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Artists in Residence
4.2010


 Anett Frontzek (*1965 in Uelzen, lebt in Dortmund) war bereits 2004 für drei Monate als Artist in Residence in der Schweiz. Die Villa Sträuli bietet ihr nun für fünfeinhalb Monate die Möglichkeit, ihre begonnene Recherche zu Schweizer Eigenheiten weiterzuführen. Das feudale Bürgerhaus, fünf Gehminuten vom Bahnhof Winterthur entfernt, ist von einem lauschigen Garten umgeben und beherbergt drei Atelierwohnungen für Kunstschaffende aller Sparten. Die Villa Sträuli ist ein Projekt der Stiftung Sulzberg, die 1999 von Doris Sträuli-Kern ins Leben gerufen wurde. Anlässlich von Frontzeks Aufenthalt noch bis Ende Juni stellt sie das Kunstbulletin in der Rubrik Gastlabor vor.


Anett Frontzek - Die Schweiz ist das Land der Kartografien


  
Anett Frontzek befasst sich in der Villa Straeuli Winterthur mit Landkarten des Schweizer Bundesamtes fuer Landestopografie, 2010. Foto: Cat Tuong Nguyen


Müller: Wenn man den Medien und einigen politischen Exponenten glauben will, ist die Freund­schaft zwischen den Schweizern und ihren nördlichen Nachbarn in jüngster Zeit mehr als getrübt. Ich hoffe, du wurdest trotzdem freundlich empfangen.

Frontzek: Erst durch die Medien erfuhr ich, dass sich die Schweizer von den Deutschen überfremdet fühlen. Der Grund, warum diese in die Schweiz kommen, ist der bessere Lohn, aber auch das zurzeit schwierige Arbeitsklima in Deutschland. Persönlich habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich wurde sehr entgegenkommend aufgenommen. Die Kunstszene ist offen und Internationalität gehört einfach dazu.

Müller: Du bist das zweite Mal als Gastkünstlerin in der Schweiz. Aus dem Aufenthalt 2004 in der Stadtmühle Willisau sind fotografische Pano­ramen von Schweizer Plätzen und Orten entstanden. Was interessiert dich an der Schweiz?

Frontzek: Meine Arbeit nimmt immer einen starken Bezug zum Ort. Ich gehe in ein anderes Land und versuche, dort etwas zu finden, was mich interessiert. Während meines Aufenthalts in Willisau habe ich begonnen, topografische Karten und Ansichtskarten der Schweiz zu sammeln. Diese Sammlung erweitere ich nun und möchte daraus eine Arbeit machen.

Müller: Mit dem Interesse an topografischen Karten bist du in der Schweiz ja am richtigen Ort.

Frontzek: Als ich zu sammeln begann, war mir nicht bewusst, wie berühmt diese Karten sind. Deren unglaubliche Qualität war mir zwar aufgefallen, aber ich habe erst jetzt über die Entwicklung der Dufourkarte und über Xaver Imfeld gelesen. Xaver Imfeld stieg auf die Berge, hat dort Panoramen gezeichnet und gleichzeitig im Akkord diese Berge vermessen. Die Qualität der Schweizer Landeskarten hat sich stetig weiterentwickelt, so dass das Bundesamt für Landestopografie 1988 den Auftrag erhielt, vom Mount Everest eine Karte anzufertigen. Diese Karte wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Müller: Häufig erkennen Gastkünstler kulturelle Eigenheiten, welche die Leute vor Ort gar nicht mehr bemerken. Ist dir hier etwas Besonderes aufgefallen?

Frontzek: Bei meinem ersten Gastaufenthalt in Willisau sind mir die vielen, überall im Städtchen verteilten Brunnen aufgefallen. Die docu­menta Stadt Kassel, aus der ich kam, hat 200'000 Einwohner. Doch gibt es dort nur zwei Brunnen. Einen vor dem alten Hauptbahnhof, der in den 15 Jahren, als ich in dieser Stadt lebte, nie in Betrieb war, und als zweiten die Wasserspiele im Schlosspark Wilhelmshöhe. Dann kam ich in diese kleine Schweizer Stadt mit 3'500 Einwohnern, in der es insgesamt acht Brunnen hat. Die waren alle in Betrieb und wurden gereinigt, gewartet, gehegt und gepflegt. Von meinem Atelier aus konnte ich beim nahe gelegenen Brunnen mein Teewasser holen. Das war unglaublich.

Müller: Ein Gastaufenthalt bietet die Möglichkeit, andere Künstlerinnen, Kuratoren, Sammler und Galeristen kennenzulernen. Betreibst du aktives Networking?

Frontzek: Im Moment konzentriere ich mich auf meine Arbeit. Wenn es mir bei der Arbeit gut läuft, besuche ich dann natürlich auch Museen und Galerien. Aber ich gehe nicht rum und versuche auf Biegen und Brechen irgendwelche Kontakte zu knüpfen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn mich etwas wirklich interessiert, Kontakt sich oftmals von selbst ergibt.

Müller: Du warst schon an einigen Orten zu Gast. Im mecklenburgischen Schloss Plüschow, im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop, im Egon Schiele Art Center im tschechischen Krumau und für mehrere Monate in Amsterdam. Wie erlebst du im Vergleich dazu die Schweizer Förderprogramme?

Frontzek: Die unterschiedlichen Programme lassen sich kaum miteinander vergleichen. Es kommt sehr darauf an, wie die Leute, die das Artist in Residence ins Leben gerufen haben, das Programm pflegen. Es gibt Orte, die könnte ich nicht weiterempfehlen. In der Schweiz finde ich wunderbar, dass die einzelnen Häuser untereinander vernetzt sind. Vor zwei Wochen gab es ein Treffen aller Stipendiaten, die momentan in der Schweiz sind. Das bietet die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Die Villa Sträuli ist ein sehr professionell geführtes Haus. Man kommt hier an, wird persönlich empfangen und betreut, und es ist alles da, was man braucht. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Das Internet funktioniert, man erhält einen Museumspass, einen Ausweis für die Winterthurer Stadtbibliothek und manchmal geht es auch um so persönliche Bedürfnisse wie einen höhenverstellbaren Stuhl. In einem anderen Gastatelier sass ich auf Telefonbüchern.

Müller: Jetzt musst du nur noch Skifahren lernen und dann ist der kulturelle Austausch perfekt.

Frontzek: Eine Schneeschuhtour würde ich gerne machen. Aber Skifahren, nein. Ich komme aus der Lüneburger Heide. Dort ist alles flach. Den ersten richtigen Berg habe ich tatsächlich erst 2004 bestiegen. Das war der Napf mit 1400 Metern. Oben angekommen, sah ich ein unglaubliches Bergpanorama und mir wurde klar, warum die Menschen auf Berge steigen. Als Kind wurde ich mit Wasser und Meer sozialisiert. Wir sind jeweils an die Nordsee und die Ostsee gefahren. Das mag banal klingen, aber es ist etwas anderes, wenn man am Strand steht und über das Meer schaut oder wenn man auf einem Berg steht und ein Meer von Bergen sieht.


Meet the Artist: Anett Frontzek praesentiert aktuelle Arbeiten, Villa Straeuli, Winterthur, am 13.4., 20 Uhr

Dieser Text erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, ­Schwerpunkt Übersetzungsförderung «Moving Words».

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Ausgabe 4  2010
Institutionen Villa Sträuli [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Pablo Müller
Künstler/in Anett Frontzek
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