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Besprechung
5.2010


Daniel Morgenthaler :  Die Genferin Delphine Reist mobilisiert Mobiliar in der Zürcher Galerie Lange + Pult: Bürostühle drehen sich, Jalousien öffnen und schliessen sich und Neonröhren zersplittern am Boden. Dafür liegen Megafone, mit denen früher vielleicht einmal Massen bewegt wurden, nur noch verstummt am Boden.


Zürich : Delphine Reist


  
links: Delphine Reist · Manifestation, 2009, Megaphone, Kabel, variable Dimensionen
rechts: Delphine Reist · Etabli, 2009, Kommode, Bohrmaschinen, 111 x 86 x 87 cm


Der zeitgenössischen Kunst geht zurzeit vielerorts der Laden runter: Metall-Jalousien haben jedenfalls Hochkonjunktur. Während Haegue Yang im koreanischen Pavillon der letztjährigen Biennale Venedig oder Martin Soto Climent in der aktuellen Schau im migros museum die Jalousien poetisch verzogen und kunstvoll arrangiert einsetzen, hängt sie Delphine Reist herkömmlich an die Wand. Dafür sorgen in ihrer Ausstellung bei Lange + Pult unsichtbare Motörchen dafür, dass sich die Lamellen unversehens anders ausrichten und in immer wieder neuen Silbernuancen erscheinen. Wie bei Soto Climent und Yang genügen sich die Storen in dieser schlichten Choreographie selbst - das zu verdunkelnde Fenster fehlt, die ursprüngliche Funktion ist nicht mehr relevant. Vielleicht löst ja die Jalousie das in der Malereigeschichte tradierte Motiv des Fensters ab, weil sie sich als zeitgemässe, mehrdeutigere Metapher erweist? Immerhin pendeln wir heute zwischen Seelenstrip im Web und nationaler Einbunkerung; die Jalousie kann je nach Lamellenstand mal als entwaffnend transparente, mal als blickdichte Chiffre gleich für beide Extreme gelten.
Die 1970 geborene Reist ersetzt auch noch anderes: Statt der traditionellen Kerze flackern in einem Video von 2008 Neonröhren in einem bunkerähnlichen Raum. Auch bewegen sie sich scheinbar selbsttätig und fallen aus ihren Fassungen. Und wie andere Trockenblumen in Steckklötzen anordnen, hat Reist für die Arbeit «Etabli», 2009, mehrere farblich schön assortierte Elektrobohrer in ein Kommödchen eingedrillt und so die Antiquität brachial durchlöchert. Der Do-it-yourself-Gedanke wird hier - das ist nur konsequent - bis zur völligen Heimanarchie weitergedacht, sehr zum Schaden von Grossmutters Kästlein.
In der installativen Arbeit «Manifestation», 2009, liegen Megafone in aufgerollten Kabeln am Boden, stellvertretend für die lauten Vorsprecher, die mit ihnen einst zu politischen Manifestationen aufgerufen haben. Obwohl zweifelsohne klassische Readymades à la Duchamp, sind die Lautsprecher weniger im wörtlichen Sinne «bereit gemacht» für weitere Unruhe. Vielmehr scheinen sie mit dem heiligen und vereinheitlichenden Ernst eines Zivildienstlageristen nur noch für die Abstellkammer der Geschichte vorbereitet worden zu sein; dass die Kabel immerhin noch verschiedene Farben haben, ist nur ein schwacher Trost.

Bis: 15.05.2010



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Ausgabe 5  2010
Institutionen Galerie Lange + Pult [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
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