Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
4.2010


Dominique von Burg :  Gerne sprengt Kerim Seiler die Grenzen der Gattungen und wühlt im Humus der kunsthistorischen Themen. Arbeiten, die das Themenfeld der Dadaisten und Situationisten umkreisen, kollidieren mit Werken in einer konkreten Formensprache. Dies zeigt sein aktueller Auftritt in der Galerie Grieder Contemporary.


Küsnacht/Zürich : Kerim Seiler, «Maintenant»


  
links: Kerim Seiler · Babel (Situationist Space Program), 2009 © ProLitteris, Zürich
rechts: Kerim Seiler · Maintenant, Installationsansicht Grieder Contemporary © ProLitteris, Zürich


«Nicht alles, was die Hippies hervorgebracht haben, ist schlecht; einiges ist noch ganz annehmbar», meint der Zürcher Künstler Kerim Seiler (*1974, Bern) mit einem schalkhaften Lächeln. Dabei spricht er beispielsweise die in dieser Zeit entwickelte halluzinogene Droge LSD an. Immer wieder thematisieren seine Arbeiten dieses Molekül und dessen Wirkungen. So ist der Grundriss des im Garten der Galerie stehenden, offen angelegten Spiegelkabinetts «Babel (Situationist Space Program)» eine Projektion eines Teils der Molekularstruktur von LSD. Die pavillonartige Skulptur nimmt Bezug auf die von Guy Debord 1957 gegründete Situationistische Internationale. Der Name der Arbeit verweist auf eine gleichnamige Ausstellung im Tinguely Museum von 2007, aus welcher das Holz stammt.
In den Räumen der Galerie zeigt Kerim Seiler mehrheitlich neue Grafikarbeiten. Sie rekurrieren auf Formen der Pop-Art und bestechen durch grafische Präzision. Obwohl sie abstrakt und symmetrisch zu sein scheinen, geht es Seiler dabei weniger um eine formale Suche, als vielmehr um eine Veranschaulichung von gedanklichen Konstruktionen, kontroversen Weltanschauungen und kunsthistorischen Themenkomplexen. So behandelt ein mehrfarbiger Holzdruck das Rorschach-Thema. Das Motiv stellt eine über die vertikale Mittelachse gespiegelte Ansicht eines LSD Moleküls dar. Durch die Verschiebung der verschiedenen Druckplatten ergeben sich eine leichte Asymmetrie und eine prismatische Farbgebung. Im Eingangsbereich prangt der in den Farben des Farbkreises gehaltene, sehr gedehnte Neonschriftzug «Maintenant». Zunächst verweist er auf die gleichnamige Zeitschrift, welche Arthur Cravan von 1912 bis 1915 in Paris herausgegeben hatte. Doch meint er auch den im Jetzt verankerten Künstler Kerim Seiler selbst.
Mit seinen neuesten Plastiken erprobt Seiler aktuell die Einsatzmöglichkeiten eines weltweit einzigartigen mobilen Industrieroboters. Entwickelt an der ETH Zürich befindet sich dieser nun im Besitz der Firma Keller AG Ziegeleien in Pfungen. Mit dem neuen, R-O-B genannten Fabrikationsprozess realisierte der Künstler einen begehbaren Turm aus Klinkerstein. Dessen grösste und schwerste Komponente lagert zuoberst und sein Inneres lebt von einem luftig-heiteren Lichtspiel, das die Schwere der Architektur relativiert. Damit hat Kerim Seiler den Regeln der Statik scheinbar ein Schnippchen geschlagen.

Bis: 16.04.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2010
Institutionen Grieder Contemporary [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Kerim Seiler
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1004081736339HS-12
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.