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Fokus
5.2010


 Dem Yello-Musiker Dieter Meier wurde soeben der Swiss Music Award verliehen. In den Sechziger- und Siebzigerjahren rea­lisierte der vielseitig aktive Künstler performative Arbeiten, die - wie seine Musik - bis heute inspirieren. Anlässlich der aktuellen Häufung performativer Vorgehensweisen und einer Ausstellung von Meier bei Grieder Contemporary in Berlin verweist das Kunstbulletin auf einen historischen Vorläufer und publiziert Auszüge aus einem Interview mit Dieter Meier in dessen Zürcher Atelier.


Dieter Meier - «Es war da, weil ich es wollte»


von: Stefan Wagner

  
links: ‹Gehen›, Aktion in zwei Teilen, 13.7.1970, 18 bis 19 Uhr, Zürich, Bellevue
rechts: «Le Rien en or», 2008, verkleidete Regenrinne am Zürcher Stadthaus. An verschiedenen Orten in Zürich wurden goldene Farbflächen aufgebracht (u.a. an einer Betonstütze am Hauptbahnhof, am Geländer der Quaibrücke, an einem Tram der VBZ). Die Flächen sind immer noch zu sehen, wie lange ist ungewiss.


Wagner: Wann hast du begonnen, performative Arbeiten im öffentlichen Raum der Stadt Zürich zu realisieren?

Meier: 1969 habe ich meinen ersten Experimentalspielfilm am Festival in Cannes gezeigt, unmittelbar danach begann ich mit den Performances. Die erste Arbeit bestand im Abzählen von 100'000 Metallteilen im öffentlichen Raum, «5 Tage», 1969. Ich ging zur Eisenhandlung Bender in der Innenstadt an der Oberdorfstrasse und kaufte mir die Metallstücke, die eigentlich - weil ungenau gearbeitet - Abfälle waren. Ich liess die 100'000 Stück auf den Heimplatz vor dem Kunsthaus liefern. Ein Arbeiter brachte sie mit einem Lastwagen und kippte sie auf den Platz. Da waren also die Schrauben. Ich legte einen Holzrahmen drum herum und setzte mich hin und zählte die Metallteile fünf Tage lang in Plastiksäcke zu jeweils 1'000 Stück ab. Das war für mich eine Art Geburtsstunde als Artist - obwohl, dieser Begriff mir überhaupt ...

Wagner: Suspekt?

Meier: ... ja, suspekt, ein veralteter kleinbürgerlicher Begriff scheint. Diese Performance war für mich wichtiger als alle Filme, die ich damals gemacht hatte. Ich musste etwas tun, das sich durch nichts anderes rechtfertigen lässt, als eben dadurch, dass ich es mache. Jeder hätte dies tun können: Das Zählen war sinnentleert, unbedeutend und einfältig. Es war eigentlich nichts. Aber es war da, weil ich es wollte, und so wunderbar sinnlos wie das Leben selbst.

Leere und Karriere


Wagner:
War das Verlassen des Ateliers Teil der Entwicklung zum Künstler?

Meier:
Klar stand im Vordergrund, dass ich etwas machen wollte, was sich der Sinnhaftigkeit und auch der Kunst entzieht. Diese Manifestation der Leere musste im öffentlichen Raum stattfinden und ob das nun Kunst ist oder irgendwie anders bezeichnet wird, ist für mich unbedeutend.

Wagner: Dieses Sich-der-Öffentlichkeit-Aussetzen hast du nur eine ganz bestimmte, kurze Zeit gemacht.

Meier: Das ist, wie wenn John Cage ein Konzert schreibt, bei dem ein Flügel zertrümmert wird, oder wenn einfach zwei Minuten neunundvierzig Sekunden Ruhe ist, oder wenn ein Maler ein monochromes weisses Bild malt. Das sind im Grunde genommen alles philosophische Statements, die nicht über lange Zeit repetiert zu werden brauchen. Es muss einmal gemacht sein, das reicht.

