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Fokus
6.2010


 Am Anfang steht ein Mythos, die Göttin. Am Ende organisches Material: das, was vom Menschen bleibt - Staub, Haare, Haut. Zwischen diesen Bereichen bewegt sich die Kunst von Gabriel Orozco: zwischen der Auseinandersetzung mit hehren kulturellen Identitäten alter und neuer Welten einerseits und der Repräsentation schlichter Restbestände des Menschlich-Alltäglichen andererseits. All dies thematisiert der in Mexiko geborene, zwischen New York, Mexiko-City und Paris pendelnde Konzeptkünstler mal mit kunst- und kulturkritischer Ernsthaftigkeit, mal mit sehr viel Humor. Das Kunstmuseum in Basel widmet Orozco nun eine grosse Mid-Career-Retrospektive.


Gabriel Orozco - Zwischen Mythos und Material


von: Susanne Schmetkamp

  
links: My Hands Are My Heart, 1991, C-Print, 23,2 x 31,8 cm, Courtesy Marian Goodman Gallery, New York; Objekt aus gebranntem Ton, 15,2 x 10,2 x 15,2 cm. Foto: D. James Dee
rechts: Kytes Tree, 2005, Acryl auf Leinwand, 200 x 200 cm, Courtesy The Museum of Modern Art, New York


Die Göttin, das ist «La Déesse», wie sie von ihren Liebhabern genannt wird: Citroën DS, das Kultauto aus dem Jahr 1960. Orozco ist 1993 hingegangen und hat die Göttin zerschnitten, mittendurch: die Mitte herausgenommen und die beiden Aussenteile wieder zusammengesetzt. Herausgekommen ist eine verschlankte Version des hinreissenden Modells, das nun entfremdet, aber nicht weniger schön erscheint. Die Skulptur «Modified Citroën DS» gehört zu den bekanntesten Arbeiten des Künstlers und bildet den Auftakt der Ausstellung in Basel. Sie kann dabei stellvertretend für viele Aussagen Orozcos und somit thematisch als Einführung in sein Œuvre betrachtet werden. Da könnten wir zum Beispiel die existenzialistische Frage stellen: Was bleibt, wenn wir den Kern einer Sache entfernen? Dann die Frage nach der Aufgabe von Kunst: Wie können wir Sehgewohnheiten irritieren, die Blickrichtung ändern und den Dingen so neue Bedeutungen verleihen? Schliesslich die soziokulturelle Frage: Wie lässt sich die Notwendigkeit auf den Punkt bringen, mit überkommenen Werten und Ikonen zu brechen? Freilich hat Orozco durch diesen Knaller in gewisser Weise ein Eigentor geschossen: Die zerschnittene Göttin ist selbst längst zur Ikone geworden.

Künstler der Nomaden-Generation
Gabriel Orozco wird 1962 in Jalapa im mexikanischen Bundesstaat Veracruz geboren. Durch seinen Vater, Wandbildmaler, Kunstprofessor, Kommunist, und seine Mutter, Pianistin, wächst Orozco in einem Umfeld auf, das ihn von klein an auf Kunst polt. Anfang der Achtzigerjahre studiert er an der Kunsthochschule in Mexiko-Stadt, später geht er nach Madrid. Es ist diese Mischung aus einem intellektuellen, linken Hintergrund, einem Kunststudium in den Achtzigern und schliesslich der mexikanischen Kultur und Natur, die seine Werke später prägen wird. Wobei sich aus dem Blick der dann progressiver und sozialkritischer ausgerichteten Neunzigerjahre die späteren Werke als eine Art Rück- oder Neubesinnung auf die Ursprünge von Kunst einerseits und (mexikanischer) Kultur andererseits verstehen lassen.
Orozcos Werk ist sehr umfangreich, es gibt fast nichts, was er nicht thematisiert und umgesetzt hätte. Kurator Bernhard Mendes Bürgi setzt der Heterogenität eine fein ausgesuchte, sich auf ausdrucksstarke Einzelstücke konzentrierende Ausstellung entgegen. Dabei fallen immer wieder - egal ob skulpturale Installation, Fotografie, Zeichnung, Gemälde - das einerseits elliptische, andererseits experimentelle Arbeiten Orozcos und sein Gespür für Material auf.
Der Konzeptkünstler gehört zur «post-studio-» oder Nomaden-Generation, die sich einer Atelierexistenz enthielten und stattdessen in kleinen Apartments und auf ihren Wegen irgendwo dazwischen - zwischen Städten, Heimaten, Räumen - Dinge auffanden und aus ihnen Kunst machten. Diese Arbeits- und Sichtweise kulminiert in Orozcos «Working Tables», von denen sich inzwischen drei in Museumssammlungen finden. Ein solcher Arbeitstisch bildet auch das Zentrum der Ausstellung: Allerlei ist darauf verteilt, Naturgegenstände, Skelettteile, in Plastilin eingefasste Apfelsinen, Skizzen, Kitschprodukte wie Plastikspiegeleier - gesammeltes Vorgefundenes, man merkt, welcher Kunsttradition er sich verpflichtet fühlt.
Vor allem aber ist es Bewegung, immer wieder Bewegung, die seine Werke kennzeichnet: zum Beispiel den «Elevator», eine Liftkabine, deren Decke tiefer gehängt wurde (auf seine Körpergrösse ausgerichtet). Durch den Eingriff in die funktionale Form kommt es nicht nur zu einer Veränderung, sondern auch zu einer Verdichtung: Der zweckentfremdete Lift steht für eine Dialektik zwischen Beschleunigung und Stillstand und greift den Betrachter - tritt er hinein - auf einer körperlichen Ebene an. Durch die niedrige Decke und die nahezu unerträgliche Bewegungslosigkeit, wie man sie mit dauernd defekten Liften in sozial schwachen Hochhaussiedlungen verbindet, wird das Klaustrophobische eines solchen Orts verstärkt.

