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Besprechung
4.2010


Dominique von Burg :  Obwohl der weit gereiste Ian Anüll aus der Zürcher Kunstszene nicht mehr wegzudenken ist, wurde sein Werk hier noch nie in einer Institution in einer Einzelshow präsentiert. Nun widmet ihm das Helmhaus eine umfassende, retrospektiv und gleichzeitig projektiv angelegte Ausstellung.


Zürich : Ian Anüll, «Rien ne va plus»


  
Ian Anuell . Grande Rue I-III, 2008, Videoinstallation.


Da kauert Ian Anüll (*1948) mit Zipfelmütze auf einem Schemel auf der Grande Rue im winterlichen Genf. In grossen Lettern steht auf einem Karton geschrieben: «Pas d'Argent SVP». Der Bezug zur Partei der SVP liegt nahe und hat Strategie im Trademark-Universum von Ian Anüll. Dahinter leuchtet das Signet einer Migros Wechselbank. Er sitzt nahe jener Stelle, an der vorher Rumänen bettelten, die bald vertrieben wurden. Die Videoarbeit ist auf eine leichte Daunendecke projiziert. Sie ist Teil einer Installation, die Bezug auf Themen wie Obdachlosigkeit nimmt, die Anüll seit den Achtzigerjahren immer wieder aufgegriffen hat.
Hochaktuell ist die 1983/84 entstandene Installation «Change». Unter einem raumteilenden Vorhang finden sich zwei Arne-Jacobsen-Stühle - einer davon mit einem edlen Flicken aus Gold im Furnier. Die Stühle stammen tatsächlich aus der Schweizerischen Nationalbank, womit Anüll augenzwinkernd auf den Duchamp'schen Kunstgriff der Dekontextualisierung von Alltagsobjekten rekurriert. Daneben platzierte er zwölf phallusähnliche Formen aus geschredderten Banknoten auf einem Piedestal. In Kombination mit einem Schwarzgeld-Kreuz und einem goldenen Lattenkreuz bietet die Installation einen vielsagenden Kommentar zur gegenwärtigen Banken- und Steuerfluchtgeldkrise. Nicht nur der Finanzkreislauf, auch die Fragen nach Produkt, Marken und den damit einhergehenden Marktmechanismen treiben Anüll schon lange um. Mit seinen mit Labels versehenen Werken thematisiert er die Kunst als zweifelhafte Schnittstelle ideeller, gesellschaftlicher und monetärer Werte. Auch wenn er es versteht, das ausgeprägte Markendenken offenzulegen, ist er selber ein Teil davon. So erklärte er just das universelle Trademark ® zum eigenen «Warenzeichen» und liess es sich in den Schneidezahn brennen.
Anülls Strategie besteht darin, Fragen zu stellen. Antworten gibt er nicht - Widersprüche bleiben bestehen. Die Zusammenhänge in seinen Arbeiten sind zum Teil schwierig zu lesen. Gleichwohl paart sich in diesen kritische Intelligenz mit poetischem Sinn, Witz und dem Zufälligen. So wenn er Werke, die mit Schokolade übermalt sind, mit einem x-fach vergrösserten Kinderzimmerobjekt zusammenbringt. «Take me to the Moon» lautet der Titel des gut vier Meter langen Mondes. Der damit verbundene Wunsch, von einem Deus ex Machina allem enthoben zu werden, mutet kindlich, komisch und tragisch an.

Bis: 17.04.2010



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Ausgabe 4  2010
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Institutionen Mai 36 Galerie [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Ian Anüll
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