Wagner: Ist das der Grund, weshalb es von 1969 bis 1971 nur die fünf Performances gibt?

Meier: Ich habe die Performances nicht gezählt. Die letzte habe ich wohl für die documenta 5 1972 realisiert - als Beitrag zu deren Concept Art-Programm. Ich liess damals beim Kasseler Hauptbahnhof eine Metalltafel einbetonieren und mit der Aufschrift versehen: «Am 23. März 1994 von 15.00-16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen», was ich dann auch tatsächlich getan habe.
Es überrascht mich selbst, wie kurze Zeit ich diese Performances machte, aber offensichtlich hat mich das dann nicht mehr interessiert. Das ist ja ganz wichtig in meinem Leben, dass mir aufgrund meiner finanziellen Voraussetzungen jeglicher Antrieb fehlte, eine Karriere zu machen. Ich habe mich 1976 nach der für mich sehr überraschenden Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich aus dem Kunstrennen - wie ich das nenne - zurückgezogen und habe dann ohne Karriere-Ambitionen in einer Galerie in Zürich Ausstellungen gemacht.

Wagner: In der Galerie Baviera?

Meier: Genau. Silvio Baviera verdanke ich sehr viel, denn ohne seine Aufforderungen hätte ich wohl überhaupt nichts mehr in diese Richtung gemacht. Mir fehlte der Impetus des Künstlers, sich durchzusetzen und wie ein «normaler» Mensch mit seiner täglichen Betätigung Kohle zu machen. Über die Vermittlung des Geldes hat der Berufskünstler eine Beziehung zur Welt. Dieser Antrieb hat bei mir völlig gefehlt. Sicher hatte ich manchmal auch den Wunsch, in einer internationalen Galerie unterzukommen, ich musste aber feststellen, dass ich absolut unfähig dazu bin. Ich hatte sehr wohl Sehnsucht nach einer Karriere, konnte aber nicht Teil dieser hermetisch abgeriegelten, kleinbürgerlichen Künstlerwelt sein. Dass ich dann angefangen habe, Musik zu machen, hing damit zusammen. Dass daraus eine Karriere wurde, hat sehr viel mit Zufall zu tun.

Wunderbar Unsinniges und Bühne des Gerichts

Wagner: Ich möchte noch gerne auf deine neusten Arbeiten im öffentlichen Raum zu sprechen kommen. Es handelt sich dabei um Schachtdeckel und andere Dinge. Hast du die Absicht, nach zwanzig Jahren Musikkarriere in den öffentlichen Raum zurückzukehren?

Meier: Ich glaube, die neusten Arbeiten sind nicht deswegen entstanden, um wieder etwas im öffentlichen Raum zu machen. Sie sind die Pilze aus dem Rhizom-Myzel der «Association des maîtres de rien», die unter bestimmten klimatischen Voraussetzungen aus dem Boden schiessen, mit der Annäherung an das Unbedeutende, das Sinnlose, das Nichts. Das Abzählen der Metallstücke in «Fünf Tage» war die erste Manifestation der Association. In dieser Tradition steht auch das Projekt «Le Rien en or». Man kann bei mir Skulpturen aus 18 Karat Gold bestellen. Man bezahlt nur den Preis für das Gold und ich garantiere dann, eine Skulptur herzustellen, die nach bestem Wissen und Gewissen von rasender Unbedeutung ist. Im Rahmen von «Le Rien en or» habe ich Gegenstände des Alltags wie Dachrinnen, Brückengeländer usw. in 18 Karat vergoldet. Kunst ist oft dechiffrierbar. Hinter dem Versuch zur Unbedeutung steht einzig das wunderbar Unsinnige des Lebens selbst.

Wagner: Schon deine frühen Arbeiten waren ein wenig provokativ.

Meier: Das stimmt. Bei «Pink» zum Beispiel hatte ich geplant, dass sich Plastikstreifen mit einem Spezialleim in den Asphalt fressen und kaum mehr zu entfernen sind. Da es regnete, klappte dies nicht.

