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Besprechung
6.2010


Konrad Tobler :  Ein Element genügt dem Solothurner Plastiker Gunter Frentzel, um Objekte voller Licht und Schatten zu schaffen. Das Element von Frentzel sind Vierkant-Metallstäbe. Im Haus der Kunst St. Joseph in Solothurn gibt der Künstler in der ehemaligen Klosterkirche einen Einblick in sein Schaffen.


Solothurn : Gunter Frentzel, «Stab auf Stab»


  
Gunter Frentzel · Ausstellungsansicht, 2010, Haus der Kunst Solothurn. Foto: Pascal Hegner


Stab für Stab für Stab für Stab für Stab. So baut Gunter Frentzel (*1935, Berlin) seine Skulpturen auf. Jeder Abstand ist genau bemessen: der Durchmesser eines Vierkantstabes. Ausgangspunkt im langwierigen Aufbau sind geometrische Figuren - Drei- und Viereck, ein Kreis, zwei ineinander greifende Kreise. Erstaunlich, wie viele Variationen sich aus diesem einfachen, aber immer auf höchster Präzision beruhenden Dispositiv ergeben. Reizvoll, wie verschieden jede Variation wirkt. Spannend, welche Spannungen sich dabei ergeben. Eine dieser Spannungen resultiert daraus, dass die Stäbe einzig durch die Schwerkraft der Dinge gehalten werden, selbst wenn ein Objekt in eine tendenzielle Schräglage gebracht ist - es hält, behält dabei gleichzeitig seine Labilität. Diese paart sich mit dem Filigranen. Denn eine zweite Spannung zeichnet sich dadurch ab, dass die Überschneidungen der Stäbe zu einem vielfältigen Moiré-Spiel von Licht und Schatten führen, das sich auf dem Boden fortsetzt und so Objekt und Raum verbindet.
Frentzels Kunst besteht darin, das Schwere mit dem Leichten zu verbinden, die Materialität des Metalls mit dem Immateriellen der Zwischen- und Leerräume, das Einfache der geometrischen Grundfigur mit der Komplexität der Wirkung. Im Wechselspiel dieser Aspekte lotet der Künstler eine skulpturale Sprache aus, die - ganz eigenständig - durchaus in der Tradition der Minimal Art steht. Dass hier das Skulpturale in einer paradoxen Wendung nomadisch wird, macht einen zusätzlichen Reiz aus - weil nichts fix, weil alles labil ist, die Objekte ohne viel Aufwand wieder zusammengeräumt werden könnten und dann wieder zu einer banalen Anhäufung von halbindustriellen Elementen würden. Im kunstvollen Aufbau aber ergeben sich eigentliche Zeichnungen im Raum, die voller Bewegung sind und durch die Mobilität des Betrachters zusätzlich in Bewegung gesetzt werden: ein ständiges Changieren, wechselnde Schattierungen, stille Schwingungen, aufkommende Steigerungen.
Denn die räumlich-materielle Zeichnung ist das eine. Das andere ist ein Vibrieren, das sich immer deutlicher abzeichnet. Das ist, gewiss, in erster Linie visuell zu verstehen. Aber nicht nur, denn mehr und mehr werden die Raumzeichnungen zu einer Art Partitur. Die Abstände und die Verschiebungen kennzeichnen dann staccatoartige Rhythmen, die Zwischen- oder Leerräume werden zu Modulationen. Gut denkbar also, dass ein Musiker zu diesen Materialrhythmen improvisieren könnte. Eine schöne Vorstellung.

Bis: 04.07.2010



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Ausgabe 6  2010
Ausstellungen Gunter Frentzel [30.04.10-04.07.10]
Institutionen Haus der Kunst St. Josef [Solothurn/Schweiz]
Autor/in Konrad Tobler
Künstler/in Gunter Frentzel
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