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Besprechung
4.2010


Annelise Zwez :  «Markenzeichen» des in Bern lebenden Wallisers sind Bilder mit Rhomben-Gitter, die den Ort des malerischen Geschehens in ein Davor und Dahinter unterteilen. Die Ausstellung in den «Halles» zeigt indes, dass erst der Gesamtkontext den Kunstraum erfahrbar macht, in dem sich Vincent Chablais bewegt.


Porrentruy : Vincent Chablais


  
Vincent Chablais · o.T., 2009, Papier, Öl und Bienenwachsfarbe auf Papier, 240 x 260 cm


Die ausgesprochen malerisch und durch Verschnitte objekthaft angelegten grossformatigen Gitter-Bilder, wie sie das aktuelle Schaffen von Vincent Chablais (*1962) charakterisieren, sind aus früheren Arbeiten zu Rhythmus und Proportionen von Mehrfamilienhaus-Fassaden hervorgegangen. Sie haben sich aus dieser Epoche nicht nur die Nähe zur Architektur, sondern auch das Spiel mit Ein-, Aus- und Durchblicken, Blenden und Spiegelungen bewahrt. So dienen sie in dem von vier Säulen gestützten Raum in «les halles» nicht als Grenzwächter, sondern im Gegenteil als die Wand durchbrechende Fenster.
Dadurch erhält der Ausstellungsraum selbst Intérieur-Charakter. So sind denn auch zwei Tische darin platziert. Auf ihnen liegen Skizzen und Fragmente aus, welche die vielfältigen Denkfelder des Künstlers ausloten. Man spürt, wie sehr Chablais es liebt, Experimentelles mitsamt Pirouetten auf und mit Papier festzuhalten. Auch die flächigeren, farblich reduzierten Bilder weisen nicht nach aussen, sondern auf eine geradezu kubistische Innenarchitektur, oder sie vergegenständlichen sich, bis hin zu einer Batterie von klangvollen Schlagzeugen.
Dass Chablais das Ambivalente mag, ist omnipräsent, doch zeigt es sich - man kann sich eines Schmunzelns nicht erwehren - nirgendwo so deutlich wie an einer Wand beim Eingang. Da sind als Strichskizzen auf semitransparenten, teils überlagerten Papieren scherenschnittartig vereinzelte Gittermuster zu sehen. Mit ihren schlanken Silhouetten assoziiert man indes unwillkürlich weibliche Figuren, die scheinbar aus der Virtualität der Kunst heraus in den Raum treten.
Die Ausstellung wird damit andeutungsweise zum vibrierenden Lebensraum, der analog früheren Inszenierungen das Licht von aussen malerisch eindringen lässt, sich in Denkfeldern «vor und nach» - so der Titel eines Werkes - ausweitet und den man doch nie auf Eindeutigkeit fixieren kann.
Es gehört zur Tradition des jurassischen Kunstzentrums, dass zu jeder Ausstellung eine Grafik oder ein Multiple erscheint. Eindrücklich ist, wie Vincent Chablais diesen Auftrag mit seiner Inszenierung verknüpft. Chablais hat aus Papier einen kleinen, als Guckkasten dienenden Origami-Würfel entworfen, der im Innern einen malerischen Bildraum sichtbar macht, wenn man ihn gegen eine Lichtquelle hält. Die beiden Bieler Kunsthistorikerinnen Hélène Joye-Cagnard und Catherine Kohler sind die Kuratorinnen der Ausstellung.

Bis: 02.05.2010



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Ausgabe 4  2010
Institutionen Espace d'art contemporain (les halles) [Porrentruy/Schweiz]
Autor/in Annelise Zwez
Künstler/in Vincent Chablais
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