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Fokus
4.2010


 Es sind einfachste Materialien wie gebrauchte Holzlatten oder Spiegelsplitter, mit denen der junge Berner Künstler Manuel Burgener eine poetische Objekt-Welt aufbaut, immer der Frage nachgehend, wann etwas Etwas ist, was Teil, was Ganzes ist - und wie das Gleichgewicht der Dinge zu halten sei, die dem Sog der Schwerkraft ausgesetzt sind. Burgener reagiert in der Kunsthalle Bern hintersinnig auf eine monumental-architektonische Installation des US-Künstlers Oscar Tuazon.


Manuel Burgener - Poesie entsteht, wenn die Dinge auf der Kippe sind


von: Konrad Tobler

  
links: Bearbeitetes Fotogramm, Arbeitsmaterial, 2010
rechts: Ohne Titel, 2010, Holz, Spiegel, Teppichmesser, Schnur, Schrauben, Grösse variabel, Ausstellungsansicht, Kunsthalle Bern


Fabrik Burgdorf, im Wohnatelier von Manuel Burgener: Kaum etwas verweist auf eine künstlerische Tätigkeit, einige Holzlatten liegen und stehen herum, ein Bohrer, ein Diaprojektor. Das ist nicht nur so, weil der Künstler alle seine Werke in die Kunsthalle Bern transportiert hätte, das ist vielmehr eine Haltung, bei welcher der Ausgangspunkt der Arbeit das Wenige ist, das Unnütze, das Gebrauchte. Dann fällt der Blick auf eine der hohen Wände. Hier hat Burgener zwei Dachlatten vertikal hingestellt, davor eine Holzplatte, auf der erstarrte Farbe fliesst, eine lange Latte greift diagonal in den Raum ein. Dann stellt er den Projektor an - die Linien vervielfachen sich durch die Schatten, dann noch eine grosse Spiegelscherbe auf den Boden - und wenn man sich bewegt, entstehen neue Konstellationen, Bilder von Linien, Flächen, dunklen Ecken, hellen Geometrien. Da steht also ein Tableau, das trotz der starren Materialien je nach Standpunkt des Betrachters changiert, ein Bild von Bildern.

Materialien wie Wörter
Derart einfach ist die Ausgangslage. Mit solchen Materialien probierte Burgener in den Wochen vor seiner grossen Ausstellung in der Kunsthalle Bern die verschiedensten Versuchsanordnungen aus - bist er wusste: Er würde erst an Ort und Stelle ein Werk schaffen können. Er brachte also nicht Werkstücke mit, sondern Materialien - fast wie ein Zeichner, der sich damit begnügt, Papierblock und Bleistift mitzunehmen, im Wissen, dass überall Bilder sind. Und wie ein Zeichner im Raum entwickelte Burgener seine Installation im Untergeschoss der Kunsthalle. Mit wenigem füllte er die zwei Räume, brachte sie in eine irritierende Vibration, in eine poetische Spannung. Wie gesagt: mit fast nichts als mit Dachlatten, ein paar Schrauben, einer Holzplatte und Spiegelsplittern. Dazu ein Block aus gegossenem Wachs, Material, das bereits für eine frühere Ausstellung im Berner Kunstraum Oktogon gedient hatte: als Tischskulptur, die sich selbst im Gleichgewicht hielt und wechselnden Temperaturen ausgesetzt war, empfindlich, verletzlich - und doch äusserst skulptural.
Das Kunstwerk wurde also recycelt. Denn für Burgener sind die Materialien gewissermassen nomadisch, sie sind wie einzelne Wörter, die in einem neuen Kontext neue Bedeutungen und Funktionen annehmen können. Das Wachs ist jetzt Teil einer schlanken, raumhohen Figuration, in der es eine Art Kniegelenk bildet. Latten streben empor, andere sind darauf gestützt und ziehen eine Linie gegen die Wand, von wo aus, einzig aufgelegt auf den schmalen Wandvorsprung, eine weitere zur Decke strebt. Der Blick folgt diesen Linien mit zunehmender Irritation, weil offensichtlich ist, dass viele dieser Teile lose sind, alles nur zusammenhält, indem die Gesetze der Schwerkraft zwar spielen, aber aufs Äusserste ausgereizt sind.
Bald ist es nicht mehr klar, ob diese Figuration als Raumzeichnung für sich allein steht oder Teil eines ganzen Parcours ist, dem man mit zunehmender Spannung folgt, weil hier nichts stabil, nichts fix und fixiert erscheint - und zwar sowohl im materiell-physikalischen als auch im Bedeutung gebenden Sinn: Labiles Gleichgewicht, Leichtgewicht, Halten und Fallen, Kräfte und Gegenkräfte der Holzlatten, ihre Schatten und Nicht-Schatten, Spiegel, die das wie in einem Konzentrat zu einem wechselnden Bild verbinden. Dem Wechsel der Dinge folgt unmittelbar das Changieren von realen und gespiegelten Räumen. Und mit all dem gehen vielfache Assoziationen einher - wie in einem Gedicht, das aus in sich geschlossenen Fragmenten besteht, die frei verfügbar sind, deren Konstellation sich aber dennoch zu einem Ganzen zusammenschliesst.

