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Fokus
6.2010


 2008 beschloss die Vereinigung Schweizer Kunstmuseen Verhandlungen mit der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris aufzunehmen, um einen Rahmenvertrag mit verbesserten Bedingungen für die Nutzung von Bildrechten durch alle Kunstmuseen zu erreichen. Nach anderthalb Jahre dauernden Gesprächen haben die Museen bei ProLitteris nichts erreicht. Am Ende geht dies zulasten der Künstler und Künstlerinnen.


Recht - Wem dient ProLitteris?


von: Dieter Schwarz



Die Ausgangslage ist klar: Das Urheberrecht regelt unter anderem die Abgeltung von Autorenrechten, zu denen auch die Bildrechte zählen. Das heisst, dass die Museen für die Nutzung von Bildern bezahlen müssen, wenn sie diese im Rahmen der Vermittlung von Kunstwerken reproduzieren. Nun sind die Museen als öffentliche Institutionen keine Piraten, und sie haben nicht im Sinne, Recht zu brechen und sich um die Bezahlung von geschuldeten Beträgen zu drücken. Es geht ihnen einzig darum, ihre Arbeit zur Förderung von Künstlern und Künstlerinnen möglichst ungehindert ausführen zu können und sich über die Abgeltung der Rechte und deren Höhe mit der Verwertungsgesellschaft auseinanderzusetzen.
Es ist einsichtig, dass Autoren und Autorinnen von literarischen und musikalischen Werken für deren Abdruck bzw. für deren Aufführung entschädigt werden müssen, denn sie beziehen aus der Vervielfältigung und Wiedergabe ihr Einkommen. Für Werke der bildenden Kunst sieht das Urheberrecht zwar dasselbe vor, doch in Wirklichkeit verhält es sich anders: Ein Werk dieser Art ist ein einmaliges materielles Objekt, dessen Verkaufspreis aus diesem Grund sehr viel höher ist als derjenige eines Buches, einer Schallplatte oder einer Theaterkarte. Künstler und Künstlerinnen leben vom Verkauf des Werks selbst und nicht vom Erlös aus seinen Reproduktionen, und ihre Ausstellungen haben auch zum Ziel, Werke zu veräussern. Reproduktionen von Kunstwerken auf Einladungskarten und Plakaten, in Katalogen und in den Medien dienen der Promotion ihrer Arbeit und der Steigerung ihres Marktwerts. Sie können also an einem restriktiven Urheberrecht und an hohen Abgeltungen nicht inte­ressiert sein, denn sie wünschen sich, dass die Museen ihre Werke möglichst häufig und gut sichtbar abbilden und verbreiten.
Dass es kommerzielle Verwertungen von Kunstwerken gibt, die auf Postkarten und auf allen möglichen Alltagsgegenständen vom Badetuch bis zur Kaffeetasse abgebildet werden, ist unbestritten. Diese Nutzungen lassen sich jedoch klar von der Kerntätigkeit der Museen unterscheiden, die ihnen keinen Gewinn bringt. Leider haben diese Überlegungen im Urheberrecht noch keinen Niederschlag gefunden, und so müssen sich die Museen mit der Situation abfinden, dass eine grosse Zahl von Nutzungen kostenpflichtig ist. Was die Museen jedoch erwarten dürfen, ist eine Urheberrechtsgesellschaft, die als Vertreterin der Künstlerschaft in deren Sinn handelt und die Museen in ihrer Arbeit zugunsten der Künstler und Künstlerinnen unterstützt. Dies würde sie tun, wenn sie sich nicht in der Rolle desjenigen sähe, der mittels Erlaubnisvorbehalt die Reproduktionen kontrolliert; sie müsste diese ermöglichen, ohne sich dabei mit ihrem Label stets selbst in den Vordergrund zu rücken. Ferner könnte sie dies tun, indem sie, wie die Museen dies in den genannten Verhandlungen vorgeschlagen hatten, klar zwischen kommerziellen und nicht-kommerziellen Nutzungen unterscheidet - nicht nur in der Sache, sondern auch im Tarif.

Kunst vermitteln oder Nutzungsrechte bezahlen?

Vor einigen Jahren erstritt das Genfer Musée d'art et d'histoire vor Bundesgericht die freie Nutzung von Abbildungen von Leihgaben in Ausstellungs- und Sammlungskatalogen, die seither gewährleistet ist. Solche Kataloge sind in den allermeisten Fällen keine kommerziellen Objekte, vielmehr muss der vorhersehbare finanzielle Verlust aus Museumsmitteln und aus Beiträgen von Stiftungen und Privaten gedeckt werden. Ich wüsste nicht, dass sich Künstler je mit dem Argument gegen einen Katalog gewehrt hätten, sie würden dafür keine Abgeltung für Bildnutzung ausbezahlt erhalten. Dass die Museen sich von ProLitteris wünschen, Kunstwerke auch auf Einladungskarten, Plakaten, in Flyers und Anzeigen für Ausstellungen kostenfrei reproduzieren zu dürfen, um ihrem Vermittlungsauftrag nachzukommen, ist nicht abseitig: Die EU hat ihren Mitgliedstaaten 2001 das Recht eingeräumt, in gewissen Sonderfällen, etwa zum Zweck der Ausstellungswerbung, Ausnahmen vom Urheberrecht vorzusehen. Werden die ohnehin knappen Mittel der Museen für die Öffentlichkeitsarbeit noch dadurch geschmälert, dass daraus ansehnliche Beträge an ProLitteris abgeführt werden, dann kann dies die Künstler und Künstlerinnen nicht freuen.
ProLitteris zeigte dafür bisher kein Verständnis; sie verhält sich dirigistisch, beharrt auf ihren Tarifen und baut aus dem Erlös ihren Kontrollapparat aus. Muss sich der Gesetzgeber nicht fragen, ob es einer lebendigen Kunstszene förderlich ist, wenn eine Urheberrechtsgesellschaft Mittel von den Museen abzieht, die aus kommunalen und kantonalen Subventionen stammen und die im Dienste von Künstlerschaft und Publikum weit sinnvoller verwendet werden könnten?

Dieter Schwarz, Direktor Kunstmuseum Winterthur und Präsident der Vereinigung Schweizer Kunstmuseen/VKS, lebt in Zürich.



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Ausgabe 6  2010
Autor/in Dieter Schwarz
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