Bewegung und Verdichtung
Dass Bewegung ihm ein Thema ist, ist ebenfalls seiner «post-studio»-Prägung geschuldet. Was heute auf viele Menschen zutrifft, nämlich permanent in Bewegung und an verschiedenen Orten zu sein, war in den Neunzigerjahren vor allem Kennzeichen von Künstlern, die mit den Traditionen Atelier, Museum und Galerie zu brechen versuchten. So entzieht sich Orozco im Herbst 1993 im Rahmen der «Projects» im Museum of Modern Art in New York beispielsweise dem White Cube, indem er seine Kunst zum einen in den Zwischenräumen zeigt - etwa in den Durchgängen zwischen Rolltreppe und Aufzügen -, zum anderen ausserhalb des musealen Raumes installiert: Eine Hängematte wird unter dem Titel «A Hammock Hanging Between Two Skyscrapers» im Abby Aldrich Rockefeller Sculpture Garden platziert (hier lassen sich Verbindungen zu Assemblagen von Robert Rauschenberg in den Fünfzigerjahren herstellen), und in den Fenstern der Bürogebäude gegenüber des Museums positioniert Orozco Orangen («Home Run»).
Charmant ist die Fotoarbeit «Until you find another yellow Schwalbe», die leider in Basel nicht gezeigt wird, jedoch in dem sehr lesenswerten Katalog zu sehen ist: Während eines Stipendium-Aufenthalts in Berlin 1997 saust der Künstler auf einer gelben «Schwalbe», einem Motorroller, durch die Stadt und sucht nach anderen gelben «Schwalben». Findet er eine, stellt er seine daneben und fotografiert sie. Überhaupt haben seine Fotos und deren Titel eine spontane Lässigkeit: «A Common Dream», 1996, etwa - in Basel zu sehen - zeigt eine Anzahl von Schafen, die die Köpfe zusammenstecken wie eine Sportmannschaft vor ihrem wichtigen Spiel. Tatsächlich handelt es sich um ein eigentümliches Verhalten von Schafen in Indien, bei dem die älteren Schafe einen Kreis um die jüngeren bilden, um ihnen Schatten zu spenden.

Spuren des sich verändernden Lebens
Es sind nicht zuletzt auch Spuren von Leben, Kultur und Natur, welche die Exponate ausmachen: Vor allem die jüngeren Arbeiten wie die Skulpturengruppe «Spumes» kennzeichnet eine Vergegenwärtigung des Organischen, des sich verändernden Lebens - die Objekte aus quellfähigem Polyurethanschaum sehen aus wie archaische Wesen aus längst vergangenen Zeiten oder auch wie Utopieentwürfe: Vergangenheit und Zukunft, Wurzeln und Auswüchse des Lebens werden hier repräsentiert. Zum Teil sind diese und andere neuere Werke aber etwas überladen, zu gewichtig ist ihr Duktus. Es wirkt, als sei dem Künstler die viele Bewegung und Pendelei über den Kopf gewachsen, und nun müsse er sich kontemplativ auf sich selbst und die Anfänge des Gestalterischen überhaupt zurückbesinnen. Hier sind auch die neueren, geometrischen Gemälde, 2006, einzuordnen, die nun doch ein Atelier bräuchten. Orozco entwirft die Diagramme am Computer und lässt sie in Ateliers in Paris und Mexiko-Stadt umsetzen.
Spannend wird es dann vor allem wieder am Ende der Ausstellung mit der grossflächigen Installation «Lintels»: Es sind grosse Lappen aus Trocknerflusen. Sie sehen aus wie völlig verschmutzte Stofffetzen, aufgehängt auf Wäscheleinen, vereinzelt und einsam, so als hätte man sie da vor Jahrhunderten vergessen. Mit ihrem Staub, den Haaren und Hautpartikeln stehen sie für den Rest, wie es Hartmut Bitomsky in seinem Film «Staub» ausgedrückt hat, den Rest, der bleibt und den man nie aufholen kann. Sie bilden so einen gelungenen Abschluss der Schau.

Susanne Schmetkamp arbeitet am Philosophischen Seminar der Uni Basel und daneben als freie Kultur-
journalistin. Sie lebt in Zürich.



Bis: 08.08.2010


Ausstellung in Kooperation mit Museum of Modern Art, New York, MNAM - Centre Georges Pompidou, Paris, und Tate Modern, London. "Gabriel Orozco", Hrsg. Kunstmuseum Basel, Katalogredaktion Bernhard Mendes Buergi und Andreas Mattle, 256 S., zahlreiche Farb- und Schwarz-Weiss-Abbildungen, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2010



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Ausgabe 6  2010
Ausstellungen Gabriel Orozco [18.04.10-08.08.10]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Hauptbau/Neubau [Basel/Schweiz]
Autor/in Susanne Schmetkamp
Künstler/in Gabriel Orozco
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