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Gastlabor
5.2010




Daros Art Education - Fragen und Antworten


  
Die Kinder beim Zuordnen von Fundstuecken und zufaellig ausgewaehlten Woertern - ein Spiel mit offenem Ausgang.Foto: Andrea Rist


Nicht jeder stellt Fragen, weil ihn die Antworten interessieren. Insbesondere wenn es weniger um Wissensvermittlung als um das Anstossen von Denkprozessen geht. Dies zeigt die Ausstellung des uruguayischen Konzeptkünstlers Luis Camnitzer bei Daros Latinamerica. Als persönlicher Beitrag zur Kunstvermittlung legt er ein Kartenset mit philosophischen Fragen für Kinder und Jugendliche vor. Damit setzt er eine Reihe attraktiver Publikationen fort, die von Regula Malin und Ursula Helg zu jeder Ausstellung bei Daros konzipiert werden. Mit intelligenten, fundierten Beiträgen führen diese Hefte über rein pädagogische Anliegen hinaus. So auch Camnitzers Kartenset. Doch wie reagiert eine quirlige Kindergartenrunde auf die anspruchsvollen Fragen?

Die Führung für die Vier- und Fünfjährigen beginnt auf vertrautem Terrain: auf dem Trottoir vor dem Museum. Die Winzlinge suchen den schmalen Kiesstreifen fieberhaft nach Dingen ab, die ihnen «bsundrig» erscheinen: Scherben, Korkzapfen, Papierchen, Schrauben etc. Doch Achtung! Die Gegenstände sollten nicht zu gross und möglichst unterschiedlich sein. Bald werden die Trouvaillen in den kleinen Händen verglichen, getauscht, verworfen und unter den wachsamen Augen der Kindergärtnerin Christine Meyer in eine Schachtel gelegt. Erst jetzt dürfen die Besucher/innen ins Fo­-yer, wo sie sich erwartungsvoll im Kreis setzen. Ein Mädchen holt Luft und erzählt vom Loch, das sich der Bruder in die Zunge gebissen hat. Doch die Kunstvermittlerin Anna Ninck möchte anderes ansprechen und schiebt die Schach-­tel mit den Fundstücken in die Mitte.

Ninck: Ist dies Abfall?
Die Kinder aus einem Munde: Jaaaah!
Ninck: Wieso?
Ein feines Stimmchen: Wils öpper furtgrüert het ... [Weil's jemand weggeworfen hat ...]
Ninck: Und jetzt, nachdem es in der Schachtel liegt, ist es immer noch Abfall?
Die Kinder zögerlich: ... nei.
Ninck: Wieso?
Ein Junge: Wil mirs wider ufgläse händ ...

Schon sind die Kleinen mitten im Thema der Ausstellung. Luis Camnitzer ist ein radikaler Befrager und Umdeuter. Er spielt in reduzierten Werken mit Begriffen und Zuordnungen, mit Sprache und Klischees, mit wechselnden Blickpunkten zwischen Objekt und Subjekt.
Nun schaut das Grüppchen konzentriert einem Mädchen zu, das mit einem Bleistift einen dicken Strich aufs Papier zeichnet. Und Ninck fragt nach: Wer hat nun den Strich gezogen? Du? Deine Hand? Der Bleistift?
Kaum öffnet sich nach diesem Einstieg die schwere Glastüre zu den Ausstellungsräumen, drängeln die Kinder, als gälte es Ostereier zu finden. Doch Ninck manövriert das Rudel routiniert als schlenkernder Tatzelwurm auf Zehenspitzen an Fragilem vorbei: zum Glaskasten mit dem auf einem steifen Faden balancierenden Bleistift; zu einem an einer Schnur hängenden Bleistift, der, bewegt durch den Luftzug eines Ventilators, eine geschwungene Linie an die Wand zeichnet - ein «Selbstporträt» des Künstlers. Selbstporträt? Was das ist, wissen die meisten. Und sofort legen sie los und zeichnen auf Blättern Augen, Münder mit Zähnen, abstehende Ohren, Stoppelhaare ...
Vor einer Wand mit kleinen Abfallstücken, denen Camnitzer Zettelchen mit einzelnen Wörtern zugeordnet hat, geht's anschliessend wieder ums Zuhören und Nachdenken. Diesmal fischt jeweils ein Kind ein Fundstück aus der Schachtel und legt es auf den Boden, während ein anderes dazu mit geschlossenen Augen ein Wort auf einem Zettelchen wählt. Doch was sollen diese Wörter, die gar nicht zu den Fundstücken passen?

Ninck: Wer sagt ein Wort?
Ein schneller Junge: Hus.
Ninck: Was heisst das in einer anderen Sprache?
Ein Mädchen mit braunen Zöpfchen: Casa.
Ninck: Und noch in einer anderen Sprache?
Ein wuschliger Blondschopf: Huis.
Die Kinder kichernd: Huis, huiiiiis ...

Meyer erklärt, das ist Holländisch, und Ninck erläutert, hier geht es um Wörter und Sätze. Man braucht Wörter, um sich zu verstehen. Aber man kann mit Begriffen auch spielen, eigene Sprachen erfinden.
Eine Stunde ist längst um. Mittlerweile sitzen und liegen die Kleinen am Boden, werden zu Landschaften, biegen ihr Knie, als wäre es ein Berg, auf dem sie Tiere, Häuser, Figürchen platzieren, oder lassen auf dem gestreckten Bein Autos fahren. Dass sie gerne ins Museum gehen und wiederkommen werden, glaubt man der Kindergärtnerin aufs Wort.
Anders als Projekte, bei denen Künstler zu ihrer Ausstellung ein Objekt für die Kinder hinter­lassen - so bei «KunstStück, Kunst für Kinder» des Bonner Kunstvereins, das mit dem Preis für innovative Kunstvermittlung ADKV ausgezeichnet wurde - richten sich Camnitzers Fragekärtchen in erster Linie an die Vermittelnden. Anna Ninck verweist auf die Frage: «Wann verwandeln sich Dinge in Abfall?», «¿Cuando se convierten las cosas en basura?» Für ältere Jugendliche würde sie andere wählen wie: «Warum gibt es so wenige Sternbilder, wenn es doch so viele Sterne gibt?» Ihr gefällt, dass der Künstler keine Bilder, Klischees vorgibt. Diese Offenheit ist ebenso inspirierend wie anspruchsvoll. Gilt es doch, die Fragen auf sinnliche Weise rüberzubringen und gleichzeitig ein atmosphärisches Umfeld zu schaffen, das dem Nachdenken Raum verleiht. Gelingt dies, so wird - wie an diesem Morgen - philo­sophisches Denken für alle Altersstufen fruchtbar.


Programm der Daros Art Education: Kindernachmittag, 5.6.; Familienführungen, 16.5. und 13.6.; Werk-Sonntag für Gross und Klein, 13.6. Workshops mit Luis Camnitzer, 10. und 11.6. (für Klassen) und 12.6. (für Lehrer/innen, Kunstvermittler/innen). Führungen für Schulklassen und Workshops für Studierende nach Absprache, Eintritt frei. Luis Camnitzer, Kartenset, e/d/sp, Gestaltung Raffinerie AG, CHF 20.-.



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Ausgabe 5  2010
Institutionen Hubertus Exhibitions [Zürich/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
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