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Fokus
5.2010


 Im Kunstbulletin 3/2010 proklamierte der Kurator Tirdad Zolghadr, dass das «Bauen von Brücken» nicht nötig sei, da es nur noch den einen internationalen Kunstdiskurs gebe. Hier folgt ein Widerspruch, der auf der Behauptung von regionalen Differenzen gerade angesichts der Globalisierung besteht.


Gegenrede - Nein, Herr Zolghadr!


von: Raimar Stange



Zolghadr stellt fest, dass «das Publikum eines professionellen Kunstortes selten etwas anderes als einen international verankerten Diskurs erwartet, ob in Teheran oder Taipeh», denn es spreche «eine relativ einheitliche professionelle Sprache». Dies beschreibt einen Grossteil des Kunstbetriebes, unterlässt jedoch dessen Problematisierung. Die Annahme von «überall ziemlich gut lesbaren Formen», die - anders als die Themen - nicht ortsspezifisch kontextualisiert sind, gilt es jedoch selbstkritisch zu hinterfragen. Etwa im Sinne Nicolas Bourriauds, der in seinem Buch «Radikant» fordert, gegen den «uniformierenden Strom der Globalisierung» eine neue Vorstellung von Identität zu setzen, die begründet ist in einem «radikanten» Verwurzeln, das selbstbewusst disparate nationale Eigenheiten behauptet.
Diese Identitäten sprechen ihre eigene «lokale» Sprache, ob sie ins Kunstsystem passt oder nicht. Auf diesem Auge ist Zolghadr blind: Seine Vorstellung des einen international gültigen Diskurses läuft parallel zu eben den durch die Globalisierung verschuldeten Gleichschaltungen, die als «Eurozentrismus» verurteilt werden. Denn eine Sprache der Kunst, die zwar inhaltlich ortsspezifische Momente aufgreift, formal aber den «internationalen» Standards entsprechen soll, gehorcht zwangsläufig einer eurozentristischen Denkweise. Sie tut dies, um anschlussfähig zu sein an die globale Maschinerie der Kunst und deren Vermarktung - genau deswegen diskutiert Zolghadr die Sprache der Kunst vor allem aus der Sicht des Publikums, also aus systemimmanenter Konsum- und nicht aus systemkritischer Produktionslogik.
Ist aber im Kunstbetrieb ein anderer Diskurs noch denkbar? Dieser findet tagtäglich statt, wird aber von «professionellen» Diskursführern als provinziell und vorgestrig abgetan. Ein gutes Beispiel hierfür ist die 1. Colombo-Biennale 2009 in Sri Lanka, die in erster Linie ortsansässige Künstler/innen vorstellte - die «internationale» Kunstwelt hat sie jedoch kaum zur Kenntnis genommen.

Raimar Stange (*1960, Hannover) ist «freier» Kritiker und Kurator in Berlin.



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Ausgabe 5  2010
Autor/in Raimar Stange
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