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Fokus
6.2010


 Das Kunstmuseum Thun zeigt unter dem Titel «Zwischen den Welten» so betörend schöne wie überraschende Bildwelten von Susan Hefuna, Bharti Kher und Fred Tomaselli. Mit ungewöhnlichen Materialien, im Rückgriff auf (kunst)handwerkliche Techniken sowie kulturelle und religiöse Traditionen, zielen sie auf Grenzen und Entgrenzung der Wahrnehmung.


Susan Hefuna, Bharti Kher und Fred Tomaselli - Erweiterte Wahrnehmung


von: Eveline Suter

  
links: Fred Tomaselli . Pollinator, 2006, Fotocollage, Acryl, Gouache und Harz auf Holz, 30,5 x 30,5 cm, Courtesy James Cohan Gallery, New York, und Jay Jopling/White Cube, London
rechts: Susan Hefuna . Patience is Beauty Full, 2009, Holz, Tinte, 160 x 239.5 cm. Foto: Dominique Uldry


«Gib mir deine Augen» fordert gleich zu Beginn eine Textilarbeit von Susan Hefuna, und der Sternenhimmel von Fred Tomaselli blickt einen an. Was wie Sternkonstellationen aussieht, sind jedoch Fotogramme von Tabletten. Bei genauerer Betrachtung werden Teilungsrillen und Beschriftungen sichtbar. Die Augen, die Wahrnehmung, ihre individuellen und kulturellen Prägungen und Einschränkungen sind in den Werken von allen drei Künstler/innen in Thun präsent.
Vieles in dieser Ausstellung ist nicht, was es auf den ersten Blick scheint. Das liegt auch an den überraschenden Werkstoffen. Ob sie damit Skulpturen überzieht oder abstrakte Kompositionen schafft, die an Werke der Op-Art erinnern, Barthi Khers (*1969, London, lebt in Dehli) wichtigstes «Malmaterial» sind Bindis. Das sind jene Punkte, die ursprünglich nur verheiratete indische Frauen zwischen den Augenbrauen trugen, heute aber als aufklebbarer Modeschmuck in allen möglichen Formen und Farben erhältlich sind. Zudem bezeichnet das Bindi den Ort des dritten Auges.
Ihr Baum «Solarum Series I» scheint zartrosa Früchte oder Blüten zu tragen, welche sich von Nahem als Tierfratzen entpuppen, die an Bestiarien, Fabelwesen und die Verzierungen mittelalterlicher Kirchen erinnern. Sie knüpft damit an verschiedene Überlieferungen an, evoziert den aus chinesischen oder persischen Mythen bekannten Waqwaq-Lebensbaum ebenso wie die Legende, gemäss welcher ein sprechender Baum Alexander den Grossen vor dem Misserfolg seines Indienfeldzugs warnte.

Zwischen Fenstergittern und Fasnachtsschnitzerei
Mehrere Arbeiten von Susan Hefuna (*1962, lebt in Kairo, Düsseldorf und New York) gehen von Mashrabiyas aus. Diese hölzernen Gitter, die in der traditionellen arabischen Architektur als Fenster dienen, schützen insbesondere die Frauen vor neugierigen Blicken, erlauben ihnen aber auch, solche nach aussen zu werfen. Hefuna lässt die Holzgitter, in die sie auch Worte einfügt, von ägyptischen Handwerkern drechseln. Der präzise Umgang mit dem Material und die Liebe zum Handwerk fallen auch bei den beiden anderen beteiligten Kunstschaffenden auf. Sie gehen Hand in Hand mit Bezügen zum Kunsthandwerk, zur Volkskunst, zum Brauchtum und zu religiösen Bildwelten und Traditionen, sei es in Darstellungsformen wie dem Ornament, dem Mandala, repetitiven, zyklischen Strukturen oder thematischen Bezügen zu Legenden und Mythen. Ob bei Lebensmitteln oder in der Kunst, die Sehnsucht nach Authentizität und dem Ursprünglichen im industrialisierten Alltag führt seit einigen Jahren in allen Lebensbereichen zur Besinnung auf das Lokale in der globalisierten Welt.
Susan Hefuna kombiniert den Abdruck ihres Gesichts mit Elementen der schwäbisch-alemannischen Fasnacht wie Schellen, Schuppenmuster oder Hahnenkamm zu traditionell geschnitzten Masken. Und vor ihren Zeichnungen zeigt sich die Bedingtheit kultureller Wahrnehmung: Während westliche Augen in den Gitterstrukturen Wolkenkratzer oder städtische Elemente ausmachen, steht für östliche die Verwandtschaft mit den traditionellen Fenstergittern im Vordergrund. Die Sensibilität für Fragen der Identität und das Dazwischen bringen die Künstler/innen auch durch ihre multikulturelle Herkunft mit. Sie interessieren sich für das Hybride, die Mischung der Kulturen, der Techniken und Materialien ebenso wie für jene Motive, die sich in verschiedenen Kulturen und Zeiten in analoger Art und Weise manifestieren.

