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Fokus
5.2010


 Aus vorgefundenen Möbeln und eigenen Konstruktionen schafft David Heitz räumliche Layouts, die auch als Display für Fotografien dienen. Auf Objekt- und Bildebene entsteht dadurch ein installatives Ordnungssystem, das durch Einrichtungsgegenstände Beziehungen zur vertrauten, industriell geprägten Lebens­welt knüpft.


David Heitz - Ein Möbelsystem


von: Burkhard Meltzer

  
ohne Titel (Displaysituation), Installationsansicht Kunsthalle Basel, 2009


Ich bin an der Auslage vorbeigelaufen. Der Vitrinentisch mit Katalogen, Textbüchern und Magazinen steht sonst nur ein paar Meter entfernt im Eingangsbereich der Kunsthalle Basel - dort, wo man die ersten Informationen zum aktuellen Ausstellungsprogramm erhält, in einer grösseren Auswahl von Publikationen blättern kann und für die erworbenen Dinge oder Dienstleistungen bezahlt.
David Heitz (*1983, Wurmberg/D, vormals Schüler von S. Bächli, L. Hoffmann und C. Moser) hat im Rahmen der jährlichen Basler Gruppenausstellung «Regionale» das Displaymöbel aus dem Vorraum in den Ausstellungsraum verschoben. Meine flüchtige Wahrnehmung dieses Eingriffs «Ohne Titel (Displaysituation)», 2009, lässt sich vielleicht mit einem kurzzeitigen Aufmerksamkeitsdefizit erklären. Rückblickend scheint die Um-Ordnung jedoch genau mit den Erwartungen zu arbeiten, die ich im Umgang mit dem vertrauten Möbel erworben habe: Einmal betrachte ich als häufiger Besucher die Dinge aus meiner gewohnten Perspektive heraus, zum anderen realisiere ich, dass tatsächlich noch immer eine zweite Auslage der gleichen Bauart im Vorraum zu finden ist. Im Blick zurück wirken die Vitrinentische auf beiden Seiten des Eingangs wie das gespiegelte Bild des Raumes, in dem ich mich gerade befinde.

Objekte zwischen Möbel, Display und Skulptur
Daneben scheint eine Bank auf müde Besucher zu warten. Die Sitzfläche ist aus der hölzernen Abdeckung eines Versorgungsschachtes im Parkettboden gefertigt, die nun unmittelbar darunter fehlt. Was auf den ersten Blick nach einer besonders individuellen Designlösung aussieht, lässt sich bei näherem Augenschein kaum mehr einer Kategorie von Möbel, Display oder Skulptur zuordnen. Die Objekte verkörpern einen auffordernden und zugleich auch abweisenden Charakter - als sich anbietende Sitzgelegenheit oder als Schrank, der den Blick auf seinen Inhalt verbirgt. Allerdings lenkt Heitz unsere Aufmerksamkeit nicht auf bestimmte Figuren der Designgeschichte. Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Präsentation von Möbeln eng mit künstlerischen Entwicklungen verflochten: Fanden Einrichtungsge­genstände zunächst in Gesamtkunstwerken von Bauhaus oder Prager Kubismus Verwendung, wurden sie in den Sechzigerjahren bei Claes Oldenburg als popkultu­reller Kommentar auf eine Konsumenten-Gemütlichkeit wahrgenommen. In den Grundsatzdiskussionen um die Minimal Art nahmen Möbel sogar eine Frontstellung ein: Auf den Vorwurf des Kritikers Michael Greenberg (in «Recentness of Sculpture», 1967), seine Skulpturen wären eher Möbel als Kunstwerke, antwortete Donald Judd in den Siebzigerjahren tatsächlich mit der Herstellung eigener Möbel. In den Neunzigerjahren entstanden viele Möbel - etwa in den Installationen von Jorge Pardo oder Rirkrit Tiravanija - als Einladung zur Partizipation des Publikums.
Die von David Heitz zusammengesetzten Möbel dienen jedoch weder der Konstruktion eines Gesamtkunstwerkes, noch fordern sie zur Teilnahme auf. Vielmehr setzt sich die Arbeit mit der Rolle von gebauten Strukturen und deren Ordnungsfunktion in Lebenswelt und Kunst-Display auseinander. Meist stellen gefundene Möbelteile, die oft in direkter Beziehung zum Ausstellungsraum stehen, eine Basis dar, die Heitz durch eigene Konstruktionen ergänzt. Dabei kombiniert er verschiedene Einzelkomponenten zu einem heterogenen Gebilde, das unterschiedliche materielle und formale Konzepte zusammenführt. Besonders in unmittelbarer Nähe zu Wänden und Ecken finden sich zusammengesetzte Tische, die zunächst den Eindruck eines eilig beiseite geschobenen Möbelstücks vermitteln. Die Gegenstände erscheinen nicht vom Hintergrund gelöst, sondern gehen eine nachbarschaftliche Beziehung dazu ein - etwa indem die Glasplatte eines Tisches die Umgebung reflektiert oder eine abgerundete Fläche den rechtwinkligen Raumecken begegnet. Doch nicht immer sind die Arbeiten so in die architektonischen Gegebenheiten eingepasst, dass man von einer ortsspezifischen Arbeitsweise sprechen könnte. Im Gegenteil, die Objekte sind oft für einen mobilen Einsatz gebaut und sogar systematisch zerlegbar.

