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Artists in Residence
6.2010


 Die Kuratorin Samar Martha (*1970 Jerusalem, lebt in Ramallah) hält sich bis Juni im Gastatelier Krone auf. Dieses besteht seit 1985 und betreibt ein Austauschprogramm mit indischen und palästinensischen Künstler/innen. Als Trägerschaft engagiert sich eine Arbeitsgruppe sowie die Stadt Aarau und das Aargauer Kuratorium. Martha hatte in der Vergangenheit palästinensische Künstler für das Gästeatelier ausgewählt und wurde nun von dessen Leiter Wenzel A. Haller gebeten, selber einmal in die Schweiz zu kommen. Im Juni eröffnet ihre Ausstellung im Forum Schlossplatz in Aarau, in der sie Arbeiten von vier momentan in der Schweiz anwesenden Gastkünstlern zeigt. Dies bietet Anlass, sie in der Rubrik Gastlabor vorzustellen.


Samar Martha - Man wünscht sich ein einigermassen normales Leben


  
Samar Martha recherchiert fuer die geplante Gruppenausstellung im Forum Schlossplatz Aarau. Foto: Bjoern Allemann


Kielmayer: Du bist für ein halbes Jahr in der Schweiz, was hast du alles vor?

Martha: Ich reise viel und schaue mir Atelierprogramme an. Mich interessiert insbesondere, ob und inwiefern die Aufenthalte die künstlerische Produktion beeinflussen. Parallel dazu arbeite ich an einer Publikation über Palästinas Videoszene.

Kielmayer: Hattest du Schwierigkeiten, mit der lokalen Kunstszene in Kontakt zu kommen?

Martha: Ich bin eine sehr soziale Person und gehe zu vielen Eröffnungen. Das Eis ist zwar nicht immer einfach zu brechen, doch die Leute hier sind freundlich und offen. Ich denke, als Kuratorin ist es grundsätzlich einfacher, mit hiesigen Künstlern und Kuratoren in Kontakt zu kommen, als für Künstler. In Städten wie London dauert es drei Monate, bis man einen Termin bekommt, hier nur eine Woche!

Kielmayer: Wie muss man sich die Situation der zeitgenössischen Kunst in Palästina vorstellen?

Martha: Ein Museum für zeitgenössische Kunst gibt es nicht, doch in allen grösseren Städten sogenannte Art Centres. Nach Mona Hatoum und später Emily Jacir hat die internationale Kunstszene tatsächlich wieder ein Interesse an Palästina, doch werden die Künstler meistens im Rahmen eines ganz spezifischen Ausstellungskontexts, insbesondere zum Thema Krieg eingeladen. Die Künstler mögen das nicht, und in der Tat gibt es Positionen, die weit über jede politische Aussage hinausgehen.

Kielmayer: Was hältst du von der Schweizer Kunst? Ist dir etwas Besonderes aufgefallen?

Martha: Schweizer Künstler beschäftigen sich eher persönlich als kritisch mit der Welt; es geht selten um soziale oder politische Inhalte. Ich mag das sehr, und doch wundere ich mich, dass man sich nicht mehr mit Themen wie Umweltverschmutzung oder der Finanzkrise beschäftigt.

Kielmayer: Die Finanzkrise betraf die meisten Menschen hier nicht unmittelbar; zudem müsste man wohl sehr viel wissen, um einen intelligenten Kommentar zur Finanzkrise in Form eines Kunstwerkes abzugeben; so gesehen bin ich froh, dass es selten geschehen ist.

Martha: Bei den Ausstellungen ist mir aufgefallen, dass vor allem in grösseren Städten das Programm sehr international ausgerichtet ist und auch bei grossen Gruppenausstellungen kaum Schweizer Positionen dabei sind.

Kielmayer: In der Tat gibt es in der Schweiz eigentlich zwei Kunstszenen, eine nationale und eine internationale, die friedlich koexistieren, sich jedoch kaum mischen. Wie steht's in Palästina?

Martha: Wir haben ein Kulturministerium, aber es hat kein Geld und folglich wenig Einfluss. Wenn jemand etwas über palästinensische Künstler erfahren möchte, so kommt man eher zu uns an die ArtSchool. Beim Kulturministerium ist man sich dessen bewusst und arbeitet deshalb mit uns zusammen. Wir werden für fachliche Entscheidungen beigezogen und können sogar Kritik anbringen.

Kielmayer: Die Kommunikation zwischen Politik und zeitgenössischer Kunst ist auch in der Schweiz nicht unproblematisch. Bis in die Achtzigerjahre hatten viele kulturelle Initiativen reale politische Konsequenzen, insbesondere die heutigen Förderstrukturen gingen daraus hervor. Aber seitdem haben es die Protagonisten zeitgenössischer Kunst nicht geschafft, im politischen System eine Lobby aufzubauen und sich derart Gehör zu verschaffen. Da scheint mir der Zustand in Palästina vorbildlich!

Martha: Man muss bedenken, dass in Palästina die NGOs sehr stark sind; nicht nur das Kultur-, sondern auch das Bildungs- und Gesundheitswesen werden von ihnen getragen. Um eine Zusammenarbeit kommt man gar nicht herum.

Kielmayer: In Europa scheint mir der extreme Wohlstand momentan eher zu gesellschaftlicher Segregation zu führen. Nun frage ich mich, ob eine so schwierige Situation wie in Palästina umgekehrt auch positive Folgen hat.

Martha: Palästina befindet sich in der Tat in einer Dauerkrise. Du hast Recht, vielleicht sind die Leute gerade deshalb so hilfsbereit, es gibt einen sehr offenen Umgang miteinander und eine hohe soziale Kohärenz. Um Hamas, Fatah oder PLO kümmert sich kaum mehr jemand, denn sie repräsentieren die Palästinenser schon lange nicht mehr. Wenn man in einem dauernden Durcheinander wie in Palästina lebt, wird einem die ganze Politik egal, weil man sich eigentlich nur ein einigermassen normales Leben und ein menschliches Dasein wünscht.

Kielmayer:
Auch hier kümmert sich kaum jemand um Politik; allerdings nicht aus Resignation, sondern eher, weil es im Grunde ganz gut läuft. Gibt es eigentlich ein gemeinsames Projekt mit der Schweiz, hast du Kontakt zur Pro Helvetia?

Martha: Ja, wir sind in Kontakt. Das ist übrigens ein weiterer Grund für mich, hier zu sein: nämlich die Schweizer Künstler für einen Aufenthalt in Palästina zu begeistern.


Samar Martha, Leiterin der ArtSchool Palestine, kuratiert: Fawzy Emrany (palästinensischer Gastkünstler der Kunst Halle St. Gallen) und Sook Jon Ji (amerikanische Gastkünstlerin der iaab Riehen), Forum Schlossplatz Aarau, 11.-27.6.

Dieser Text erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, ­Schwerpunkt Übersetzungsförderung «Moving Words».

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Ausgabe 6  2010
Autor/in Oliver Kielmayer
Künstler/in Samar Martha
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