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Besprechung
6.2010


J. Emil Sennewald :  Erstmals zeigt das Centre Pompidou eine umfangreiche Überblicksschau zur jüngeren Kunst aus Osteuropa. Ein Trendthema, zu dem noch viel zu sagen ist. Im Beaubourg gerät es dank Monika Sosnowskas Display zum zackigen Parcours - zwischen Dokumentation, Verwandtschaft und Vergessen.


Paris : Les Promesses du passé


  
Dimitri Prigov · Couple, 2006, Scotch-Tape auf Foto, 40 x 33 cm, Courtesy Galerie Sandmann, Berlin


Den Engel der Geschichte, wir erinnern Walter Benjamins geflügeltes Wort, bläst der Fortschritt rücklings in die Zukunft, mit Blick zurück auf einen Schutthaufen. Cyprien Gaillards Schutthaufen-Foto «Cairns», 2008, dokumentiert am Eingang zu «Les promesses du passé» den Umgang mit einer Zeit, die glaubte, soziale Ungleichheit umbauen zu können. Heute gilt es, die Brüche der Geschichte zu bearbeiten, betont Ko-Kuratorin Joanna Mytkowska, Direktorin für das Museum für Moderne Kunst in Warschau (Eröffnung 2012). Sie entfaltet «utopische Potenziale, Kritik an Geschichte und Angebote zur Gestaltung der Zukunft» aus der Kunst - zuletzt mit «Early Years» in den Berliner Kunstwerken (siehe KB 5/2010, S. 62) - und mit Akzent auf Dematerialisierung und Anti-Art in Paris.
Verkörpert wird dieser utopische Geist durch die Gruppe «Gorgona». Aktiv zwischen 1959 und 1966, beeinflusst von Fluxus und Yves Klein, liess sie sich nicht zwischen Klischees und Blöcken einschliessen, sondern verliess früh den Bildraum und baute Rauschenberg'sche Objekte mit viel Humor. Nebenan stehen die Manifeste des Theoretikers Mangelos in einer scharf auskragenden Spitze des Ausstellungs­parcours, gebaut von Monika Sosnowska, polnische Meisterin des Raumgedächtnisses. Manche finden sich darin zu sehr in die Ecke geklemmt, wie Sanja Ivekovi´c. Ihre Performance «Triangle», 1979, für die sie auf ihrem Balkon unter den Augen eines Sicherheitsbeamten während der Parade von Präsident Tito in Zagreb zu masturbieren vorgab, steht für politische Brisanz im Rollenspiel. Fern von Schockerlebnissen, wie sie jüngst noch «Gender Check» in der Warschauer Nationalgalerie «Zacheta» erzeugte, reflektiert man in Paris auf den Einsatz von Kunst.
Hinreissend sind die Filme «Balta Alba», 1980, und «Boxing», 1977, von Ion Grigorescu, in denen sich surrealistischer Witz und politische Tragik überlagern. Diese wurden jüngst entdeckt von Mircea Cantor einem jener weltkritischen Künstlern, die einen «dritten Weg» (Vit Havránek) zwischen öffentlicher Aktion und privater Reflexion öffnen. Davon könnte man lernen, würde im Pompidou nicht die Absicht im Wege stehen, «eine diskontinuierliche Geschichte der Kunst aus Ex-Osteuropa» zu erzählen. So wenig es ein «Ex-Westeuropa» gibt, so wenig «existiert Osteuropa nicht mehr». Es lebt im Risiko durch Kunst. Zwischen informativer Beschilderung und kunsthistorischer Kontextualisierung blitzt hier hervor, was aus Versprechen neue Wirklichkeit macht: Mut zum Andershandeln.

Bis: 19.07.2010



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Ausgabe 6  2010
Ausstellungen Les Promesses du Passé [14.04.10-19.07.10]
Institutionen Centre Pompidou [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Cyprien Gaillard
Künstler/in Monika Sosnowska
Künstler/in Ion Grigorescu
Künstler/in Gorgona
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