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Fokus
6.2010


 Räume lassen sich besetzen, sei es physisch oder mental, bildlich, sprachlich oder akustisch. Sie bekommen damit klare(re) Grenzen, werden zu Territorien. Doch wie sind die Zwischenbereiche beschaffen, an denen sich eine Zone von der anderen scheidet? Über welche Bilder und Vorstellungen verfügen wir, wenn es um diese diffusen, transitorischen Areale geht? Sonja Feldmeier entwickelt seit mehreren Jahren Arbeiten, welche diese Fragen aufgreifen und so am Schorf unserer bildlastigen Kultur kratzen.


Sonja Feldmeier - Übergänge und Verdichtungen von Bildern und Geschehnissen


von: Irene Müller

  
links: Moonruccker, Green Blackbox, 2010, Ausstellungsansicht, Kunstraum Baden. Foto: Donata Ettlin
rechts: Neverending, 2006, Videoinstallation, 62', looped. Foto: Donata Ettlin


Es ist ein wahres Prachtstück, das verchromte Moped, dem aus Rahmen, Gabel und Rädern Hirschgeweihe wachsen, die wie ein Schweif hinter ihm her ziehen. Die kokett applizierten Glitzersteine rufen Erinnerungen wach an Zeiten, in denen der «gute Geschmack» noch nicht identitätsstiftend war, sondern vielmehr die dezidierte Attacke dagegen. Allerdings ist der Glanz auch trügerisch, birgt Gefahren in sich, wie die bandagierten Jagdtrophäen hintersinnig beweisen. In «Moonrucker», 2010, formuliert Feldmeier ein bewusst ambivalentes Kondensat aus verschiedenen Bildwelten, verschränkt Metaphern pubertärer Sehnsüchte und bürgerliche Klischees miteinander. Und legt damit präzise eine der zentralen Schwellensituationen frei, in denen man nicht mehr Kind ist, aber noch nicht erwachsen, nicht mehr «unschuldig», aber der Verantwortung noch nicht ganz bewusst. Moped und Geweihe markieren Anfangs- und Endpunkt eines unsicheren Zwischenzustands, in dem sich soziale, gesellschaftliche Terrains zu formen beginnen, sie sind Symbole oder Insignien seiner Ein- und Austrittsmomente.

I did it my way
Doch nicht nur die Zeit der Jugend kennt ihre «rites de passages». So widmet die Künstlerin mit «Toteninseln», 2010, und «Saint Over», 2009, auch dem Ende des Lebenszyklus zwei Arbeiten, die den Übergang vom Diesseits ins Jenseits auf der Ebene kultureller Codes befragen. Die fünf von unbekannten Maler/innen erstellten Kopien nach Arnold Böcklins Gemälde «Die Toteninsel» (kom-)memorieren die Topoi von Höhle und Insel als Orte des Übertritts in eine andere Sphäre. Gleichzeitig schreibt sich Feldmeier durch ihre eigene Geste des Ausstellens in den Prozess der Wieder-Holung ein und verlagert ihn zugleich auf eine konzeptuelle Ebene. Mit der in ein Auto integrierten Audioinstallation wiederum umreisst sie eine durch und durch zeitgenössische Auslegung des Vanitas-Gedankens. Eine geröllähnliche Struktur okkupiert den Innenraum des Wagens, als hätte dieser all die Landschaften, durch die er im Laufe seines Lebens gebraust ist, in sich aufgesogen - als wären es die eigenen, abgelagerten «materiellen Erinnerungen». Einzig die Tonspur liefert eine Reminiszenz an Bewegung und Zeit, an den Soundmix aus Bassklängen aus dem Radio und dem Geräusch von Wind, der über die durchmessene Landschaft streift. Das Nummernschild macht es dann deutlich: «ST OVER» - die Fahrt ist zu Ende.
Feldmeier trickst die Betrachter/innen konsequent durch verschachtelte Kon­struktionen von realen und imaginären Bildwelten aus, unterwandert systematisch das Bedürfnis nach festem Grund und eindeutigen Zuordnungen. Distanzen und Dimensionen verschieben sich, sobald man sich in ein Geschehen «eingesehen» hat, und zwingen uns, den von der Künstlerin initiierten Standortwechsel mitzumachen.
In ihrer jüngsten, für die Ausstellung im Kunstraum Baden entstandenen Arbeit «from nowhere to somewhere», 2010, fasst die Künstlerin das vielschichtige Interaktionsgeflecht von öffentlichen und privaten Arealen ins Auge: Menschen, die auf Bänken, in U-Bahnen, an Bushaltestellen schlafen oder einfach nur in sich selbst versunken sind, sowie ein Verkehrspolizist in vollem Einsatz.
Eingebettet in ein installatives Display - weisse, übereinandergeschichtete Quader, auf und zwischen denen die Monitore und Projektionen positioniert sind - führen die Videos entgegengesetzte Verhaltensformen im öffentlichen Raum vor: regungsloses Ausgeliefertsein und gestenreiches Strassenballett, unmittelbarste Intimität und Öffentlichkeit. Das Private ist aufs Äusserste zurückgebunden, auf ein minimales Territorium inmitten des von sozialen und kulturellen Handlungen durchdrungenen Grossstadttrubels reduziert. Verknüpft werden diese Wahrnehmungsfragmente durch die nuancenreiche Tonspur, die in Kooperation mit dem Musiker Vojislav Anicic entstand. Der für jedes Video individuell komponierte Sound, der auf dem Originalton und extrahierten Samples beruht, verleiht dem weit verzweigten Setting einen gemeinsamen Puls und verflicht die vereinzelten Sequenzen zu einem losen Gewebe.

