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Besprechung
4.2010


Verena Kuni :  Auf den ersten Blick wirkt es unverdächtig, das Ensemble aus schlichten Gegenständen. Doch dann geraten die Dinge in Bewegung. Farbiges Licht bringt sie zum Schwingen, Musik ertönt, sie verwandeln sich in die Protagonisten eines kunstvollen Kammerspiels. Wenn es endet, ist nichts wie zuvor.


Frankfurt/M : Das Wesen im Ding


  
links: Nina Canell . Temporary Encampment (Five Blue Solids), 2009, Gipskarton, Magnet, Holz, Masse variabel. Courtesy Mother's tankstation, Galerie Barbara Wien.
rechts: Egill Saebjoernsson . Grey Still Life II, 2009, Ausstellungsansicht Grusenmeyer Art Gallery, verschiedene Objekte, Regal, Videoprojektion, Sound, Masse variabel, 8.30 Min. Courtesy i8 Gallery, Grusenmeyer Art Gallery.


Von den Dingen erwarten wir Beständigkeit. Schliesslich ruht auf ihnen unser Wissen von der Welt. Doch das ist nicht mehr als ein frommer Wunsch, wie ein Rundgang durch die aktuelle Ausstellung des Frankfurter Kunstvereins zeigt:
Wenn Pfeffer- und Salzstreuer mit gedrechselten Kunstkammer-Stücken konkurrieren, Eierkocher zu Ufos werden oder Giesskannen sich als Findlinge ins Gartengrün ducken, geht es daher weniger um eine Leistungsschau schlechten Designs. Vielmehr führt die Abordnung von Alltagsgegenständen aus dem Berliner «Museum der Dinge» nur ein Extrem jenes Prinzips vor, das die künstlerischen Beiträge auf ihre Weise untersuchen: die Kreativität der menschlichen Einbildungskraft, welche sinnliche Wahrnehmung stets mit sinnstiftender Interpretation paaren will - und dabei mitunter Überschüsse produziert, oder mindestens an ihre Grenzen gerät.
Deshalb können just jene Verfahren, mit denen sich der Mensch eigentlich der Ordnung der Dinge versichern will, unversehens zu anderen Enden führen: Till Krauses Tableaus mit kleinformatigen Fotos stellen nicht etwa eine Sammlung von Kieseln dar, sondern zeigen Hunderte von Ansichten eines einzigen Kunststeins, über dessen «Natur» sie umso erfolgreicher hinwegtäuschen, da sie ihn in allen Details betrachten lassen. Florian Haas' minutiös gemalte Porträts dürften Pilz-Liebhaber ebenso freuen wie leise erschauern lassen: Isoliert vor monochromem Grund erweisen sich Hallimasch, Kahler Krempling und Stockschwämmchen als eigenständige Persönlichkeiten mit Wesenszügen, die man den stillen Wald- und Wiesenbewohnern so nicht zugetraut hätte. Und in den nach allen Regeln der Kunst fotografierten Interieurs von Yoon Jean Lee, die zunächst nur alltägliche Wohnsituationen protokollieren, rückt die Kameraperspektive Details in den Blick, die eine merkwürdige Eigenlogik entwickeln: Haben das Tischbein und das Telefonkabel, mit dessen Windungen seine Form korrespondiert, sich wirklich nur zufällig gefunden?
Wahrscheinlicher ist es freilich, dass sich die spukhafte Beseelung der Dinge unserer Einbildungskraft verdankt. So steckt in Nina Canells surrealen Installationen wie den über Sockeln schwebenden Kugeln keine Magie, sondern schlichte Physik. Oder eben Bühnenzauber, wenn Egill Sæbjörnsson seine Stillleben per Videoprojektion zum Leben erweckt. Zugleich verweisen sie darauf, dass Wandel das Wesen der Dinge und Gewissheit deshalb schwer zu haben ist. Und wo das Wissen um die Zwecke der Dinge endet, da lauert es: das Wesen im Ding.

Bis: 25.04.2010



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Ausgabe 4  2010
Institutionen Frankfurter Kunstverein [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Verena Kuni
Künstler/in Till Krause
Künstler/in Nina Canell
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