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Besprechung
6.2010


Alice Henkes :  Die Berliner Künstlerin Kathrin Sonntag siedelt ihre formal konstruktivistisch geschulten Bildinszenierungen auf dem schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion an und ergründet, wie durch eine Verschiebung des Blickpunktes die Bedeutung der Dinge ins Irrationale umschlagen kann.


Bern : Kathrin Sonntag


  
Kathrin Sonntag · L, 2008, 2 Piezo Prints, je 95 x 61 cm,Courtesy annex14 Bern und Galerie Kamm Berlin


Für Sigmund Freud war das Es der unbewusste Anteil einer Persönlichkeit, bei Stephen King wurde es zur Metapher des Unheilvollen. Kathrin Sonntag wählt das Personalpronomen «Es» zum Titel einer Bildserie, die auf Fotodokumenten übersinnlicher Erscheinungen basiert. Bilder schwebender Tische und tanzender Stühle nutzt Sonntag zu einem reflexionsreichen Spaziergang auf der Grenze zwischen Realität und Imagination.
Thematisch schliesst Kathrin Sonntag (*1981) in ihrer Schau bei Annex 14, ihrer ersten Galerieausstellung in der Schweiz, an Arbeiten wie «Dracula's Ghost» an, ein filmischer Essay, in dem sie untersucht, wie der Mythos vom untoten Fürsten Dracula ein Kapitel rumänischer Vergangenheit märchenhaft verklärt und zur Tourismus-Attraktion umgestaltet. Formal kennzeichnen ihre fotografischen Arbeiten die Verwendung von Spiegelungen und Brechungen, die an die strenge Linienführung des Konstruktivismus erinnern und dennoch die räumlichen Verhältnisse zum Tanzen bringen. Sonntag sucht mit ihren Bildinszenierungen und behutsamen Bearbeitungen von Fotomaterial Momente einzufangen, in denen die Abstraktion in den Alltag eindringt. Vornehmlich interessiert sie in all ihren Arbeiten die Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion, die kaum merkliche Grenze zwischen dem Profanen und Poetischen, dem Vertrauten und dem Unheimlichen, sowie die Frage, wie leicht ganz gewöhnliche Dinge den Anschein des Irrationalen und Übersinnlichen erhalten können - je nach Blickwinkel des Betrachters. Das Verhaftetsein in der Alltagsrealität bei gleichzeitiger Offenlegung von dessen magischem Potenzial ist dabei das verbindende Glied über die von ihr gewählten, unterschiedlichen Medien hinweg.
Sonntag hat 2007 an der Sommerakademie im Zentrum Paul Klee in Bern teilgenommen und wurde im vergangenen Jahr bei den Swiss Art Awards mit dem Preis der Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung ausgezeichnet. In ihrer Berner Ausstellung «Es» nutzt sie die eigenwillige Ästhetik und die spezifischen Ideen spiritistischer Gegenwelten als Ausgangspunkt intelligenter Medien-Reflexionen. So zeigt sie fotografische Arbeiten mit komplex inszenierten Räumen, die auch den Standort der Kamera reflektieren und somit wiederum auf die Position des Betrachters verweisen, dessen Blick und Interpretation letztlich über die inhaltliche Wahrnehmung und Deutung eines Bildes entscheidet.

Bis: 19.06.2010



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Ausgabe 6  2010
Ausstellungen Kathrin Sonntag [07.05.10-12.06.10]
Institutionen annex14 [Zürich/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Kathrin Sonntag
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