Fotografische Auslege-Ordnung
Ein modulares Tischsystem präsentiert Heitz in der Leipziger Columbus Art Foundation, «ohne Titel», 2009. Grüne und graue Tischflächen bilden ein eigens konstruiertes Display für fotografische Arbeiten des Künstlers. Durch passgenaue Gläser sind die einzelnen Fotografien geschützt. Dahinter öffnet sich der Blick in eine von Asphalt und Putz versiegelte Umgebung. Ein Baum wirft seinen Schatten auf Vorstadtfassaden, zwei Vorratsbehälter aus Edelstahl glänzen vor einer Bepflanzung. Nicht zuletzt durch Graustufen und monochrome Farbtöne wirken die Fotografien wie grafische Layouts aus Oberflächen, Häusern und Gehäusen. Hier zeichnen sich menschliche Bemühungen ab, Ordnungs- und Orientierungssysteme zu repräsentieren und voneinander abzugrenzen. Nichts geschieht im Moment der Aufnahme, selten sind überhaupt Personen zu entdecken. Der Blick auf die festgefügten Strukturen erinnert an Stadtlandschaften, Interieurs und Porträts des Westberliner Fotografen Michael Schmidt. Ab 1965 wurde er mit seiner Kamera zum ständigen Begleiter des Stillstands einer Stadt, in der die rivalisierenden politischen Systeme in Ost und West eine angespannte «Waffenruhe» (so ein Buchtitel von Schmidt) vereinbart hatten.
Fotografische und installative Aspekte treffen in den Display-Arbeiten von David Heitz zusammen. Ein Tisch ist als temporäre Ordnungs- und Ablagehilfe aus dem alltäglichen Leben bekannt: Man legt Dinge darauf ab, um sie zu betrachten oder zu ordnen. Dabei entsteht ein Layout im Raum. Manchmal erscheint ein Tisch in den Heitzschen Installationen auch derart vertraut, dass man zunächst einfach daran vorbei läuft. In diesem Zugehörigkeitsgefühl zeigt sich die individuelle körperliche Relation zum Gegenstand des Möbels ebenso wie dessen besondere gesellschaftliche Dimension als Repräsentant eines gesellschaftlichen Systems: Das Display-Möbel tritt als industriell vorgeschlagener Lebensstil und Dinge-Ordner auf.

Burkhard Meltzer (*1979) Kurator, Gründungsmitglied von «The John Institute» und freier Autor, u.a. für frieze
magazine und spike. Lebt in Zürich.

Bis: 23.05.2010


"TOP 10", Meisterschueler, Forum Wuerth in Arlesheim bei Basel 11.6.-12.9.



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Ausgabe 5  2010
Institutionen o.T. Raum für aktuelle Kunst [Luzern/Schweiz]
Institutionen Forum Würth Arlesheim [Arlesheim/Schweiz]
Autor/in Burkhard Meltzer
Künstler/in David Heitz
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