Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
7/8.2010


 Es sind nicht die einzelnen Werke, welche die Ausstellung Ugo Rondinones im Aargauer Kunsthaus ausmachen. Vielmehr baut er metaphernreiche Szenerien auf und sucht so nach verschiedenen Stimmungen – des Schwebenden im Hauptgeschoss, des Bedrückenden im Untergeschoss.


Ugo Rondinone - «Die Nacht aus Blei» wiegt tonnenschwer


von: Niklaus Oberholzer

  
still.life. (johns fireplace), 2008, Bronzeguss, Farbe, 355,6 x 238,8 x 83,8 cm, Courtesy Galerie Eva Presenhuber, Zuerich. Foto: Stefan Altenburger


Es sind Bühnen für nicht geschriebene Theaterstücke, die Ugo Rondinone (*1963, Brunnen) im Aargauer Kunsthaus aufgebaut hat. Der in New York lebende Künstler mit international weit verzweigten Aktivitäten tut das mit dem Geschick des versierten Szenografen, er arbeitet allerdings, im Unterschied zum Bühnenbildner, nicht auf die Visionen eines Dramatikers hin, sondern gibt der eigenen Fantasie und jener der BesucherInnen freien Spielraum - zum Beispiel, an Beckett zu denken im ersten Raum, in dem einer seiner in Alu abgegossenen und mit schneeweisser Farbe überzogenen Olivenbäume steht. Oder im leisen Schneefall eines weiteren Saales sich selber eine lautlose Geschichte auszumalen, sich, im Untergeschoss von riesigen verschlossenen Toren umringt, klaustrophobischer Gefühle zu erwehren oder beim Blick in den Innenhof an der Künstlichkeit der schwefelgelben Kieselsteine zu laben. Diese Bühnen sind voller hier klarer, dort unbestimmt-vager Reminiszenzen an Leitfiguren und Strömungen der Kunst - Arte Povera, Bruce Nauman, Minimal Art bis hin zu Thomas Struth und Vija Celmins - oder kulturgeschichtlicher Bezüge, ob zu chinesischen Gelehrtensteinen oder zu aussereuropäischen kultischen Masken.
Theater ist ein brüchiges Spiel der Vorläufigkeit mit der Zeit. Ugo Rondinones Bühnen fehlt das Sich-Verflüchtigende oder Ephemere. Manche seiner Werke - zum Teil riesigen Formats wie die Himmelsbilder, tonnenschwer wie die Gelehrtensteine oder unglaublich aufwändig gefertigt wie der Alu-Abguss des tausendjährigen Olivenbaums - sind, ohne klar erkennbaren Grund, für die Ewigkeit geschaffen. Dem Spiel adäquat sind da eher die «Randbemerkungen» oder die Beiläufigkeiten, die es auch gibt, zum Beispiel der Abdruck der rechten Künstlerhand in der Wand, die an den Nagel gehängten Clownschuhe oder die grosse Serie von Grafitzeichnungen auf mit Gips überzogener Leinwand mit ihren leichthin skizzierten Alltagssujets.
Ein Höhepunkt des effektvollen Spielens und Kaschierens Ugo Rondinones ist zweifellos die Bemalung der gesamten Glasfassaden des Kunsthauses mit weissem Backsteinmuster. Es ist, als wolle der Künstler das Museum wie eine Festung der Kunst verrammeln und sich mit seinem Werk drinnen verschanzen, aber gleichzeitig nach aussen machtvoll die Präsenz seiner Kunst in eben diesem Haus bekunden. Der Titel der Schau - «Die Nacht aus Blei» - klingt allemal gut. Doch es fällt schwer, aus Rondinones Bühnenbildern schlüssige Bezüge zur kafkaesken grauen Welt der mythenschweren gleichnamigen Novelle des Kultautors Hans Henny Jahnn abzuleiten.

Niklaus Oberholzer, Publizist, lebt in Luzern

Bis: 01.08.2010


Monografie, JRP Ringier Zürich



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 7/8  2010
Ausstellungen Ugo Rondinone, Markus Uhr [13.05.10-01.08.10]
Video Video
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Ugo Rondinone
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=100628093821OAN-2
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.