Das Potenzial einer gefundenen Dachlatte
Offensichtlich wird: Burgener lotet aus, was überhaupt möglich ist, reizt das Potenzial, das in einer gefundenen Dachlatte schlummert. So bannt er den Blick und lenkt ihn auch, indem er leichte Akzente setzt, Leerräume und Linien gezielt wirken lässt. Und dabei sieht alles so zufällig und selbstverständlich, so gegeben aus.
Da hat sich also jemand befreit. Burgener sagt selbst, er habe insbesondere mit seinen Fotografien früher den Blick und die Wirkung genau kalkulieren wollen. Dem ist jetzt das Vertrauen in ein Kalkül des beherrschten Zufalls gewichen, ein Wissen um die Verwandlungsfähigkeit des Banalen. Völlig unnaiv hat Burgener sich den Blick eines Kindes angeeignet, dem alles zu allem werden kann.
Das ist ein beeindruckender Minimalismus, einer freilich, der auch von der Ausbildung erzählt, durch die Burgener an der Hochschule der Künste Bern gegangen ist. Da ist nicht nur der gelernte Schreiner, der das Material aus dem Effeff kennt und nur minimale technische Tricks anwendet; da ist der Student von Vaclav Pozarek merkbar, dieses dekonstruktiven Konstruktivisten und lapidaren Materialpoeten, der zu den besten Objektkünstlern der Schweizer Gegenwartskunst gehört.
Und jetzt bereits die Kunsthalle Bern: Deren Direktor Philippe Pirotte wählte Burgener gezielt aus - als Antwort auf den US-Künstler Oscar Tuazon. Dieser hat mit seiner monumentalen Holzinstallation im Erdgeschoss eine Architektur in der bestehenden Architektur geschaffen, die sich nicht an die Räume anschmiegt, sondern diese durchbricht, ein wenig brachial eine Antiarchitektur setzt, die absolut stimmig ist. Oben also die grosse Geste mit grob verbundenen Zimmermannsbalken, unten die filigranen Holzsetzungen von Manuel Burgener. Das ergibt - bei aller Autonomie der beiden Künstler - ein Wechselspiel der besonderen Art. Ein raffinierter, minimalistischer Dialog liegt vor.
Konrad Tobler ist freischaffender Kunstkritiker und Autor in Bern

Bis: 25.04.2010


Burgener Manuel (*1978) lebt und arbeitet in Bern und Burgdorf
1995-1999 Lehre als Möbelschreiner
2001-2004 Studiengang bildende Kunst, HKB Bern mit Diplom
2007-2008 Cité Internationale des Arts Paris
2004-2007 Atelier im Progr Bern



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Ausgabe 4  2010
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Konrad Tobler
Künstler/in Manuel Burgener
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