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Fokus
7/8.2010


 Adrian Paci ist bekannt für seine komplexen filmischen Erzählungen über die Condition humaine, in denen er das Publikum auch gerne auf Irr- und Umwege führt. In seiner Ausstellung «Motion Picture(s)» im Kunsthaus Zürich reflektiert er mit Videoinstallationen und einer bemalten Kabeltrommel das Verhältnis von Malerei und Film, um damit die Frage nach dem Bild und seinen Verbreitungsmöglichkeiten neu zu lancieren.


Adrian Paci - Die verborgene Wahrheit des Moments


von: Stefan Wagner

  
links: Electric Blue, 2010, HD Video, Farbe und Ton, ca. 15' 33'
rechts: Secondo Pasolini, 2010, Acrylfarben auf Holz und Metall, 240 x 240 x 130 cm, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich.


Der rund fünfzehn Minuten lange und nach einer Softpornoserie benannte Film «Electric Blue», 2010, beginnt mit einer unerwarteten Pointe. Eine Frau wischt mühsam den Boden, um dann müde in die Kamera zu blicken: Eine alltägliche Szene, nichts Spektakuläres. Die Besetzung der Rolle birgt jedoch eine Portion Ironie. Der Künstler Adrian Paci liess die Rolle kurzerhand von der Kuratorin seiner Ausstellung, Mirjam Varadinis, spielen, die sich beim Drehen zufällig auf dem Filmset befand. Indem er die Kuratorin zur Statistin macht, legt er offen, wie leicht sich Rollen und Star-Systeme je nach Tätigkeitsfeld verschieben.
Die Geschichte des Films dagegen gestaltet sich alles andere als amüsant. Gedrängt durch einen Jobverlust und die Verpflichtungen eines Familienvaters, greift der Protagonist in «Electric Blue» zur Videokamera. Anfangs filmt er Hochzeiten und Beerdigungen, was jedoch zu wenig Verdienst einbringt. Pornofilme versprechen mehr Gewinn, gerade in einem Land wie Albanien, das Pornografie unter Strafe stellte. Die moralischen und erzieherischen Probleme, die sich durch das Business für den Familienvater ergeben, führen bald zum Abbruch des lukrativen Geschäfts. Die produzierten Videokassetten werden schleunigst mit Kriegsaufnahmen des NATO-Bombardements Serbiens überspielt. Doch der Ikonoklasmus an der eigenen Biografie erweist sich zum Ende des Films als nicht vollumfänglich geglückt, denn immer wieder flimmern zwischen den Kriegsbildern kurze Sequenzen der offenbar nicht ganz gelöschten Pornofilme durch.

Die Bedingungen der Urteilsfähigkeit
Der Künstler zelebriert in «Electric Blue» die Unabwendbarkeit des individuellen Schicksals und kombiniert das Nachdenken über die Condition humaine mit Themen wie Armut und Wertvorstellungen einer Gesellschaft. Dass er dabei mit einem Augenzwinkern statt mit dem Zeigefinger agiert, lässt die Erzählung glaubhaft erscheinen. Paci selbst stellt den eigenen Status auch immer wieder zur Debatte. Unvergessen ist der Film «Vajtojca», 2002, in der eine schwarz gekleidete, alte Frau einen auf einem Bett liegenden Mann laut beweint. Die Tragik der Einstellung lässt vermuten, die Seele des Liegenden sei ins Jenseits entschwunden. Der Leib des vermeintlich Toten gehört Paci, der sich am Schluss unverhofft erhebt und lacht. Was vordergründig als geschmackloser Scherz erscheinen mag, zielt jedoch auf eine grundsätzliche Frage der Kunst: Welche Erwartungen haben Kunstwerke zu erfüllen und mit welchen Klischees geht das Publikum an Werke heran? Gibt es eine selbsterfüllende Prophezeiung, die besagt, dass künstlerische Positionen aus dem Gebiet des Balkans mit archaischen Themen in Verbindung gebracht werden müssen? Paci deckt dadurch seine eigenen kulturellen Vorurteile wie auch diejenigen des Publikums auf.

Engführung der Wirklichkeit
So einfach seine Arbeiten auf den ersten Blick daherkommen, sie sind voller Nebenschauplätze und Verwirrungen. Footage-Material wird mit neu gedrehten Szenen kombiniert. Dadurch entstehen Brüche in der Narration, aber auch in den Erwartungen der Rezipienten. «Electric Blue» basiert auf der Geschichte eines in Albanien lebenden Journalisten und wird zusätzlich mit fiktionalen Elementen angereichert. Paci stellt dadurch das, was man mit dem unscharfen Begriff «Realität» bezeichnet, zur Debatte. Das Medium Film eignet sich hierfür ideal, wird doch in der Black Box der Erfahrungsraum der Zuschauer auf das Filmbild verkürzt. Die Engführung der Wirklichkeit mit dem filmischen Geschehen nutzt der Künstler, um seine eigenen künstlerischen Metaphern zu konstruieren. Im zur Ausstellung publizierten Interview mit Mirjam Varadinis meint Paci dazu: «Tatsachen so zu beschreiben, wie sie sind, interessiert mich nicht. Mich interessieren Tatsachen nur, wenn sie eine Möglichkeit für Gedanken eröffnen, die über die Oberfläche hinausgehen.»

