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Fokus
5.2010


 Bei Olaf Breuning stehen die letzten Fragen an erster Stelle: Hinter der Skurrilität seiner Arbeiten zeigt sich eine Metaphysik des umittelbaren Alltags. Vom Fumetto Comix-Festival Luzern wurde der Wahl-New Yorker nun eingeladen, seine Fragen ins Kunstmuseum Luzern zu zeichnen.


Olaf Breuning - Fragen eines vierzigjährigen Teenagers


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Can someone tell us why we are here?, 2006, C-Print auf Aluminium, 122 x 155 cm
rechts: Idiots, 2009, Ausstellungsansicht, Galerie Metro Pictures, New York


Morgenthaler: Olaf, kannst du uns sagen, weshalb wir hier sind?

Breuning: Nein, das kann ich nicht. Diese Frage stellten in Kartonschachteln verkleidete, am Boden sitzende Menschen, in einer meiner Fotoarbeiten von 2006. Aber eine Antwort kann - und will - ich nicht geben. Das gilt für sämtliche Fragen, die ich in meinem Werk aufwerfe.

Morgenthaler: In deinen Fotoarbeiten haben sich auch schon Tennisspieler als Tennisbälle verkleidet oder du hast schwarz angemalte Menschen mit knalligen Farben übergossen. Bei soviel Spektakel mag es überraschen, dass du in deinem Werk oft auch ganz grundsätzliche, geradezu metaphysische Fragen stellst.

Breuning: Es sind eigentlich immer ganz einfache Fragen, die aber sehr schwer zu beantworten sind. Simple, grosse Fragen, die man sich stellt, wenn man mit 16, als pubertierender Teenager, beginnt, sich fundamentale Gedanken zu machen. Diese Fragen werden jedoch bald weniger wichtig oder man gibt sich mit banalen Antworten zufrieden. Ich werde dieses Jahr vierzig und es ist mir bewusst geworden, wie sehr ich diese Fragen vermisse. Ich möchte sie aber auf keinen Fall verlieren. Sie sind ein wichtiger Ausgangspunkt zum Nachdenken.

Morgenthaler: Du stellst ja auch oft sehr ernste Fragen. «What is wrong with all of us?» in einer Zeichnung von 2008 etwa. Gleichzeitig sind deine Werke immer stark von Humor geprägt.

Breuning: Es stimmt, es gibt keine einzige Arbeit von mir ohne eine humorvolle Komponente. Natürlich ist das auch gefährlich, und man muss aufpassen, dass man nicht Werke schafft, die nur lustig sind und sonst nichts.

Kindlich oder kindisch?

Morgenthaler: Geht es dabei vielleicht auch um die durchlässige Grenze zwischen kindlich und kindisch?

Breuning: Ich finde beide Begriffe nicht ganz passend. Ich spreche lieber von einfach. Ich kann nur sehr wenig anfangen mit Kunst, die sich hinter Konzepten versteckt. Ausstellungen, denen man zuerst lange hinterherlesen muss, um an die Essenz zu kommen, die dann oft nur sehr dürftig ist. Ich bediene mich lieber der allgemein verständlichen Ironie. Es gilt schliesslich, das Leben zu ertragen - vor allem die Tatsache, dass man irgendwann sterben muss. Ironie ist ein hervorragendes Stilmittel, um darüber zu sprechen.
Morgenthaler: Gerade einige deiner Zeichnungen muten aber doch stark kindlich an. Und man fände vielleicht auch Kritiker deiner Arbeit, die sie als kindisch abtun würden.

Breuning: Wie gesagt, ich ziehe es vor, sie als einfach zu bezeichnen. Obwohl sie mir gar nicht leicht von der Hand gehen. Ich bin kein guter Zeichner. Umso wichtiger ist, dass die Idee gut ist. Ich gehe in New York jeden Morgen zwischen 8 und 9 Uhr ins selbe Café und entwickle dort die Ideen. Die Ausführung nimmt dann noch einmal viel Zeit in Anspruch, da ich verschiedene Anläufe brauche, um die Idee mit einem Strich aufs Papier zu bringen.

Morgenthaler: Du bist, nach David Shrigley 2009, dieses Jahr Gast des Fumetto Comix-Festivals. Wie stehst du dazu, dass du in diesem Kontext vor allem als Zeichner registriert wirst? Ist das vielleicht Ausdruck einer zunehmenden Konzentration auf die Zeichnung in deinem Werk?

Breuning: Das würde ich nicht so sagen. Im Gegensatz zu David Shrigley, der primär zeichnet, ist es für mich nur eines von vielen Medien. Ich gehe von der Idee aus und suche dann den effizientesten Weg, diese zu kommunizieren. Momentan spielt in diese Entscheidung leider auch die Wirtschaftslage hinein. Es ist tatsächlich in New York gerade nicht einfach, Geld für grössere Projekte zu finden. Die Zeichnung kann so als Ventil für eine Idee dienen, die ich sonst eher skulptural ausgearbeitet hätte.

Morgenthaler: Könnten also alle deine Zeichnungen auch noch in andere Medien übersetzt werden? Sind sie vielleicht primär Blueprints für grössere Projekte?

Breuning: Das möchte ich nicht so verallgemeinern. Die Zeichnung ist für mich grundsätzlich ein valables Medium neben Film, Skulptur, Fotografie.

Dreidimensionaler Strich

Morgenthaler: Für deine Auss
tellung im Kunstmuseum Luzern hast du nun einen Weg gefunden, Zeichnung und Skulptur zu verbinden; der Zeichnungsstrich löst sich als Skulptur quasi von der Wand. Wie ist es dazu gekommen?

