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4.2010




Paris : Pergola


von: J. Emil Sennewald

  
links: Laith Al-Amiri . Symbol of Courage, 2009, Ausstellungsansicht, Palais de Tokyo, Paris.
rechts: Valentin Carron . Fructus, 2010, Polystyrene, Fiberglas, Acrylharz, Acrylfarbe, 190 x 80 x 66 cm, Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zurich.


Nach einer Reihe von Ausstellungen, die in sehr reduzierter Weise den Zusammenhang von Wissen, Form und Welt behandelten, setzt das Palais de Tokyo seine teils etwas enigmatischen Studien zum Geist der Moderne fort. «L'esprit Moderne» war der Titel der Zeitschrift, in der Le Corbusier einige Fotos seiner 1916 gebauten «Villa Turque» in La Chaux-de-Fonds publizierte. Darauf war auch die titelgebende Pergola zu sehen.
Emblem behäbiger Einfamilienidylle der Fünfzigerjahre, baute Valentin Carron 2001 eine solche originalgetreu im Ausstellungsraum nach. Im Palais ist statt dieser mit der aktuellen Arbeit «L'inavouable extase» eine hübsche Installation zu sehen, die zwischen Idyll, Ironie und tieferer Bedeutung an die Rauhputzwände mancher Reihenhaussiedlung erinnert. Carron, dessen soziopolitische Formrecherchen vor drei Jahren umfangreich in der Kunsthalle Zürich zu sehen waren, darf sich als Schlüsselfigur in den ersten Sälen entfalten. Dorthin gelangt man nach der Ouverture im Eingangsbereich des Palais. Vor einem Röhrengeflecht Serge Spitzers, das wie ein Eingangsportal in einen merkwürdigen Vergnügungspark funktioniert, fungiert ein selbst gebastelter Riesenschuh, wie man ihn von Fastnachtsumzügen kennt, als Denkmal des berühmten Anti-Bush-Schuhwurfs des Journalisten Muntazer Al-Zaidi. Eine ästhetisch schwache, politisch engagierte Arbeit der 45-jährigen Irakerin Laith Al-Amiri. Weniger konkret erweist sich das Konzept der Pariser Ausstellung, das nur vage Reflexionen zur Wiederkehr der Formen bietet. Dabei ist es ganz einfach: «Pergola» versammelt mit Arbeiten von Laith Al-Amiri, Charlotte Posenenske, Serge Spitzer, Raphaël Zarka und Valentin Carron fünf ähnliche internationale Positionen. Alle pflegen appropriativen Umgang mit Alltag und Kultur, alle überspitzen das Readymade durch Nachbildung oder Inszenierung. Und alle versuchen, die Oberfläche des bloss Gegenwärtigen zu durchstossen, um Bilder und Vorstellungen der «vielen Realitäten» freizulegen, an denen Direktor Marc-Olivier Wahler seit Jahren besonders interessiert ist.
Mit einer Retrospektive der reduzierten Skulpturen Posenenskes und Spitzers Röhren-Installationen stellt er den jüngeren Künstlern zwei Vorläufer zur Seite. Beide untersuchen Strukturen der Gesellschaft und inszenieren sie als ein Geflecht kommunizierender Röhren. Soziologische Vertiefung treibt auch der junge Pariser Raphaël Zarka. Er erkundet mit einem Video und installativen Elementen das sonderbar vertraute Formenvokabular der Skaterkultur. Genau an der Grenze zwischen Realem und Sonderbarem richtet das Palais de Tokyo seine «Pergola» ein. Und verwischt dabei weiter die Grenzen zwischen Kunst und Realität.

Bis: 16.05.2010



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Ausgabe 4  2010
Institutionen Palais de Tokyo [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Valentin Carron
Künstler/in Raphaël Zarka
Künstler/in Laith Al-Amiri
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