Die Möglichkeit der Referenz
Das Kunsthaus Zürich zeigt insgesamt acht Arbeiten des heute in Mailand lebenden Künstlers. Zunächst wird das Publikum vom Video «Albanian Stories» von 1997 empfangen. Die Tochter des Künstlers erzählt darin von dem durch Kriegsverhältnisse geprägten Leben der Familie. Hat man den Ausstellungsraum betreten, fällt der Blick auf eine grosse, bemalte Holzscheibe, die sich als Kabeltrommel entpuppt. «Secondo Pasolini», 2010, heisst das Objekt, das einige Spielszenen aus «Canterburry Tales» zeigt - ein bildgewaltiges Monumentalwerk von Pier Paolo Pasolini, der das Mittelalter 1980 als triebhafte und lüsterne Zeit darstellte. Das Interesse Pacis an Pasolini ist dessen Fähigkeit, Bilder und Gesichter zu inszenieren. Filmische Parallelen zu Pasolinis Werk sind in den Close-ups von zerfurchten Charaktergesichtern zu suchen, die Paci in seiner Heimatstadt Skhoder findet und die er in seinen Filmen schon fast in ikonischer Weise zelebriert. In «Turn on», 2004, wird dies besonders deutlich. Tagelöhner, in Nahaufnahme und im Gruppenbild auf einer Treppe festgehalten, starten benzinbetriebene Stromgeneratoren. Ein ohrenbetäubender Lärm breitet sich im Kinoraum aus, wie einst in den Strassen Albaniens, als es dort zu Stromunterbrüchen kam.
Die original auf 35 mm Film gedrehte Arbeit «Per Speculum», 2006, die im Loop mit «Turn on» und «Centro de Parmanenza Temporanea», 2008, gezeigt wird, ist vordergründig eine motivische Anlehnung an die Landschaftsmalerei. Im Filmverlauf erhärtet sich der Verdacht, dass Paci sich darüber hinaus für die Elixiere der Bildgestaltung interessiert. Er arbeitet - wie der Filmtitel bereits sagt - mit dem selbstreflexiven Symbol schlechthin: Ein grosser Spiegel zerbricht und ordnet die Komposition des Filmbilds neu.

Dehnung des Moments
Die fast schon magische Dekonstruktion und Neuordnungen der Quadrage wird in «Britma», 2009, weitergetrieben. Ein Foto zweier Kinder auf einer Kiesstrasse ist zunächst klar zu erkennen, doch verwischt zunehmend. Das Spiel mit der Bildschärfe lenkt die Konzentration auf das zentrale Motiv - ein uns entgegenstürzendes Kind mit aufgerissenem Mund - das auf den symbolistischen Schrei Edvard Munchs verweist. Gleichzeitig ist es eine Neuerweckung und Interpretation des Moments, in welchem der gedrückte Auslöser der Kamera das Kind aufzeichnete. «Britma» argumentiert mit einem neuen Raum-Zeit-Kontinuum. Das wiederum ist als Referenz an einen historischen Vorgänger, die Tableaux vivantes, zu verstehen.
Formal ähnlich verhält es sich mit «The Last Gestures», 2009. Die kurzen Gesten einer Braut beim Abschied von ihrer Familie werden zeitlich gedehnt. Paci ist auf der Suche nach einer ihm verborgenen Wahrheit des Moments. Vielleicht ist das aber auch einfach nur Melancholie, die Gewissheit, dass etwas stets zu entschwinden droht, sobald man dessen habhaft werden will.
Die neuesten Arbeiten sind als deutliche Geste hin zu Malerei und deren Authentizitätsanspruch zu verstehen, den Moment subjektiver festzuhalten und nachdrücklicher zu analysieren, als es die Fotografie oder der Film alleine kann. Vielleicht sind diese neuen Arbeiten als Suche des als Maler ausgebildeten Adrian Paci nach der Synthese von Malerei und Film zu verstehen, um damit die Grenzen zwischen den beiden Medien aufzulösen. Man kann gespannt sein, wie der Künstler diese Möglichkeiten weiter ausloten wird.

Stefan Wagner (*1973), Kunsthistoriker, freier Kurator und Mitbetreiber des Corner Colleges in Zürich.



Bis: 22.08.2010


"Adrian Paci. Electric Blue", Mirjam Varadinis (Hg.), Kehrer Verlag Heidelberg, 2010
"Human Condition" (Gruppenausstellung), bis 12.9., kuratiert von Adam Budak, Kunsthaus Graz
"Hospitality. Receiving Strangers", 17.9.-10.10., kuratiert von Jaroslaw Lubiak und Kamil Kuskowski, Muzeum Sztuki, Lodz

Adrian Paci (*1969, Shkoder, Albanien), lebt in Mailand

Ausgewaehlte Einzelausstellungen
2010 , Peter Blum Gallery, New York
2009 , Museo Tamayo, Mexico City; , Outlet Project Room, Istanbul
2008 , CCA, Tel Aviv; Kunstverein Hannover; , Bonnier Konsthall, Stockholm
2007 , Museum Pino Pascali, Polignano a Mare; , Bunkier Sztuki, Krakau; ,Museum am Ostwall, Dortmund; , Milton Keynes Gallery, Milton Keynes
2006 , Galleria Civica di Modena, Modena; BAK, basis voor actuele kunst, Utrecht
2005 P.S.1 Contemporary Art Center, New York; , Contemporary Arts Museum, Houston; , Moderna Museet, Stockholm



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Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen Adrian Paci [04.06.10-22.08.10]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Institutionen Muzeum Sztuki [Lodz/Polen]
Institutionen Kunsthaus Graz [Graz/Österreich]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Adrian Paci
Link http://www.museum-joanneum.at
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