Breuning: Das war ein Zufall. Ich versuchte, einen anderen Weg zu finden, die einfachen Botschaften der Zeichnungen zu übermitteln. In der New Yorker Galerie Metro Pictures hatte ich Ende 2009 im Rahmen einer Ausstellung einen leeren Raum in der Mitte zu füllen. An den Wänden sollten Zeichnungen hängen und ich kam deshalb auf die naheliegende Idee, Skulpturen einzubeziehen, die diesen möglichst ähnlich sein sollten. Die simple Art, wie ich Zeichnungen mache, wollte ich für die Skulpturen übernehmen: Ich schraubte einfach Holzlatten zusammen und malte sie schwarz an, weil der Zeichnungsstrich auch schwarz ist. Das Resultat war schliesslich auch für mich überraschend: Ich bin nicht der Erste, der Wandzeichnungen macht, klar, und auch nicht der Erste, der schwarze Skulpturen macht. Doch die Kombination scheint etwas zu haben, das ich so nie zuvor gesehen habe: Die zweite und die dritte Dimension verschmelzen im Raum. Inhaltlich sind es wieder vor allem skulpturale Erinnerungen an die grossen Fragen eines Pubertierenden.

Morgenthaler: Auch der viel reisende Protagonist deiner «Home»-Filme fragt sich einmal «Why am I here?»
Breuning: Nicht zuletzt behandeln «Home 1», 2004, und «Home 2», 2007, auch die Frage, was heute ein Zuhause ist. Im ersten Film gelingt es dem Hauptdarsteller nicht, zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Die physische und die geistige Realität stimmen nicht überein. Es geht um die Frage, wie sich ein Zuhause definieren lässt, wenn mit Facebook und anderen digitalen Communities physische Grenzen kaum mehr eine Rolle spielen. In «Home 2» verlässt der Protagonist dann sein Zuhause, um in diversen Drittweltländern ein vermeintlich neues zu finden.

Zum Glück nicht Keanu Reeves


Morgenthaler: Ich habe ja lange gemeint, der verrückte Protagonist dieser Filme seist du selbst.

Breuning: Das meinst nicht nur du. Brian Kerstetter wird oft angesprochen, er sei doch Olaf Breuning. Dabei ist er mein bester Freund, mit dem ich jeden Freitagabend ausgehe. Eigentlich war einmal angedacht, dass Keanu Reeves diese Rolle spielt - ich kenne ihn, er mag meine Filme und hatte auch schon zugesagt. Dann hatte er aber selbstverständlich Besseres zu tun. Ich fragte dann eines Freitagabends - vielleicht schon ein wenig angetrunken - Brian, ob er einen professionellen Schauspieler kenne. «Ich kann das machen!», meinte er. Ich glaubte ihm nicht und schoss Tests - dabei erwies er sich als supertalentiert. Und als Glücksfall für die Filme, denn jemand wie Keanu Reeves hätte wohl kaum durch spontane Improvisation so viel zum Drehbuch beigesteuert wie Brian.

Morgenthaler: Nun planst du «Home 3».


Breuning: Ich bin nicht sicher, ob ich den neuen Film «Home 3» nennen werde. Sicher ist, dass es sich um eine Vampirstory handeln wird. Mit einem Hauptdarsteller wie Brian brauche ich kein absolut ausgeklügeltes Drehbuch bei Drehbeginn. Brian wird jedenfalls einen New Yorker Vampir spielen, der des Nachtdaseins müde ist. Er will sich umbringen, was bei einem Vampir bedeutet, dass er wartet, bis die Sonne aufgeht. Das Tageslicht tötet den Vampir aber entgegen aller Erwartung nicht. Vielmehr wandert er nun bei Tageslicht durch die Stadt. Das ist eine Metapher für den Perspektivenwechsel, der im Leben manchmal nötig wird. Damit man nicht an der Idiotie des Lebens verzweifelt und in sinnlosen Sarkasmus verfällt.

Morgenthaler: Und was ist für dich selbst Zuhause? Du lebst ja seit zehn Jahren in New York.

Breuning: Ich bin vor zehn Jahren für einen Atelieraufenthalt hierhergekommen, und geblieben. Es war für mich ein ähnlicher Perspektivenwechsel, wie ihn der Vampir im Film erleben wird. New York ist wirklich ein «Melting Pot», wie die Stadt so oft bezeichnet wird. Hier erinnert einen nichts an die Vergangenheit. Nicht, dass ich eine schlechte Vergangenheit gehabt hätte in der Schweiz, ganz und gar nicht.
Daniel Morgenthaler (*1978), freischaffender Kunstjournalist, lebt in Zürich.



Bis: 01.08.2010


Fumetto Internationales Comix-Festival Luzern, 1.-9.5. «Olaf Breuning, 10 Stickers», 2010, Hrsg. Fumetto und Kunstbulletin

Olaf Breuning (*1970, Schaffhausen) lebt und arbeitet in New York.

Einzelausstellungen (Auswahl)
1998 Kunsthaus Glarus; Kunsthalle St. Gallen
2002 «Hello Darkness», Swiss Institute New York
2004 «Home», Musée d'Art moderne et contemporain, Strassburg
2007 migros museum für Gegenwartskunst, Zürich
2009 Metro Pictures, New York



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Ausgabe 5  2010
Ausstellungen Olaf Breuning, Stefan à Wengen [30.04.10-01.08.10]
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Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Olaf Breuning
Link http://www.fumetto.ch
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