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Besprechung
6.2010


Isabel Friedli :  «Ist es ein Loch, oder ist es ein Bild?» Die Werke von Martina Gmür haben die Knappheit einprägsamer Formulierungen und die Treffsicherheit zielgerichteter Fragestellungen. Jedes Bild ein Pfeil, der mitten in den Kern einer künstlerischen Thematik trifft und so den Diskurs um Malerei am Laufen hält.


Basel : Martina Gmür, «Das Loch»


  
links: Martina Gmür · Der Fisch hat keine Angst, 2009, 41 x 52 cm, Acryl auf Holz
rechts: Martina Gmür · Grotte, 2009, 139 x 102 cm, Gouache auf Holz und Mond, 2010, 60 x 70 cm, Eitempera auf Holz, Courtesy Galerie Stampa, Basel


Zum Beispiel «Grotte», 2009: Das Werk spielt mit der die Malerei charakterisierenden Dualität von Dinghaftigkeit und Illusion. Die ausgeschnittene Aussparung in einer bemalten Holztafel wird zur Öffnung einer Felshöhle, zu einem Loch, das nach draussen führt, einem Durchgang oder einer Fehlstelle. Dort, wo nichts ist, ergibt sich das Bild, erscheint das Abwesende im Blickfeld.
Martina Gmür (*1979) reflektiert Fragen zur Malerei mit grosser Unbefangenheit und Unmittelbarkeit. Es sind einfache Begebenheiten und Situationen, die von der Künstlerin ins Bild überführt werden, Objekte, die sich wie Schmetterlinge im Fangnetz ihrer Aufmerksamkeit festsetzen. Isoliert von ihrem Kontext - Gmür arbeitet häufig mit bildlichen Momentaufnahmen - erscheinen die Motive auf dem Bildträger, ohne auf diesem mittels Perspektive oder anderen Koordinatennetzen räumlich klar verankert zu sein. Und doch vergegenwärtigen die Dinge durch ihre schiere Präsenz Raum, Zeit, Materialität ihres Umraumes und bestimmte Stimmungen. Der Fisch in «Der Fisch hat keine Angst», 2009, schwimmt im kühlen Nass, keine Frage, und bei «Swimming with Horses», 2008, meint man das Tosen des Wassers und das Schnauben des Pferdes zu hören. Diese Wandskulptur zeigt die ausgesägte Silhouette einer Reiterin auf einem schwimmenden Pferd; das Wasser ergänzt man in Gedanken, während die Grenze zwischen Galeriewand und Binnenraum der Skulptur verschmilzt.
Gmürs Malerei regt uns dazu an, das Motiv in Gedanken zu erweitern und zu ergänzen. Dieser Prozess fordert die Bereitschaft, sich in das Bild hineinzuversetzen und sich in dessen Gesetzmässigkeiten einzudenken. Die Radikalität dieses Anspruchs wird offensichtlich in «Abidjan», 2010, einer Rauminstallation, die sich diagonal durch den Galerieraum zieht: eine ausladende Wand aus Holzplatten mit ausgesägten Löchern. Aus der richtungslosen Streuung der Hölzer ergibt sich erst eine Struktur, wenn die Wahrnehmung auf die richtige Distanz eingestellt ist. Dann finden wir uns unvermittelt inmitten einer Stadtlandschaft wieder, können den Blick in einem urbanen Dschungel aus Hochhäusern und beleuchteten Strassenschluchten auf Wanderschaft schicken. Wie in einem fotografischen Entwicklungsverfahren kristallisiert sich erst allmählich ein Bild heraus. «What you see is what you get», so einfach ist das.

Bis: 03.07.2010



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Ausgabe 6  2010
Ausstellungen Martina Gmür [20.04.10-03.07.10]
Institutionen Galerie Stampa [Basel/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Martina Gmür
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