Entlang visueller Membrane
Es sind vor allem die gross angelegten Installationen, in denen Feldmeier ineinander übergehende mediale Räume entwickelt. Die Betrachter/innen werden darin in Situationen eingebunden, deren Sogwirkung unter anderem aus den ineinander verschränkten Bildräumen resultiert. So treffen sie in «Neverending», 2006, auf eine nachgebaute Liftkabine, deren Türen im regelmässigen Rhythmus der Stockwerke Einblick in verschiedene Lebensbereiche bieten. Die Täuschung ist perfekt, gehören doch Kabinenwände und -decke einer anderen visuellen Realität an als die Türen und das dahinter liegende Geschehen. Feldmeier inszeniert hier das wiederkehrende Ritual des Übertritts, das mit dem hellen Pling der Liftglocke zwar angekündigt, letztlich jedoch meist nur in der Fantasie der Betrachter/innen vollzogen wird.
Eine ähnliche Werkkonzeption kennzeichnet auch die Videoinstallation «In Your Room», 2007, in der die Künstlerin die spannungsgeladene Dramaturgie von verschachtelten Innen- und Aussenwelten einen kurzen Augenblick lang auflöst. Das installative Dispositiv - eine waldähnliche Struktur aus rostigen Baustützen - zeichnet im Bereich vor der grossformatigen Projektion einen Halbkreis, der sich im Video als «Bildhintergrund» fortsetzt. Dieses zeigt eine Trommlerin, deren Burka nicht nur Körper und Gesicht, sondern auch das Schlagzeug verdeckt. Während die Kamera langsam von den Augen wegzoomt, beginnt sie zu spielen; zuerst noch verhalten, doch je mehr ihre Figur und der wirbelnde, von den Armbewegungen hochgepeitschte Stoff sichtbar werden, umso fulminanter gestaltet sich ihr Solo. Kurz vor Ende des Loops dreht sich die Kamera in Richtung der Betrachter/innen. In diesem kurzen Moment werden Real- und Bildraum, Publikum und Bildfigur miteinander kurzgeschlossen. Für Sekundenbruchteile, die exakt zwischen Kameraschwenk und Nahaufnahme liegen, durchdringen beide die Membran und tauchen in die Welt des Gegenübers ein.
Sonja Feldmeier liefert keine Rezepte während ihrer Suche nach den kaum benennbaren Übergangszonen, nach den Reibungsflächen unterschiedlicher visueller Realitäten. Vielmehr ist es ihr erklärtes Ziel, mit ihren Arbeiten in den Köpfen der Betrachter/innen eine Verdichtung von Bildern, Räumen und Geschehnissen in Gang zu setzen und so herkömmliche Gefüge und Vorstellungen auszuhebeln. Eine diffizile Gratwanderung, welche die Künstlerin souverän und mit Bravour meistert.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, freie Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich.

Bis: 04.07.2010


23.6. Werkgespraech mit Sonja Feldmeier und Ingrid Feigl (Psychoanalytikerin, Zuerich)

Sonja Feldmeier (*1965, Zuerich)
1986 Hochschule fuer Gestaltung und Kunst, Luzern
1987-1990 Hochschule fuer Gestaltung und Kunst, Basel

Einzelausstellungen (Auswahl, seit 2000)
2009 "In Your Room", Galerie Ruzicska/Weiss, Duesseldorf
2007 "Inhale Exhale", Kunst Halle Sankt Gallen; "Lost Call", Ausstellungsraum Klingental, Basel
2006 "Repatriated Territories", Spazio Culturale La Rada, Locarno; "Evacuated", Seifenfabrik, Basel;
"Dark Angel", Galerie Hans-Trudel-Haus, Baden
2005 "Feedback", o.T. Raum fuer aktuelle Kunst, Luzern; "Meter hinter dem Meeresspiegel", Galerie Parisa Kind, Frankfurt/M



Links

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Ausgabe 6  2010
Ausstellungen Sonja Feldmeier [08.04.10-04.07.10]
Video Video
Institutionen Kunstraum Baden [Baden/Schweiz]
Autor/in Irene Müller
Künstler/in Sonja Feldmeier
Link http://www.sonjafeldmeier.com
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