Wagner: Du wolltest der Stadt ein permanentes Kunstwerk schenken.

Meier: Ich empfand die Streifen als ausgesprochen schön - rosa Balken quer über einen Platz. Natürlich wusste ich, dass das eine Provokation ist, aber mir ging es nicht primär darum. Ich empfand meine Performances als ausgesprochen ästhetisch. Auch bei «Fünf Tage» musste ich natürlich damit rechnen, dass mich die Polizei mitnimmt und ins Burghölzi (Psychiatrische Klinik) steckt, aber es war nicht darauf angelegt. Ich habe andere politische Aktionen gemacht, die hundertprozentig provokativ waren und primär keine ästhetische Bedeutung hatten.
So habe ich am 11. Juni 1969 vor dem Obergericht eine Demonstration gegen die Klassenjustiz veranstaltet. Wir haben damals das Obergericht als erstes Bordell in Zürich mit der Starhure Justitia eingeweiht. Vierhundert Leute haben Farbeier auf das Gericht geworfen, danach sah es aus, als ob ein Riese sich darüber entleert hätte. Einige Leute wurden verhaftet. Als Anführer wollte ich unbedingt vor Gericht kommen, wollte die Bühne des Gerichts gegen diese Klassenjustiz nutzen. Die Ironie war dann, dass ich eben an dieser Klassenjustiz gescheitert bin, weil der politische Gegner schlauerweise nicht wollte, dass ich die Bühne bekam. Einige, die mit mir verhaftet wurden, hatten danach grösste Probleme wegen groben Unfugs und sind fast von der Universität geflogen. Ich wurde einmal mitgenommen und habe vor einem Untersuchungsrichter gesagt, dass ich nichts zu Protokoll geben werde und erst vor Gericht aussage - dazu kam es aber leider nie.
Dann haben wir mit Strassentheatern das ganze Bellevue blockiert oder ein ironisches Krippenspiel inszeniert. Die Hells Angels haben die Ausgänge beim Globus besetzt und eine Art Wagenburg gebildet. Mittendrin haben wir in wunderbaren Kleidern das Krippenspiel gespielt und es konnte niemand mehr rein und raus. Der damalige Polizeipräsident Hubatka sass mit Hundertschaften Polizei im Busch und wusste nicht, was er machen soll, denn auf uns einprügeln konnten sie wegen des Weihnachtspiels nicht. Das war ein Skandal, die Leute haben getobt und mussten durch die Notausgänge ins Freie gehen. Das waren gezielte Provokationen, die eben nur auf das eine aus waren. Meine ruhigen, stillen Arbeiten hingegen waren aus meiner Sicht aus anderen Gründen provokativ.

Wagner:
Gut, besten Dank für das Gespräch, dann schliessen wir hier ab.

Stefan Wagner (*1973), Kunsthistoriker, freier Kurator und Mitbetreiber des Corner Colleges in Zürich, befasst
sich mit ephemerer, im öffentlichen Raum ausgetragener Kunst.


Dieter Meier (*1945) lebt in Zürich und ist tätig u.a. als Musiker sowie als Autor von Beiträgen für zahlreiche Zeitschriften und Tageszeitungen.

1979 Gründung der elektronischen Pop-Musik-Band Yello zusammen mit Boris Blank
Seit 1997 Biologischer Landbau mit Rinder- und Schafzucht sowie Weinbau («Ojo de Agua») in Argentinien
2006 «Hermes Baby - Geschichten und Essays», Ammann-Verlag Zürich

Ausstellungen
2007 «El Monte Dorado», Die situationistische Internationale, Museum Tinguely Basel
2008 «Le Rien en Or», Manifestationen 30-42, Zürich und Hamburg
2009 «Faces and phrases», Jamileh Weber Gallery Zürich
2010 «En passant», Grieder Contemporary Gallery Berlin, bis 24.7. Mit zeitungshaftem Bildkatalog mit einem Gespräch zwischen Stefan Zweifel und Dieter Meier



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Ausgabe 5  2010
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Dieter Meier
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