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Besprechung
6.2010


Ursula Badrutt Schoch :  Mit «Ganz und gar» (Well and Truly) zeigt Roni Horn im Kunsthaus Bregenz auf vier Stockwerken, welchen Reichtum karge Inszenierungen entwickeln können. Die in den letzten sechs Jahren entstandenen Werkgruppen kreisen um die Veränderung des scheinbar Gleichen.


Bregenz : Roni Horn, «Well and Truly»


  
links: Roni Horn · a.k.a., 2008/09, Tintenstrahldrucke auf Hadernpapier, 15 Paare, je 43 x 38 cm, Courtesy Hauser & Wirth
rechts: Roni Horn · Well and Truly, 2009/10, massiv gegossenes blaues Glas, 10 Teile, Ausstellungsansicht, Courtesy Kunsthaus Bregenz, Roni Horn. Foto: Stefan Altenburger


Die jüngste Arbeit, die der Ausstellung den Namen gibt, kommt zuletzt. Im obersten Stockwerk liegen verteilt zehn Zylinder in Farben unterschiedlicher Himmelsbläue, als wären sie Bohrproben vom Firmament. Die etwa kniehohen Objekte in matter Ummantelung und glasklar heller Oberfläche locken in ihrer Haptik. Man will berühren und spüren, was das ist. Auskunft gibt die Werkliste: massiv gegossenes Glas. Die Wirkung von «Well and Truly» ist flüssig, ähnlich den hohen, mit unterschiedlichen Wassern gefüllten Zylindern, die Roni Horn (*1955) für ihre Bibliothek des Wassers in Reykjavik gemacht hat. Und man denkt an ihren Satz «Sieht Wasser je wie Wasser aus?» Das Wetter scheint sich in den Glaszylindern verfangen zu haben, wie es dies auch im See draussen tut. Der Dialog zwischen der künstlerischen Arbeit und dem Lichtbau von Peter Zumthor kommt zu neuen Höchstleistungen.
Draussen auf den Billboards der dicht befahrenen Seestrasse entlang zeigt Roni Horn Arbeiten aus «You are the Weather», der 100-teiligen Fotoserie von 1994/95 mit der Nahaufnahme immer derselben Frau im Wasser, auf deren Gesicht sich die Stimmungen von innen und aussen gleichzeitig spiegeln, kreuzen, mischen. Obwohl die Natur als Sujet im Kunsthaus selber nicht präsent ist, spürt man hinter den Objekten der Rauminstallationen die intensive Beziehung der in New York und Island lebenden Künstlerin zu Wind und Wetter, den vier Elementen, dem Kommen und Gehen.
Den Auftakt machen im Foyer grosse Papierschnitte eigener roher Pigmentzeichnungen, die in mathematisch konstruktiver Klarheit von kristallinen Gebilden sich in gordische Knoten, Labyrinthe, verwunschene Flechtwerke verwandeln. Es folgt «White Dickinson», bestehend aus Aluleisten, die an die Wand gelehnt sind, mit unterschiedlich langen Gedichtanfängen der von Roni Horn verehrten Seelenverwandten Emily Dickinson (1830-1886). «Nature is so sudden she makes us all antique» ist da etwa zu lesen, oder «The career of flowers differs from ours only in inaudibleness». Die Worte sind als massive Kunststoffeinsätze eingelassen und verwandeln sich bei Seitenansicht in die stumme Geheimsprache von Codes. Auf Unsichtbares mehrfach sensibilisiert offenbart sich mit «a.k.a.» ein weiteres Seh-Erlebnis. 30 zu Paaren geordnete Fotoporträts zeigen immer die Künstlerin, aber im Alter zwischen zwei und 54 Jahren. Die an der «Art Unlimited» 2009 in Basel (Galerie Hauser & Wirth) bereits zu entdeckende Fotoarbeit holt das Wesen, das eine Person ausmacht, an die Oberfläche. Dazu gehört auch die Spannung zwischen Anfang und Ende, Werden und Vergehen.

Bis: 04.07.2010



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Ausgabe 6  2010
Ausstellungen Roni Horn [24.04.10-04.07.10]
Institutionen Kunsthaus Bregenz [Bregenz/Österreich]
Autor/in Ursula Badrutt Schoch
Künstler/in Roni Horn
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