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Besprechung
5.2010


Claudia Jolles :  Was tun, wenn sich die Welt vor dem eigenen Fenster nie ändert, weil das Wegfahren, Reisen nicht möglich ist? Ilya Kabakov weiss Rat: «Fliegt auf dem Küchentaburett!» Wie weit diese Geistesflüge reichen, zeigt die gross angelegte Präsentation seiner Kinderbuchillustrationen im Kunsthaus Zug.


Zug : Ilya Kabakov, «Orbis pictus»


  
Irina Michailowna Piwowarowa · Ich will fliegen, Moskau: Maluish, 1983


Die aktuelle Ausstellung bietet ungewohnte Kost: Kinderbuchillustrationen, die Ilya Kabakov (*1933) in sowjetischer Zeit als Auftragskünstler gezeichnet hat. Das Spektrum ist gewaltig: Von fast bieder umrankten Kinderversen bis zu höchst beschwingten malerischen Kompositionen, in denen Hexen, Sturmböen oder Karavellen über grossformatige Blätter fegen, reicht die Palette. Mal erinnern die Zeichnungen an Holzschnitte, mal an mittelalterliche Buchminiaturen, mal an Baupläne auf kariertem Papier. Und immer sind die detailreichen Szenen sorgfältig auf die Weissräume für die Textfelder abgestimmt. Oft schaffen Rahmen mehrere Erzähl­ebenen, evozieren kühne Fragmentierungen abrupte Handlungsbrüche oder entwickeln sich zeichnerische Wirbel, die von Wolken zu zerzausten Figuren, Gräsern und Ornamenten bis über den Blattrand hinaus führen.
Der Ausstellungstitel «Orbis pictus» verweist auf Comenius' Bilderlexikon für Kinder aus dem 17.Jh., der Untertitel «Der Kinderbuchillustrator als eine soziale Figur» auf die sowjetische Lebensrealität. Kabakov ist ein Meister des Andeutens und Verschleierns. Die Welt der sowjetischen Jugend, auf die wir hier treffen, ist längst nicht mehr revolutionär. Vielmehr schlägt uns zuweilen eine behördlich verordnete «moderate Fröhlichkeit und moderate Langeweile» (so Kabakov) entgegen. Umso überraschender, wie er in diesen rund hundert Publikationen dennoch immer wieder künstlerische Anarchie aufblitzen lässt: Indem er beispielsweise ideologische Attribute in die Ränder verbannt, Gewichtungen verschiebt oder über Märchenfiguren Fluchtwege aus dem Alltag aufzeigt. Und wenn er Peter Pan mit den zuvor noch brav in ihren Betten liegenden Kindern durch die Luft fliegen lässt, formuliert er erstmals den Traum von grenzenloser Freiheit, den er später im Album «Der fliegende Komarov» oder in der Installation «Der Mann, der in den Kosmos flog» erneut aufgreift.
Nachdem Kabakov 1987 überraschend ein Ausreisevisum erhalten hat, übertrug er die Kolorierung eines letzten Buches an den befreundeten Pavel Pepperstein. Damit schloss er seine Karriere als einer der beliebtesten Kinderbuchillustratoren Russlands ab und startete zusammen mit seiner Frau Emilia eine neue Laufbahn als global tätiger Installationskünstler. Trotz diesen fundamentalen Änderungen ist seine visuelle Sprache - wie uns die Ausstellung eindrücklich vor Augen führt - bis heute durch seine frühen Geistesreisen auf dem Küchenschemel geprägt.

Bis: 20.06.2010



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Ausgabe 5  2010
Institutionen Kunsthaus Zug [Zug/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Ilya Kabakov
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