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Besprechung
4.2010


Alice Henkes :  Damien Deroubaix sampelt aus Underground-Cartoons, Versatzstücken aus der Death-Metal-Kultur, der Werbung, der Alltags- und Popkultur sowie der Kunstgeschichte. Es entstehen malerische, mitunter plakativ anmutende Tableaux mit Szenen eines gewaltigen endzeitlichen Pandämoniums.


St.Gallen : Damien Deroubaix, «Die Nacht»


  
links: Damien Deroubaix · Ausstellungsansicht Kunstmuseum St. Gallen, 2010
rechts: Damien Deroubaix · Der neue Mensch, 2007


Der Auftakt der Ausstellung ist eigentlich ganz nett und wirkt didaktisch: Im Treppenhaus des Museums steht ein Holzgerüst. Zuoberst, auf einer Tafel, schreit uns in tropfenden knallroten Gothic-Lettern entgegen: «Terrorizer». Darunter folgen grauschwarze Schilder mit den Begriffen «World Downfall», «Injustice», «Enslaved by Propaganda», «After World Obliteration». Diese werbestrategische Aufmachung kündigt die Themen der Ausstellung an. Gleichzeitig verweist die Skulptur auf den musikalischen Background des Künstlers; die Death-Metal-Bands Terrorizer, Napalm Death und Slayer. Zunächst fühlt man sich tatsächlich an die aggressive, drastische Bildwelt, die Tags und Trash-Ästhetik dieser Heavy-Metal-Szene erinnert. Doch bei Deroubaix tun sich abgründigere Dimensionen auf.
So stürzen meist grossformatige, apokalyptische Bildwelten auf uns ein, die in ihrer unmittelbaren Präsenz betroffen machen. Auf riesigen Holzgerüsten thront mal ein monströser Kopf, mal ein Nilpferd-Schädel. In additiven Bildräumen treffen maskierte Figuren und Halbfiguren, oft in Sadomaso-Outfits, und animalische Monsterfiguren auf kopflose Pin-up-Girls, Sphingen und Skelette. In «Poison», 2009, fallen tote Vögel vom Himmel auf eine zerstörte Landschaft, die offenbar von einer vielbrüstigen, geflügelten, geldfressenden Muttergöttin beherrscht wird. Obwohl jedes Motiv überfrachtet ist, gibt es keine wirkliche Handlung. In dieser monströsen Bildwelt entstehen zahlreiche kunsthistorische Assoziationen, etwa zu Otto Dix' Radierungen «Der Krieg», zu Dürers «Apokalyptischem Reiter» und «Nemesis», Francisco de Goyas «Desastres de la Guerra» wie auch den trashigen Collagen von Raymond Petitbon.
Deroubaix' Kompositionen sind ungemein virtuos und erinnern an Negative von Schwarz-Weiss-Fotografien. Vielfach arbeitet Deroubaix mit Montage oder Collagen und überlagert Schichten von älteren und neueren Bildern. Eigentlich findet ein ständiger Dialog mit dem eigenen Werk statt. Während sich seine früheste Arbeit, ein fliegender Styropor-Haifisch, noch freundlich ausnimmt, scheint Deroubaix nicht gerade optimistisch in Bezug auf die Zukunft der Menschheit gestimmt zu sein. Seinen «Neuen Menschen» jedenfalls stellt er als affenartiges Skelett dar, das dem Geld nachjagt, obwohl es von Stacheldrahtzaun und Wachturm eines Vernichtungslagers umgeben ist.

Bis: 16.05.2010



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Ausgabe 4  2010
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Damien Deroubaix
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