bei gleicher genetischer, kultureller und sozialer Struktur annimmt. Wir alle leben unser Leben nach Drehbüchern, die mitbestimmt wurden von unserer Familie, unserer kulturellen Herkunft, unserer Religion, unserer nationalen Zugehörigkeit. Inwieweit sind wir in der Lage, diese Drehbücher anzupassen oder für uns zu übersetzen während wir sie leben?»

Dialogische Porträts

Reihum Zwillingspaare. Sie sitzen als Zweikanalinstallation im Entrée und reden über ihr Leben, ihre Sozialisierung und Sexualisierung. Candice Breitz hat sie für «Factum» einzeln, aber mit demselben Fragekatalog bis zu sieben Stunden lang interviewt und anschliessend dialogische Porträts zusammengeschnitten. Über das Auge dominiert die Verdoppelung. Doch sobald wir uns auf die Sprachebene einlassen, schälen sich in fein formulierten Nuancen Persönlichkeiten heraus, die um ihre Individualität ringen. «Factum Misericordia» stellt beispielsweise zwei ältere, identisch aussehende Damen vor. Beide, so erzählen sie unabhängig voneinander, haben sich auch schon einer Schönheitsoperation unterzogen. Während die eine mit dem Ergebnis vollauf zufrieden ist, empfindet die andere den Eingriff als misslungen. Die konfrontative Montage durch die Künstlerin spitzt solche Aussagen noch zu.
«Factum» ist der Ausgangspunkt für die komplexe Arbeit «New York, New York», die in Bregenz erstmals zu sehen ist. Die beiden queeren Schwestern Tremblay tauchen in diesem Filmprojekt als «Double Oun» erneut auf. Gemeinsam formulieren Zwillingspaare ihre Rollen, die sie in einem performativen Bühnenstück übernehmen wollen. In einer Doppelprojektion können die beiden Teile der Performance mit personell unterschiedlicher, optisch aber identischer Besetzung verfolgt werden. Erneut verblüfft die Leichtigkeit. «Es geht nicht so sehr um die szenische Endaufführung des Stücks. Es geht um die Möglichkeit zu improvisieren - wie im Leben auch. Man glaubt, sich zu kennen, und immer, wenn man in eine neue Situation gerät, ist man gefordert in dem, was man glaubt zu sein. «New York, New York» ist eine offensichtlich konstruierte Welt. Jedes Zwillingspaar hat seine gemeinsame Rolle zwar im Voraus besprochen, aber nie geübt. Das ist ein relativ lebensnahes Szenarium. Das Leben kann man nicht proben. «New York, New York» ist eine sehr offene Arbeit, ein Experiment.»

Weibliche und männliche Rollenklischees

Das macht auch Spass. Über die zeitweilige Komplizenschaft mit der Unterhaltungsindustrie und dank der Kohärenz zwischen Form und Inhalt gelingt es Candice Breitz bereits mit ihren ersten Arbeiten wie der «Ghost Series», 1994-96, oder der «Rorschach Series», 1997, das Nachdenken über Bilder und Sprache zu aktivieren, Bedeutungsebenen zu verschieben und Informationen zwischen den Zeilen und Schnitten lesbar zu machen. In der «Ghost Series» von 1994-96 übermalt die Künstlerin mit weisser Korrekturflüssigkeit die Körper afrikanischer Frauen auf touristischen Postkarten aus Südafrika. Für «Rorschach Series» von1997 collagiert sie pornografisches Material und spiegelt es achsensymmetrisch. Es entstehen grotesk dekorative Bildwerke, die das Thema der Zwillinge bereits vorwegnehmen.
Statt aus Papier schneidet Breitz seit Ende der Neunzigerjahre vorwiegend aus Filmen jene Momente, die eine Akkumulation identitätsbildender Informationen in sich tragen. Sie montiert in der Popstarwelt gefundene Bilder zu rhythmisch fliessenden oder spastisch zuckenden Videoinstallationen. Wegweisend für ihr ganzes nachfolgendes Werk ist die Videoinstallation «Babel Series», 1999, mit japsenden Stars. Darin wird auch die Referenz zum Werk Andy Warhols und seinen Untersuchungen zum modernen Menschen unter Einfluss der medialen Bildwelt deutlich.
Ähnlich geht sie auch bei den Arbeiten «Him 1968-2008» und «Her 1978-2008» vor, die in Bregenz ein eigenes Stockwerk belegen. Jack Nicholson und Meryl Streep treten darin je in einen Dialog mit sich selbst, über die Jahre hinweg. Die aus ihrem narrativen Filminhalt herausgelösten Sequenzen werden zu beredten Zeugnissen der Rollenvermittlung. Der weiblichen Verletzlichkeit steht ein schreiender Patriarch gegenüber.
«Die Arbeit hat etwas Schizophrenes. Wir haben ja alle eine Varietät von Stimmen in uns. Je nach Situation und Gegenwart anderer Personen ändern wir die Stimme. Diese Vielstimmigkeit wird in den Arbeiten «Him» und «Her» untersucht, sie sind Metaphern zu diesem inneren Erleben des Selbst. Sie sind für mich zudem eine Möglichkeit, über die Unterschiede von Filmdarstellungen von Mann und Frau nachzudenken. Männliche Rollenklischees stellen Charaktere sehr selbstbezogen dar, im Vergleich neigen weibliche Rollen des Mainstream-Kinos dazu, weniger selbstbestimmt zu sein, und sie beziehen sich in ihrem Agieren auf ihr männliches Gegenüber.»

Bilder anders lesen

Der erste Schritt zur Selbstbestimmung liegt im Erkennen manipulativer Strategien und der Fähigkeit, Bilder anders zu lesen als vorgegeben. Das sind letztlich politische Anliegen. Politisch ist auch das Bestreben der Künstlerin, möglichst viele Leute mit ihren Arbeiten zu erreichen, sie weg vom passiven Konsumieren hin zu aktivem Befragen, Analysieren, Erkennen zu bringen. Der Frage, wie weit ihre eigene Herkunft ihre Arbeit geprägt hat, begegnet Candice Breitz mit Vorsicht:
«Identität war für mich schon immer ein wichtiges Thema und das hat sicher mit meiner Herkunft zu tun, mit Südafrika, wo Identität vom Staat konstruiert wurde und die Welt in einer komplizierten Teilung, unterstützt von verschiedenen Sprachen, Kulturen und Hautfarben, angeordnet war. Das war offensichtlich künstlich und nicht naturgegeben. Die Apartheid-Regierung legte Wert darauf, dass wir uns untereinander nicht verstehen konnten. Das förderte und sensibilisierte wohl auch mein Interesse an der delikaten und subtilen Funktionsweise von Sprache.»

Ursula Badrutt, Kunsthistorikerin und Redaktorin beim St.Galler Tagblatt. Alle Zitate aus einem Gespräch
zwischen Autorin und Künstlerin während der Ausstellungseröffnung in Bregenz.


Bis: 11.04.2010


Espoo Museum of Modern Art (EMMA), Espoo Helsinki, bis 6.6.



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Ausgabe 4  2010
Institutionen Kunsthaus Bregenz [Bregenz/Österreich]
Institutionen Espoo Museum of Modern Art (EMMA) [Helsinki/Finnland]
Autor/in Ursula Badrutt Schoch
Künstler/in Candice Breitz
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