Besinnung auf die Natur
Aber auch die Besinnung auf die Natur ist Thema der Präsentation. Susan Hefunas Zeichnungen gehen von Strukturen wie der DNA oder Molekülen aus, während Bharti Kher mit der 1:1-Darstellung eines Blauwalherzens, des grössten Herzens der Welt, auf die Verletzlichkeit der Natur verweist. Gleichzeitig steht formal das Elementare im Vordergrund: Einfache Grundformen der Zeichnung, Punkte - als Bindi, Tabletten oder gemalt - und Linien dominieren. So klebt Kher aus Bindis blaugrüne Wasserwelten, in denen sich die Sonnenstrahlen sternartig reflektieren, oder zebraartige Streifenmuster, die den Verlauf von Kraftströmen zu visualisieren scheinen.
Auch Fred Tomasellis (*1956, Santa Monica/Kalifornien, lebt in New York) Arbeiten verführen durch bunte Schönheit. Die unter Harz konservierten Collagen aus Blättern, Pillen sowie Abbildungen von Blumen, Augen, Nasen, Vögeln, Spinnen und anderem Getier sind äusserst dekorativ, beinahe kitschig. Lässt man sich jedoch auf diese Bilder ein, erschliesst sich in der bunten Oberfläche eine überraschende Vielschichtigkeit, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Der Künstler nutzt den geschichteten Auftrag des Harzes, um den Arbeiten Tiefe zu verleihen. Gleichzeitig ebnet die glatte Oberfläche die Objekte ein.
Für seine Collagen-Gemälde verwendet er nebst Abbildungen aus Büchern und Heften rezeptpflichtige Tabletten und Kapseln sowie Blätter von halluzinogenen Pflanzen, aber auch von Rosenstauden oder Feigenbäumen, alles aus dem eigenen Garten. Dabei greift er nicht zufällig auf psychoaktive Substanzen zurück. An der Pressekonferenz verweist er auf das metaphorische Verhältnis von Kunstwelt und Drogen-Subkultur, auf gemeinsame Begriffe wie Bewusstseinsveränderung, Verführung und das Erhabene. Sein Thema ist jedoch nicht die Droge selbst, sondern vielmehr individuelle Bewussteinserweiterung. Anstatt über die Blutbahn sollen die Substanzen über die Netzhaut ins Hirn gelangen, auf diesem Weg berauschen und neue Wahrnehmung ermöglichen - Kunstbetrachtung als Rausch also.

Eveline Suter, Kunsthistorikerin, Kunstkritikerin und Kuratorin

Bis: 27.06.2010



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Ausgabe 6  2010
Ausstellungen Susan Hefuna, Bharti Kher, Norbert Möslang, Markus Steiner, Fred Tomaselli [01.05.10-27.06.10]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Eveline Suter
Künstler/in Fred Tomaselli
Künstler/in Susan Hefuna
Künstler/in Bharti Kher
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