Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
5.2010


 Im Rahmen des Festivals «Visions du Réel» ist der chinesische Künstler Wang Jianwei im Schloss Nyon mit einer Multimedia­installation zu Gast. In theoretisch fundierten Arbeiten thematisiert er die feine Grenze zwischen individueller und kollektiver Verantwortung.


Wang Jianwei - Schattenbilder unserer selbst


von: Marianne Brouwer

  
Symptom, Multimediainstallation, 2007


Wang Jianweis skulpturale Installationen muten an wie merkwürdig unförmige Gebilde aus Kunststoffschaum. Sie gleichen enormen Satzfragmenten, die bedrohlich in den Raum zu quellen scheinen. In seinen multimedialen Vorgehensweisen setzt sich der Künstler mit der Gegenwart Chinas auseinander: den Beziehungen zwischen Menschen, zwischen öffentlichem und privatem Raum, der Sprache und den Methoden der Macht. Und obwohl die frühen Videofilme Ereignisse dokumentieren, sind sie zugleich präzise Recherchen zur Rolle der Kunst, des Zuschauers und auch des Künstlers als Erzähler und Produzent.
Wang Jianweis (*1958, Provinz Sechuan) ist wahrscheinlich der theoretisch fundierteste Künstler Chinas, geprägt von Foucaults Begriff der Macht, Derridas Definition des Zwischenraums und Brechtscher Bühnentheorie. Sein immer schneller wachsendes monumentales Oeuvre liest sich wie eine epische Geschichte Chinas, aufs Engste verknüpft mit Fragen nach der Bedeutung des Kollektivs und der Verantwortung, eigenständig zu denken, zu sprechen und zu entscheiden. Seine Familie lebte in äusserst bescheidenen Verhältnissen. Wie Millionen andere wurde Wang während der Kulturellen Revolution als «Intellektueller» zur Umerziehung aufs Land geschickt, wo er zwei Jahre härteste Feldarbeit verrichtete. In seiner spärlichen Freizeit brachte er sich das Zeichnen bei.

Den Erinnerungen treu bleiben
Seine Chance, dieser Situation zu entrinnen, kam 1976: Die Volksarmee brauchte «Künstler». Er war 19 Jahre alt, als die Bauern ihn freigaben. Sechs Jahre arbeitete er als Kartograf im Feld, geistesvernichtendem Drill und absolutem Gehorsam unterworfen und ohne Kontakt zu seiner Familie. 1983 entschloss sich Wang, aus dem Militär auszusteigen. Er bewarb sich als Verwahrer der Malmaterialienabteilung beim Kunstinstitut von Chengdu. «Es war das erste Mal, dass ich eine eigene Wahl in Bezug auf mein Leben traf. Bis dahin wusste ich nicht einmal, was es heisst, eine Wahl zu haben. Als ich aus dem Militär kam, hatte ich keinerlei Erinnerung an eine individuelle Existenz. Das ist, kurz gesagt, meine Angst vor dem Kollektiv. Es gibt ein nationales Idealbild vom Kollektiv, aber meine Erinnerung ist geprägt von leiblichen Kollektiven, Ansammlungen von echten Körpern, aber ohne jede Individualität, ohne eigene Willenskraft. Ich hasste die Menge, jede Art von Macht, aber gleichzeitig frage ich mich noch heute, ob es Individualität wirklich gibt. Was heisst es also, dass ein Künstler seine Emotionen ausdrücken soll? Ich fand es das Wichtigste, Wahrheit aufzudecken, meinen Erinnerungen treu zu bleiben.»

Neben seiner Arbeit malte Wang. 1988 konnte er an der Zhejiang Akademie in Hangzhou endlich sein lang ersehntes Kunststudium absolvieren. Obwohl er selten von diesen Jahren spricht, sind seine Arbeiten bis heute zutiefst davon geprägt.

Chinesische Geschichte(n)
Die dramatische Oper ‹Paravent›, 2000, ist Wang Jianwei’s vielleicht eindringlichste Arbeit über gruppenpsychologische Phänomene und die subtilen Mechanismen von Mittäterschaft und Konsensstiftung. Die Oper basiert auf einem historischen Thema, wird aber von Wang in die heutige Zeit verlegt. Eine Gruppe von Würdenträgern wird an den Hof zitiert und findet sich in einem Warteraum wieder. Noch bevor sie wegen irgendeiner Missetat beschuldigt worden sind, werden sie, nur auf Grund von Gerüchten, derart von Angst und Panik erfasst, dass sie sich entschliessen, einen von ihnen als Sündenbock ans Messer zu liefern. In der beklemmenden Schlussszene hängen sie das auserwählte Opfer eigenhändig auf. Die Oper deckt auf, wie sich die Gruppe in Angst hineinsteigert, Pläne schmiedet, Tratsch verbreitet, auseinanderfällt und sich wieder zusammenschliesst, und wie diese Prozesse schliesslich zur kollektiven Mordbereitschaft führen. Die Zuschauer werden indessen bis zur Selbstidentifikation in das Geschehen hineingesogen, indem die anfängliche Fiktion stets realer, der Ablauf immer unentrinnbarer erscheint. Das Thema des Verrats wird von Wang in seinem Film ‹Spider 1›, 2004, nur mit einem musikalischen Soundtack unterlegt und mit lautlosem Dialog auf fast surreale Weise weiterverfolgt.
‹Symptom›, 2007, befasst sich ironisch mit dem neuen Materialismus Chinas und der uralten chinesischen Obsession, sich satt essen zu können. Wang Jianwei erhielt den Auftrag für ein Theaterstück von der Berliner Schaubühne. Statt eines Live-Bühnenstücks schuf er eine monumentale Videoperformance. Er baute in seinem Studio in Beijing eine Kopie der Berliner Bühne und installierte auf jedem Quadrant charakteristische Attribute aus vier Abschnitten der chinesischen Geschichte. Das Kaiserliche China stellte er Seite an Seite neben das China der Republik (1911–49), das des Kommunismus und das der heutigen Zeit. Er teilte die Schauspieler in vier Gruppen und gab ihnen nur einen Auftrag: Jeder sollte sich auf seinem Quadrant einen eigenen Platz suchen und dort in beliebiger Haltung zu essen beginnen oder doch so tun als ob. Auch diese Arbeit ist lautlos, wird nur von einem musikalischen Soundtrack untermalt. Sie wurde in Berlin auf eine vor die echte Bühne montierte raumfüllende Leinwand projiziert. Der Suggestion der Geschichte als Kontinuum menschlicher Bedürfnisse und dem entfremdeten «jeder für sich» wurde so die «voyeuristische» Neugierde des westlichen Publikums beigefügt. Zweideutig, rätselhaft, dramatisch, nicht selten surreal, gleichen Wang Jianwei’s Arbeiten Schattenbildern, in denen wir oft unbehaglich unsere eigene Gestalt erkennen können.

Marianne Brouwer (NL), Kunsthistorikerin, Kunstkritikerin und Kuratorin. Gekürzte Fassung eines längeren Textes.

Bis: 09.05.2010



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 5  2010
Institutionen Château de Nyon [Nyon/Schweiz]
Autor/in Marianne Brouwer
Künstler/in Wang Jianwei
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1005031100063AU-4
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.